Kultur

Sexuelle Übergriffe Warum sexuelle Gewalt auf Festivals immer noch ein Problem ist

Musikfestivals sind nicht nur tanzen, trinken, mitsingen – eine aktuelle Studie zeigt: Leider gehören auch sexuelle Übergriffe zum Festival-Alltag. Bei der Lösung des Problems sind auch die Besucher gefragt.

Von: Matthias Scherer

Stand: 12.07.2018

Mädchen crowdsurft auf Festival | Bild: picture alliance / dpa

Musikfestivals: damit assoziieren die meisten Menschen: Sonne, Lieblingsbands, gute Freunde, viel Alkohol. Was leider auch dazugehört: sexuelle Gewalt. Zwar wird das Problem seit einigen Jahren immer häufiger thematisiert – und auch vermehrt etwas dagegen getan. Trotzdem gibt es noch immer viel zu viele sexuelle Übergriffe auf Festivals.

Erschreckende Zahlen

Über 1.000 Festivalbesucherinnen und -Besucher hat das Meinungsforschungsinstitut "YouGov" zu ihren Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen befragt. 43 Prozent aller Frauen unter 40 gaben an, sexuell belästigt worden zu sein – etwa durch aggressives Antanzen oder anzügliche Kommentare. 18 Prozent aller Männer im selben Alter haben laut Studie ähnliche Erfahrungen gemacht.

Für deutsche Festivals gibt es keine vergleichbaren Zahlen – Sabine Schorpp hält es aber für wahrscheinlich, dass diese ähnlich aussehen wie in Großbritannien. Sie arbeitet als Awareness Team Leiterin beim Mini-Rock-Festival in Horb am Neckar und setzt sich für eine Festivalatmosphäre ohne sexuelle Gewalt ein. "Es geht vor allem um das Angetanztwerden," so Schorpp, "um Übergriffe, die vielleicht keine Straftaten sind, aber die persönliche Grenzen verletzen. Ich selber gehe auch gerne auf Festivals und da ist es schon oft passiert, dass ein Typ seine Hände an Stellen hat, wo er sie einfach nicht haben sollte."

Codewörter sollen Hürden senken

Beim Glastonbury Festival in Großbritannien gibt es seit 2016 Bereiche auf dem Gelände, in denen sich nur Frauen aufhalten dürfen – damit diese tanzen und feiern können, ohne Gefahr zu laufen, belästigt zu werden. Sabine Schorpp setzt auf eine andere Strategie: Sie hat auf dem Mini-Rock-Festival mit ihrem Team die Aktion "Wo ist Angela?" eingeführt. Von Übergriffen Betroffene können sich mit dieser Parole beim Sicherheitspersonal vor Ort melden, um Hilfe zu bekommen. Solche Kampagnen gibt es in Deutschland wie in Großbritannien seit ein paar Jahren – aber trotzdem haben laut "YouGov" gerade einmal ein Prozent aller betroffenen Frauen die ihnen widerfahrenen Übergriffe auch gemeldet.

Das hat mehrere Gründe: Zum einen haben noch längst nicht alle Festivals derartige Kampagnen, um gegen sexuelle Gewalt vorzugehen. Andere Festivals arbeiten zwar mit solchen Kampagnen, kommunizieren sie aber nicht effektiv genug – mit dem Ergebnis, dass die meisten Festivalgänger gar nicht wissen, was Codeworte wie “Wo ist Angela?” bedeuten. Zu guter Letzt wird Musikfans immer noch suggeriert, dass es auf Festivals nun mal "lockerer" zugeht, und das man sich doch bitte nicht so anstellen solle. Dass Menschen, die diese Argumentation vorbringen, Themen wie Brandschutz oder Notausgänge ähnlich entspannt sehen, ist allerdings fraglich.

Was getan werden muss

Wie könnte die Lösung aussehen? Festivalgänger müssen für das Thema sexuelle Gewalt sensibilisiert werden. Das sagen z.B. die Aktivisten der in London gegründeten Organisation "Good Night Out". Sie bieten Festivalveranstaltern an, das Personal im Umgang mit sexueller Gewalt zu schulen und Systeme zu entwickeln, die dazu beitragen, dass sich das Publikum sicher fühlt. Sabine Schorpp vom Mini Rock Festival findet außerdem, dass ein Festival-Booking mit mehr weiblichen Acts ein positiver Faktor im Kampf gegen sexuelle Gewalt sein könnte.

Aber auch die Festivalbesucherinnen und -Besucher selbst stehen in der Pflicht: Wer übergriffiges Verhalten bemerkt, muss es melden. Nur so kann eine Festivalatmosphäre entstehen, die alle genießen können.