Kultur

Das Theaterjahr 2017 Testosteron gegen glitzernde Oberflächen

Rechtspopulismus, Bühnen-Sexismus, Frauenquote und Rassismus - das Theaterjahr 2017 war reich an hitzigen Debatten. Die Dauererregung um den Leitungswechsel an der Berliner Volksbühne stellte allerdings alle anderen in den Schatten.

Von: Dorothea Marcus

Stand: 30.12.2017

Susanne Kennedy und eine Szene aus "Mittelreich" der Münchner Kammerspiele | Bild: Illustration: BR / Christian Sonnberger

Die Abschiedshysterie um die Berliner Volksbühne kannte 2017  keine Grenzen: Frank Castorfs Intendanz-Nachfolger Chris Dercon wurde als das "neoliberale" Böse schlechthin stilisiert, während der Vorbereitungszeit aus dem Haus gesperrt, hämisch über soziale Medien gemobbt, von realen Bier- und Kot-Attacken ganz zu schweigen. Dazu kamen zahlreiche Petitionen vor Amtsantritt und eine seltsame, sich als  "Anti-Gentrifizierungsinitiative" gebende Besetzung der Volksbühnen-Foyers.

Warum nicht erstmal machen lassen?

Der Theaterstreit schlechthin hat die Feuilletons 2017 schon fast absurd tief gespalten. Rachsüchtig übertrieben wirkte die Debatte von außen: Denn was ist dagegen zu sagen, einen seit 25 Jahren unangefochten patriarchisch regierenden Großkünstler auch mal abzulösen? Und warum sollte man ihn nicht ersetzen durch einen international erfahrenen, renommierten Großkurator und Museumsmann mit frischen Ideen, der die Tate Gallery – aber auch schon das Münchener "Haus der Kunst" erfolgreich geleitet hat? Warum die Neuen nicht erst einmal machen lassen?

Zum Jahresende, drei Monate nach Beginn von Chris Dercons erster Berliner Theatersaison und diversen Premieren, zeigt sich, dass die lokalfundamentalistisch aufgeladene Berliner Hysterie vielleicht doch mehr mit dem Rest der Republik zu tun hat als gedacht. Denn es scheint, als sei das mythische Großtheater am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz hinterrücks einem bedeutenden Strukturwandel unterworfen worden, der tief in das deutsche System von Stadt- und Staatstheatern eingreift: bewusst wird hier offenbar der traditionelle – wenn auch zweifellos reformbedürftige - Ensemble- und Repertoirebetrieb unterlaufen.

An der neuen Volksbühne sind nun kaum noch Schauspieler im festen Ensemble, von den 16 neuen Dercon-Premieren sind ein Großteil bereits ältere Arbeiten, es wird vom Umbau des Hauses in eine "Plattform" und reine Abspielstätte gesprochen. Und wie reformbedürftig deutsche Stadttheater auch immer sein mögen: es irritiert, wie planlos und unkommuniziert an einer der größten und wichtigsten Bühnen Deutschlands strukturelle Tatsachen geschaffen werden.

Vom Ende des Menschen und des Machos

Dabei ist es ja schon charmant, dass Chris Dercon die erste (und bisher einzige) komplett in der neuen Berliner Volksbühne produzierte Premiere auf der großen Bühne einer jungen Frau überlassen hat. Dort, wo der Großmacho Castorf mit Vorliebe hochhackige, leichtbekleidete und sich verausgabende Heroinen ausstellte und kaum je eine Regisseurin antrat, erzählt die 1977 geborene Susanne Kennedy in größtmöglicher Kälte eher vom Ende des Menschen – und des Schauspielers: auf einer sich drehenden, sterilen und bonbonbunten Plastik-Oberfläche sind ihre "Women in Trouble" mit Gesichtshautmasken und Stimmplayback fast identische Kopien voneinander.

Drei bis vier Frauen-Avatare schreiten so durch weibliche Leidensrollen, von Schwangerschaft über Scheidung bis Krebserkrankung und erzählen zugleich von der totalen Austauschbarkeit und Kapitalisierung des Menschen - der auf der Bühne nahezu zum Verschwinden gebracht wird. Ein Zukunftsthema, zweifellos, aber auch der größtmögliche Gegensatz zu Castorfs charismatischen, chauvinistischen und ausufernden Schauspieler-Exzessen.

Unversehens weist der unauflösbare Volksbühnen-Streit so aber auf eine andere Debatte hin, die das Jahr 2017 geprägt hat: die mangelnde Teilhabe von Frauen am so hierarchisch und weiß-männlich geprägten Großbetrieb Theater.

Frauen als konstruktiver Störfaktor

Als sich die Theaterautorin Darja Stocker im August über den strukturellen Sexismus an der Universität der Künste beklagte, war das (weibliche) Antwort-Geschrei groß – und zeigte mal wieder, dass Frau nicht ungestraft den männlich geprägten Kulturbetrieb stören darf. Der im Oktober gegründete Verein "Pro Quote Bühne" schien da wie eine konstruktive Antwort: Vier Regisseurinnen forderten mit Pressekonferenz und großem Manifest einen Frauen-Anteil von 50 Prozent an Inszenierungen, Theaterleitungen, Bühnenpräsenz und fanden großes Echo. Denn obwohl mehr als 50 Prozent der Regie-Assistentinnen Frauen seien und auch die Regie-Hochschulen genug Absolventinnen hätten, würden mehr als zwei Drittel der Theater von Männern geleitet, die auch mit über 70 Prozent aller Inszenierungen die großen Bühnen dominierten.
Jene Bühnen, die sich so kritisch gegenüber gesellschaftlichen Machtstrukturen geben, haben diese auch im Jahr 2017 fleißig mit produziert. Ob "Pro Quote Bühne" daran etwas Grundlegendes ändern wird, muss sich 2018 zeigen – es scheint, als sei das kurzzeitige Großecho auch schon wieder verpufft.

Eine spielerische Perspektivverschiebung

Und wenn man schon einmal von gerechter gesellschaftlicher Teilhabe spricht, muss auch ein anderes Missverhältnis angesprochen werden: denn auch wenn Deutschland jeder fünfte Mensch einen sogenannten "Migrationshintergrund" hat, reproduzierten die rund 150 deutschen Stadt- und Staatstheater auch 2017 weiterhin fleißig für mitteleuropäischen Mainstream.

Umso spannender war daher der Versuch der Regisseurin Anta Helena Recke, an den Münchener Kammerspielen Anna Sophie Mahlers hoch erfolgreiche Bühnenadaption des Josef-Bierbichler-Romans "Mittelreich" zu reinszenieren. Und zwar ausschließlich mit schwarzen Schauspielerinnen und Musikern: ein Novum auf deutschen Bühnen.
Die "Schwarzkopie" im Geist der "Appropriation Art" war ein der Bildenden Kunst entlehntes Stück Konzeptkunst. Es untersuchte erstmals grundlegend, was eigentlich mit Publikum und Bühnenpersonal passiert, wenn jene Bilder gebrochen werden, die in der gesamten deutschen Gesellschaft als herrische, privilegierte und nicht weiter thematisierte Selbstverständlichkeit gelten?
Die Antwort: viel.

Eine grundsätzliche Perspektivverschiebung wurde hier spielerisch ausprobiert, die erstmals unbewusste, rassistische Vorurteile künstlerisch tiefer anging als eine oberflächliche Nacherzählung von Fluchtgeschichten oder das Alibi-Engagement einzelner schwarzer Künstler im Ensemble. Erstmals saßen hier auch in nennenswerter Anzahl People of Colour überhaupt im Publikum.

Was ist Theater - und was ist Realität?

Es bleibt zu befürchten, dass die Münchener "Schwarzkopie" von "Mittelreich" 2017 eher eine Eintagsfliege im deutschen Theaterbetrieb bleibt. Das Grundthema, das sich durch die deutsche Theaterlandschaft zog, war zwischen Bochum, Berlin, Hamburg, Oberhausen, Münster und München daher ein anderes: wie umgehen mit dem neuen Rechtspopulismus in Zeiten, in denen die AfD zweistellig im Bundestag sitzt?

Mit dem listigen Bau von 24 dem Berliner Holocaust-Mahnmal nachempfundenen Betonstelen vor dem Landhaus des thüringischen AfD-Chefs Björn Höcke trieb die Berliner Künstlergruppe "Zentrum für politische Schönheit" den Diskurs zum öffentlichkeitswirksamen Jahreshöhepunkt.

Bei all den Fake-Überwachungskameras und inszenierten Forderungen wusste an dieser sozialen Plastik kaum noch jemand, was Theater war und was Realität. Das einzig unbestreitbar Echte waren wohl nur die unzähligen Hass-Postings, Anfeindungen und Morddrohungen. Besser hätte man die derzeitige Spaltung der Gesellschaft nicht auf den Punkt bringen können.

Das Theater bewegte sich 2017 so nah an der bundesdeutschen Realität wie selten zuvor. Ein guter Jahrgang.