Kultur

Richard C. Schneider Israel wird religiöser, Europa antisemitischer

"Alltag im Ausnahmezustand" heißt das neue Israel-Buch von Richard C. Schneider. Tel Aviv steht für Modernität, in Jerusalem wird sichtbar, dass religiöse Kräfte an Einfluss gewinnen. Und in Europa kehre der alte Antisemitismus wieder, so Schneider.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 19.03.2018

ARD Korrespondent Richard C. Schneider | Bild: Privatfoto von Richard C. Schneider

Siebzig Jahre alt wird der Staat Israel im Mai. Zum 50. Jahrestag der Staatsgründung hatte der Journalist Richard C. Schneider ein Buch vorgelegt mit dem Titel: "Israel am Wendepunkt": Jetzt, zwanzig Jahre später, setzt er sich wieder mit Israel auseinander: "Alltag im Ausnahmezustand" heißt das Buch. Von 2006 bis 2015 war Schneider Leiter des ARD-Studios Tel Aviv, dann einige Zeit in Rom, inzwischen ist er nach Israel zurückgekehrt. Judith Heitkamp hat mit Richard C. Schneider gesprochen.

Judith Heitkamp: "Mein Blick auf Israel", heißt Ihr Buch im Untertitel. Ist Ihr Blick anders geworden in den vielen Jahren, in denen sie sich mit diesem Staat und mit dem Nahen Osten beschäftigt haben?

Richard C. Schneider: Er ist liebevoller und kritischer zugleich geworden. Liebevoller, weil ich sehe, wie auch andere westliche demokratische Staaten mit den gleichen Problemen unter weniger bedrohlichen Umständen zu kämpfen haben. Er ist kritischer geworden: In Richtung Fundamentalismus und Extremismus ist leider eine ganze Menge passiert, eine Erodierung demokratischer Grund-Spielregeln ist auch zu beobachten. Und gleichzeitig gibt es doch immer wieder Hoffnung, dass der Staat sich selber irgendwie an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zieht und dann doch irgendwie besser funktioniert, als man es immer wieder annimmt.

Ihr Ausgangspunkt ist ja der Alltag, der "Alltag im Ausnahmezustand". An einer Stelle erzählen Sie zum Beispiel davon, wie Ihr Lieblingsrestaurant in Jerusalem auf koscheres Essen umstellt. Das ist ein Symptom für was?

Gay Pride Parade in Tel Aviv (Juni 2017)

Das ist ein Symptom dafür, dass Jerusalem im Großen und Ganzen von den Religiösen übernommen worden ist. Im Grunde genommen stehen die beiden wichtigsten Städte Tel Aviv und Jerusalem fast schon wie Metaphern: das säkulare, hedonistische, moderne, vibrierende Tel Aviv, das gleichzeitig der zweitwichtigste Hightech-Standort der Welt ist nach Silicon Valley. Und auf der anderen Seite ein Jerusalem, das immer religiöser wird, immer fanatischer, immer fundamentalistischer, von allen Seiten her. Nicht nur von Seiten der orthodoxen Juden, sondern auch auf der muslimischen Seite. Das sind sozusagen zwei Modelle, die sich gegenüberstehen und die miteinander ringen. Dieser Kulturkampf scheint im Augenblick zugunsten der rückwärtsgewandten Kräfte auszugehen – wenngleich auch diese Kräfte wissen, dass sie ohne das Wirtschaftszentrum Tel Aviv und ohne eine gewisse Offenheit und Modernität überhaupt nicht überleben können.

Aber hat "liberal" in Israel nicht auch immer was zu tun gehabt mit dem ganz konkreten Verhältnis zwischen Israelis und Arabern? Wenn ich zum Beispiel neuere Literatur aus Israel lese, von eher liberalen Stimmen wie Zeruya Shalev oder Assaf Gavron, habe ich immer den Eindruck, dass diese Idee, dass zumindest auf einer persönlichen Ebene noch so etwas wie Freundschaft oder Verständnis da sein könnte, dass das immer zerbrechlicher und auch unvorstellbarer wird.

Na ja, die Mauern werden höher auf beiden Seiten. Doch man muss auch erstmal unterscheiden: Es gibt ja 1,5 Millionen Palästinenser, die im Kernland Israels mit israelischem Pass leben. Auch wenn man teilweise in Parallelwelten lebt – das israelische Gesundheitswesen ist ohne die arabisch-israelischen Ärzte und ohne arabisch-israelische Krankenschwestern, Therapeutinnen, Pflegerinnen und Pfleger überhaupt nicht denkbar.

Ein orthodoxer Jude spielt beim Jaffator in Jerusalem Violine

Und dann gibt es natürlich den Umgang mit den Palästinensern in den besetzten Gebieten. Da ist es de facto so, dass die liberalen Kräfte, also die aufgeklärten, säkularen Israelis, mit diesen Menschen drüben auf der anderen Seite der Mauer oder des Sperrzauns  überhaupt keinen Kontakt haben, weil sie da gar nicht rüberfahren. Es gibt aber tatsächlich israelische Siedler, die sehr wohl Kontakt haben mit den Palästinensern in den umliegenden Dörfern, wie man auf der Basis des gemeinsamen religiösen Verständnisses zu einem Zusammenleben kommen könnte. Es gibt andere kleine Gruppen – wohlgemerkt: das betrifft nicht die Mehrheit – die versuchen, in diesem Alltag mit den Palästinensern einigermaßen zu funktionieren und irgendwie neue Wege zu finden, ohne dass man dann bereit wäre, den Palästinensern einen Staat zu geben. Wo man ideologisch steht, ist klar. Das ist in der letzten Zeit insofern etwas schwieriger geworden, weil auf palästinensischer Seite eine ganz klare Boykottbewegung entstanden ist, die gesagt hat: Jeglicher Kontakt mit den Zionisten ist so etwas wie Kollaboration, den verweigern wir komplett. Und dadurch gehen dann natürlich auch diese kargen kleinen Ansätze, die es zum Teil gegeben hat in den besetzten Gebieten, leider wieder unter.

Mir ist aufgefallen, dass Sie in ihrer Danksagung Ihre palästinensischen Quellen und Freunde ausdrücklich nicht namentlich nennen. Warum? Weil das sanktioniert würde?

Ja, das ist genau das, was ich gerade gemeint habe mit der Boykottbewegung: dass sie in Schwierigkeiten geraten würden, wenn ich sie im gleichen Atemzug mit Israelis nennen würde oder sie auftauchen in einem Buch, das sich primär mit Israel beschäftigt. Aus diesem Grund nenne ich diese Menschen, die genauso meine Freunde sind wie die Israelis, namentlich lieber nicht.

Vor zwanzig Jahren war Bill Clinton amerikanischer Präsident, jetzt ist Trump Präsident, und die Zwei-Staaten-Lösung für Israelis und Palästinenser ist in noch weitere Ferne gerückt. Sie schreiben, sie ist tot.

Ja, sie findet nicht statt und sie wird nicht stattfinden. Mittlerweile gibt es auf der israelischen Seite keinen echten Willen mehr, eine Zwei-Staaten-Lösung herbeizuführen, selbst wenn man bei Umfragen immer wieder mehr oder weniger die gleichen Zahlen bekommt: zwischen 65 und 75 Prozent wären für eine Zwei-Staaten-Lösung. Aber keiner weiß, wie das gehen soll.

Und noch ein wichtiger Punkt, der sich verändert hat und von dem man, glaube ich, jedenfalls vor zwanzig Jahren auch nicht gedacht hätte, dass er mal eine aktuelle Kapitelüberschrift sein könnte wie in ihrem Buch: "Europa, der antisemitische Kontinent". Der Kontinent, den die Juden verlassen.

Warum hätte man sich das nicht vorstellen können?

Hätte man?

Ja. Der Antisemitismus war ja nie weg in Europa, sondern er war einfach nach Auschwitz über Jahrzehnte zumindest unterdrückt oder nicht mehr political correct und man schwieg. Was wir jetzt erleben – sicher mit neuen Schattierungen – ist: Europa kehrt quasi zur Normalität zurück. In Europa ist seit 2.000 oder 1.500 Jahren Antisemitismus ein Teil der kulturellen DNA. Das hat sich nie verändert und das wird sich nie verändern, insofern war die Zeit nach Auschwitz, wo man sich zumindest in Deutschland in vielen Kreisen einfach nicht traute, über Juden etwas Schlechtes zu sagen, diese Zeit war eher die Ausnahme. Und was wir jetzt wieder erleben, auch im Rest Europas und in anderen Ländern zum Teil viel, viel schlimmer als in der Bundesrepublik, ist im Grunde genommen das alte Europa.

"Alltag im Ausnahmezustand. Mein Blick auf Israel" von Richard C. Schneider ist bei DVA erschienen.