Kultur

"Der Reichsbürger" am Theater Münster Kein einfacher Spinner

Die BRD als Fake-Staat, der Einzelne im Widerstand: Konstantin und Annalena Küspert zeigen einen Reichsbürger, der seine Weltsicht in einem Wust von Informationen auf die Bühne stemmt. Ein herausfordernder Solo-Abend.

Von: Stefan Keim

Stand: 14.02.2018

Wilhelm Schlotterer in "Der Reichsbürger" | Bild: Oliver Berg, Theater Münster

"Am 25. Juli – sag ich euch – mach ich diese BRD platt. Ich hau sie runter! Das ist vorbei!" So klingt ein "Reichsbürger" in seinem Internet-Video. Spricht hier ein Spinner oder ein Terrorist? Die Frage ist schwierig zu beantworten. Die vielen, zum Teil recht skurrilen Auftritte der "Reichsbürger" auf YouTube und anderen Online-Portalen waren für die Autoren Annalena und Konstantin Küspert eine der wichtigsten Recherchequellen für ihr Theaterstück.

Eine Weltsicht und ihre Argumentation

"Es ist erstaunlich, was für ein Sendungsbewusstsein diese Leute haben, die sich Reichsbürger oder Selbstverwalter nennen", so Annalena Küspert. "Einige haben YouTube-Kanäle oder Websites, es gibt sogar Konferenzen, die abgehalten zu werden zu Themen wie: Wie kann ich souverän werden? Wie werde ich unabhängig von der BRD-GmbH? Da kann man online ganz schön eintauchen. Und wenn man das mehrere Stunden am Tag macht, was wir natürlich getan haben, wochenlang, dann wird man auch schon komisch im Kopf."

Viele reale "Reichsbürger" waren Inspiration für den Mann, der in dem Solostück nun im Theater Münster auf der Bühne steht. Er stellt sich als gelernter Elektriker vor, verheiratet, keine Kinder, stolzer Hundebesitzer, ein unauffälliger Mensch. Er glaubt nur nicht daran, dass die Bundesrepublik Deutschland als Staat existiert. Im Handelsregister der USA sei die BRD als GmbH eingetragen, also als Wirtschaftsunternehmen. Der "Reichsbürger" liefert Argumente dafür, dass wir – wie er sagt – in einem "Fake-Staat" leben, der keinen Anspruch auf unsere Steuern hat. Er ist keine Witzfigur, kein offensichtlicher Idiot, er erklärt seine Weltsicht, sagt Annalena Küspert: "Das ist ja auch irgendwie wichtig, damit man den ernst nimmt. Wenn ich mich sofort von dieser Figur distanzieren kann, sofort nach dem ersten Satz weiß, aha, da steht ein Arschloch auf der Bühne, da befass ich mich auch nicht mehr so richtig mit dem, was der erzählt."

Theater, das seine Figur ernst nimmt

Und für Konstantin Küspert ist das Theater als einziges Medium in der Lage, durch die Schauspieler eine Situation aufzuspannen, der sich das Publikum nicht entziehen kann: "Man wird da sehr stark reingezogen. Damit das funktioniert, braucht der Schauspieler nicht die Liebe des Publikums. Im Gegenteil, ich glaube, es kann durchaus nötig sein, dass der Schauspieler das Publikum abstößt." Konstantin Küspert gehört zu den interessantesten Dramatikern derzeit – und zu den produktivsten. Gerade hatte am Landestheater Detmold sein Monolog "Asche" über das Sterben Uraufführung, das E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg zeigt bald sein Stück "Der Westen" über den Verfall der westlichen Werte. Mit seiner Frau Annalena Küspert hat er nun einen Text entwickelt, in dem sie reale Äußerungen der "Reichsbürger" mit Texten von Georg Büchner verknüpfen. Der Schauspieler improvisiert häufig mit dem Publikum. Zum Beispiel lässt er die Zuschauer über die Eckpfeiler einer neuen Verfassung abstimmen – weil es ja nach seinem Verständnis keine gibt.

Die große Lüge BRD

"Man ist immer geneigt, die Reichsbürger als Spinner abzustempeln, weil die, die immer in den Medien auftauchen, ja vielleicht auch Spinner sind", so Annalena Küspert. "Aber es gibt auch Leute, die auf den ersten Blick nicht so spinnen und die einfach davon überzeugt sind, dass das um sie herum, nämlich die Bundesrepublik Deutschland, keine demokratisch gewählte Regierung hat. Dass wir alle einer großen Lüge aufsitzen und dass sie das entdeckt haben. Die sind davon überzeugt, sich und andere davor schützen zu müssen."

Es ist kein Monster, das vor das Publikum tritt, sondern ein Mensch, der weiß, welche Vorurteile gegenüber "Reichsbürgern" existieren. "Wir sind ganz normale Leute", sagt er, "die einfach nur ein bisschen weiter denken." Mit einem Fantasten, der sich eine Operettenuniform anzieht und zum Kanzler erklärt – auch das gibt es in der Bewegung – fiele die Auseinandersetzung leicht. Aber mit diesem Theater-"Reichsbürger" muss man sich auseinandersetzen. Wenn er einen mit einem Wust an Informationen überfällt, ist das nicht immer leicht. Eben das ist der Reiz dieses Theaterstückes.