Kultur

Kapitalismus und Konsum Was bleibt von der Konsumkritik der 68er?

"Es ist immer noch besser, ein Warenhaus anzuzünden, als ein Warenhaus zu betreiben" – die Konsumkritik der 68er war mitunter radikal und auch nicht widerspruchsfrei. Doch viele Kritikpunkte von damals sind bis heute aktuell.

Von: Stephanie Metzger

Stand: 20.04.2018

Menschenmenge vor einem Frankfurter Kaufhaus zu Beginn des Winterschlussverkaufs 1965 | Bild: dpa - Bildarchiv

Gewalt erzeugt Gegengewalt, Konsumterror bedingt Terror, Zwänge einer Konsumgesellschaft provozieren revolutionäre Widerstände ihrer Kritiker: Es ist diese zugespitzte Konstellation, die im Jahr 1968 – genauer in der Nacht vom 2. auf den 3. April – ein Symbol erhält. In Frankfurt brennen zwei Kaufhäuser, angezündet von den späteren RAF-Gründern Andreas Baader, Gudrun Ensslin und zwei Freunden. Menschen kommen nicht zu Schaden, Waren schon. Das ist Sinn und Zweck der Aktion, die von der damaligen "konkret"-Journalistin Ulrike Meinhof in ihren Mitteln, nicht aber in ihrer Aussage kritisiert wird.

Attacke auf den Kosmos der Waren

Inspiriert von Flugblättern der Kommune I, die selbst Reaktion auf Kaufhausbrände im belgischen Brüssel waren, erscheinen die Frankfurter Brandanschläge als Fanal eines radikalisierten Protests unter anderem gegen das, was Theoretiker wie Herbert Marcuse die "eindimensionale Gesellschaft" oder Theodor W. Adorno "Kulturindustrie" nennen.

Andreas Baader und Gudrun Ensslin im Kaufhausbrand-Prozess 1968 in Frankfurt

Provokation gegen Konsumption, Formation gegen Deformation, Aktion gegen Manipulation, so lautete das Programm. "Es ist natürlich so, dass die Gewalt, die da passiert, im Streit, in Verteilungskämpfen, in politischen Auseinandersetzungen ein sehr komplexes Produkt ist", sagt der Historiker Alexander Sedlmaier. Die Legitimationsstrategie sei es gewesen, "dass man sagt, wir verweisen auf die Gewalt in Vietnam, die Gewalt des Polizeiknüppels, des Wasserwerfers, auf die Gewalt vergangener Versorgungsregime, auf die Zeit des Nationalsozialismus, um damit auch unsere eigene revolutionäre Gewaltausübung symbolischer Natur gegen Sachen und in einem revolutionären Kampf eventuell auch gegen Menschen – wobei das eher selten ist – zu rechtfertigen."

Konsumkritik in Zeiten des Wirtschaftswunders

Konkrete, ja terroristische Aktionen waren aber nur der Höhepunkt der Verbindung von Konsumkritik und Gewalt, die sich bereits in den Begrifflichkeiten der internationalen Konsumkritiker der 60er-Jahre verorten lässt – bei Guy Debord und der Situationistischen Internationalen etwa und deren deutscher Variante, der Münchner Gruppe SPUR, bei Adorno und Horkheimer, vor allem aber beim theoretischen Übervater der 68er, Herbert Marcuse.

Während Marcuse 1965 den Totalangriff des kapitalistischen Systems auf die Freiheit und Menschlichkeit des Bürgers ausformuliert oder Adorno und seine Kollegen am Frankfurter Institut für Sozialforschung den universalen Verblendungszusammenhang anmahnen, in den Werbung, Waren und Wohlstand den Einzelnen verstricken, gehört zum Lebensgefühl der 1960er-Jahre aber vor allem eines: der Konsum. Er sichert auch in den politischen Reden das Wunder von der Wirtschaft. Die Kritiker sahen nach Auffassung von Alexander Sedlmaier genau in der positiven Konnotation des Konsums das Problem, "dass sie das alte revolutionäre Subjekt, also die Arbeiterbewegung, das was Marx und Engels im 19. Jahrhundert im Kopf hatten, wenn sie an die Revolution denken, quasi kooptiert hatte; dass es nur noch um eine Steigerung der Löhne und eine bequeme Existenz in dieser Konsumgesellschaft ging."

Der Konsument und die Politik

Dass eine "bequeme Existenz" auf globalen Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnissen – zum Beispiel in Vietnam – beruht, den Konsumenten einlullt in die politische Bewusstlosigkeit und die Gesellschaft in Eindimensionalität, sprich Konformität, zwingt, sind die zentralen Vorwürfe der kritischen linken Stimmen gegen die bundesdeutsche Konsumgesellschaft. Eine Kritik, die das sozialrevolutionäre Projekt nicht aufgeben will und sich vor allem in der Version eines Herbert Marcuse mit der Studentenbewegung verbindet.

Deren Stimmen, Proteste und Aktionen beharren mit ihren theoretischen Impulsgebern darauf, dass bei allen Entpolitisierungsstrategien von Politik, Massenmedien und Wirtschaft Konsum politisch ist – und Konsumkritik Sozialkritik. Das ist noch immer aktuell, sagt Dirk Hohnsträter, der an der Hildesheimer Universität in einer eigenen Forschungsstelle Konsumkultur erforscht: "Die globale Ungleichverteilung des Wohlstands und auch die Ausbeutung von Arbeitskraft in Billiglohnländern, das sind Kritikpunkte, die sind 68 formuliert worden und die kann man heute genauso formulieren."

Gebrauchswert und emotionales Begehren

Skeptischer ist der Konsumforscher, was die Selbstreflexion und das Verständnis von Konsum als solchem betrifft: "Wenn man genauer hinschaut in die Texte, ist es heute häufig so, dass das, was als berechtigt angesehen wird, so ein ganz robuster Gebrauchswert ist. Wenn man mit einem Hammer einen Nagel in die Wand schlagen kann, dann ist das ein akzeptables Konsumprodukt, wenn der aber auch noch bunt angemalt ist, dann ist das im Grunde genommen schon überflüssig. Und da steckt natürlich ein sehr einseitiges Menschenbild dahinter, das bestimmte emotionale Begehren, ästhetische Wünsche usw. nicht sehr ernst nimmt. Das steht auch im gewissen Widerspruch zu dem Hedonismus der 68er Bewegung, die ja durchaus auch Lebensfreude haben will."

Herbert Marcuse

Während der kulturkritische Intellektuellendiskurs à la Adorno, Horkheimer und Marcuse oft asketisch-freudlos argumentiert, leben bekanntlich die jugendlichen Rebellen ihre Kritik sinnenfreudiger aus. Die Kommune I handelt mit Büchern und Aufklebern und weiß sich sehr kalkuliert als Gegenkultur zu vermarkten. Miniröcke, lange Haare, Jeans sind zentrale Accessoires in der Zurschaustellung eines non-konformen Lebensstils. Im subkulturellen Konsum entdecken die jungen Menschen das Potenzial für Selbstausdruck, Kreativität und politisches Statement. Im schlechtesten Fall also alternativer Konsum als Heuchelei und clevere Marketingstrategie. Im besten Fall Konsum selbst als Konsumkritik. Letztere ringt aber immer mit ihrem tragischen Wesen. Dieses liegt in der Flexibilität des Konsums begründet, selbst seine Kritik noch in sich aufzunehmen, also Protest zum Produkt zu verwandeln. Subversiver Konsum kann Konsum vielleicht verändern, aber nicht über ihn hinaus kommen. Fair Trade – statt Systemwechsel.

Der Mensch jenseits seiner Existenz als Konsument

Es ist der langfristige und diskursive Erfolg der Konsumkritik der 60er- und folgender Jahre, dass wir inzwischen sehr genau wissen, dass Konsum und Produktion zwei Seiten einer Medaille sind. Dass man als Konsument politische, soziale und ökologische Verantwortung trägt. Und dass der Kapitalismus gefräßig ist und sehr gut darin, die kleinsten Facetten des Menschlichen seinem Vermarktungs- und Profitstreben einzuverleiben, ja sie zu formen. In der immer genaueren soziologischen Analyse des Konsumkapitalismus – etwa bei Eva Illouz –, in Globalisierungs- und Gentrifizierungskritikern von heute haben die 68er also ihre Erben.

Die Notwendigkeit einer Konsumkritik – vor allem auch ihre sozialpolitische Facette – hat sich nicht erledigt. Konsumieren selbst ist nicht das Problem, eine hochentwickelte industrielle Gesellschaft kommt gar nicht am Konsum vorbei. Muss sie auch nicht, wenn die Aushandlung seiner gesellschaftlichen Rahmenbedingungen alle im Blick hat. Und zwar als Menschen auch jenseits ihrer Existenz als Konsumenten. Und das erfordert damals wie heute, immer wieder, kontinuierlich und unermüdlich, konkret und zugleich utopisch zu denken. Wichtig am Denken von 1968 sei, so der Konsumforscher Dirk Hohnsträter, dass man damals auch den Mut hatte, politische Fantasie "erst einmal ganz wild und ungezähmt zuzulassen, auch mit einem gewissen Ernst an die Sache heran zu gehen."

Verblendungszusammenhänge sollten weder vor noch nach 68 das letzte Wort haben. Aufklärung ist der Gegenbegriff zu ihnen, schon bei Adorno. Und er wird auch heute – nicht zuletzt in Bezug auf unsere digitale Zukunft – immer öfter in die Diskussion geworfen. Was es dabei aufzudecken, sogar zu entdecken gilt, ist nicht so sehr das falsche Bewusstsein im Gegensatz zum richtigen oder die Unmöglichkeit eines richtigen Konsums im falschen. Sondern immer noch und immer genauer das Bewusstsein für die Gestaltbarkeit von politischen Rahmenbedingungen, unter denen Konsum stattfindet.