Kultur


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Pro Quote Bühne „Das ist eine Ungerechtigkeit, die gen Himmel schreit“

Was an deutschen Theatern gespielt wird, entscheiden vor allem Männer. „Pro Quote Bühne“ fordert deshalb eine Frauenquote. Ein Gespräch über den männerdominierten Theaterbetrieb, familienfeindliche Arbeitszeiten und krasse Gagenunterschiede.

Von: Barbara Knopf

Stand: 26.10.2017

Theatervorhang mit Händen | Bild: picture-alliance/dpa / Sebastian Kahnert

Barbara Knopf: Gleichberechtigung? Na ja. Im Großen und Ganzen bleiben Männer schon noch unter sich – in den Führungspositionen der Vorstandsetagen genauso wie im Kulturbereich. Ob Medien, Film oder auch Theater. 2016 erschien die von Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Auftrag gegebene Studie „Frauen in Kultur und Medien“. Ergebnis: 78 Prozent der Theater werden von Männern geleitet. Folge: diverse Initiativen pro Quote. So hat sich kürzlich der Verein „Pro Quote Bühne“ gegründet und zugeschaltet aus Berlin ist uns eine der vier Initiatorinnen, die Regisseurin Eva Jankowski.
Guten Morgen, Frau Jankowski! Wann war denn bei Ihnen der Punkt erreicht, dass Sie gesagt haben: Jetzt muss sich was ändern?

Eva Jankowski: Wir Gründerinnen habe alle festgestellt, jede für sich, dass die Aufträge immer weniger wurden. Und man dann sagt: Ich habe eine gute Ausbildung, ich kriege gute Kritiken, man mag meine Inszenierungen. Warum klingelt das Telefon nicht? Was ist hier los? Dann hat jede von uns rechts und links geschaut und gesehen: Bei den Männern läuft es irgendwie besser. Liegt’s an mir? Bin ich nicht gut genug? Was ist da los? Stimmt meine Vernetzung nicht? Und dann haben wir festgestellt: Das ist kein persönliches Manko, sondern ein strukturelles Problem. Ein gesamtgesellschaftliches, strukturelles Problem. Und deswegen haben wir uns verbündet und stehen jetzt gemeinsam auf und kommen ins Gespräch und möchten das Bewusstsein verändern.

"Wir dürfen dann das Weihnachtsmärchen inszenieren"

Sie zitieren auf ihrer Webseite von „Pro Quote Bühne“ den Satz: „Feminismus ist die radikale Ansicht, dass Frauen Menschen sind.“ Humor ist ja immer ein ganz gutes Mittel, hilft aber alleine nicht. Sie haben ja auch ein paar Zahlen wie die Situation in den Theatern für Frauen ist und die sind vermutlich nicht so lustig.

Nein, davon können Sie ausgehen. 78 Prozent der Theater befinden sich in Männerhänden, das heißt, von Direktoren oder Intendanten, die die Häuser leiten. Mit 70 Prozent aller Inszenierungen dominieren die männlichen Regisseure auch unsere Sehgewohnheiten. Also die platzieren sich auf der großen Bühne. Und wir Frauen werden oft sozusagen in den Kinderbereich geschickt. Wir dürfen dann das Weihnachtsmärchen inszenieren – und so Sachen in der Art. Was ja alles gar nicht ehrenrührig ist! Aber wenn wir da steckenbleiben, fehlt einfach auch unsere Sicht auf die Dinge. Wir können das belegen, dass, gerade im Abonnementbereich, zwei Drittel Frauen ins Theater kommen. Und da stellen wir ganz konkret die Frage: Wo finden die sich wieder? Dafür möchten wir gerne einen Beitrag leisten, da möchten wir dabei sein. Wir wollen mitgestalten und nicht unsichtbar in irgendeiner kleinen Ecke.

Sie haben jetzt ein Manifest verfasst. Was genau fordern Sie denn?

Wir fordern wirklich eine Quote von 50 Prozent. Für alle Bereiche, die mit der Leitung des Hauses zu tun haben, das heißt: 50 Prozent der Schauspieldirektorinnen und –intendanten, 50 Prozent der Hausregisseure und 50 Prozent der Inszenierungen auf den großen Bühnen. Das ist unser Ziel.

"Je mehr Macht und Geld im Theater eine Rolle spielen, desto weniger Frau ist dabei."

Es gibt in Wirtschaftsunternehmen ja ganz gern als Argument gegen die Quote, dass es ja gar nicht genügend gut ausgebildete, geeignete Frauen dafür gebe. Wie sieht es denn da im Bereich Theater aus?

Sie werden vielleicht lachen, aber im Theaterbereich sieht es ganz anders aus. Wir sind über 50 Prozent der Absolventen der Kunst- und Hochschulen dieses Landes. Insofern gibt es bei dem Nachwuchs überhaupt kein Problem. Wir sind genauso gut ausgebildet, wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Das Theater gibt sich den Anschein, die Missstände der Gesellschaft zu benennen und ihr den Spiegel vorzuhalten, ist nach innen aber ein ganz verquaster, starrer, uralter Apparat, der sich selbst gegenüber ganz unkritisch bleibt. Der Intendant bestimmt alles. Wir können das ganz klar belegen: Je mehr Macht und Geld im Theater eine Rolle spielen, desto weniger Frau ist dabei.

Sie fordern ja auch auf ihrer Website: Männergagen für alle. Wie groß genau ist denn diese klaffende Lücke zwischen den männlichen und weiblichen Honoraren?

Das ist sehr erschreckend. Wir haben ja in Gesamtdeutschland einen Gender Pay Gap von 21 Prozent. In unserer Branche liegt er bei 34. Das heißt, dass sich für die Frau auch sehr viele prekäre Arbeitsverhältnisse ergeben. Das ist eine Ungerechtigkeit, die gen Himmel schreit. Wir sind gerade dabei, mit den Theatern des Landes, der Bundesrepublik Deutschland, in Kontakt zu treten. Wir haben alle Intendanten des Landes angeschrieben und sie über unser Vorhaben informiert und sie gebeten, ihre Zahlen offenzulegen.

Und wie war da die Reaktion?

Wir haben ein paar sehr lustige Reaktionen bekommen. Aber es ist leider bisher nur ein kleiner Anteil. Liebe Intendanten, meldet euch bei uns! Ihr findet uns im Internet unter www.proquote-buehne.de.

"Wir haben ja in Gesamtdeutschland einen Gender Pay Gap von 21 Prozent. In unserer Branche liegt er bei 34."

Sie wollen auch etwas, was die Bundeswehr auch will, nämlich Strukturen, die für Familien passen!

Klar, die Vorstellungen am Theater sind abends und wir proben vormittags und abends. Es gibt aber Ideen und Modelle, wie man das Ganze auch familienfreundlicher hinbekommen kann, für Mütter und Väter und Kinder. Ich bin da noch nicht so ganz mutig, Ihnen jetzt schon die genauen Vorschläge zu sagen, aber eine Idee ist zum Beispiel, die Probezeit um eine Woche zu verlängern, so dass man den Samstag probenfrei geben könnte und sich der eigenen Familie wieder stellen kann. Aber das ist nur eine von vielen Vorschlägen und da sind wir auch ganz offen und neugierig, was da von den Häusern selbst kommt als Vorschläge.

Die Gründerinnen von Pro Quote Theater sind ja alles Regisseurinnen, aber sie werden, das habe ich auf der Webseite gesehen, auch von männlichen Kollegen mittlerweile sehr stark unterstützt. Wie breit ist Ihre Front aufgestellt?

Ich kann nur sagen: Wir kriegen derzeit – wir sind ja noch ganz frisch unterwegs – wirklich Zuspruch aus allen Richtungen. Auch aus Ecken, von denen wir es gar nicht erwartet hätten. Wir rennen eigentlich zurzeit noch offene Türen ein und können uns darüber freuen, dass die Unterstützung winkt. Jetzt müssen sich die Intendanten einklinken und ihre Zahlen auf den Tisch legen und mit uns in den Diskurs gehen. Und wir werden ihnen zeigen, wo die guten Frauen stehen, wo die Begabungen sitzen. Sie müssen es dann bloß riskieren, sie auch in ihre Häuser einzuladen und zum Arbeiten zuzulassen.


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