Kultur

"The Poetess" Vollverschleiert wagt sich Hissa Hilal in einen öffentlichen Dichterwettbewerb

Hissa Hilal war die erste Frau, die an der arabischen TV-Dichtershow "Million's Poet" in Abu Dhabi teilnahm und in ihren Gedichten religiösen Fanatismus anprangerte. Ein Gespräch mit Filmemacherin Stefanie Brockhaus, die das dokumentierte.

Von: Barbara Knopf

Stand: 29.05.2018

Die Fernsehbilder gingen um die Welt: Die Journalistin und Dichterin Hissa Hilal war die erste Frau, die an der pompösen arabischen TV-Dichtershow "Million's Poet" in Abu Dhabi teilnahm und mit ihren Gedichten religiösen Fanatismus in der muslimischen Welt anprangerte und für Frauenrechte kämpfte. Sie kam ins Finale, gewann den dritten Platz. Die Filmemacher Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff haben sie damals begleitet und auch abseits der Bühne in ihrem Alltag mit den Töchtern gefilmt und in einem langen Interview befragt. In dieser Woche kommt ihr Film "The Poetess" bei uns ins Kino – aber Hissa Hilal, die mutige saudische Dichterin wird bei der Filmtour nicht dabei sein können - aus Sicherheitsgründen. Denn erste zarte Reformen in Saudi Arabien unter Kronprinz Mohammed bin Salman sind vor einer Woche durch eine Verhaftungswelle gegen fünf saudische Frauenrechtlerinnen und ihre Anwälte kurz vor der Feier zum ersten Frauen-Fahrtag zum Erliegen gekommen. Barbara Knopf hat mit der Regisseurin Stefanie Brockhaus über ihren Dokumentarfilm gesprochen.

Barbara Knopf: Frau Brockhaus, die Situation für Frauen in Saudi Arabien bleibt also prekär, eigentlich so, wie das schon war als Sie vor einigen Jahren begonnen haben, Ihren Film zu drehen.

Stefanie Brockhaus: Es verändert sich schon einiges im Land. Ich war jetzt vor zwei Monaten in Saudi Arabien und seit 2015, als ich das letzte Mal da war, um den Film zu drehen - das sind jetzt über drei Jahre gewesen - da  hat sich schon einiges verändert. Es gibt keine religiöse Polizei mehr, die die Leute in der Öffentlichkeit kontrollieren darf - und das hat die Stimmung unglaublich verändert.  Das heißt, die Frauen gehen mutiger auf die Straße, man sieht inzwischen auch Abayas, die offen sind, also die schwarze Kleidung ist offen und das heißt, man kann manchmal die Kleidung darunter sehen. Die haben teilweise auch Farben, weiß oder blau oder so. Es ist also nicht mehr alles ganz so streng. Was diese Verhaftungen angeht, gibt es natürlich immer noch riesige Probleme mit den Menschenrechten, die überhaupt nicht respektiert werden. Das heißt, wenn man etwas macht, was dem Königreich nicht gefällt, dann riskiert man natürlich, ins Gefängnis zu gehen - das wird dann einfach vom Königshaus bestimmt.

Ein bisschen Veränderung hat ja sicherlich auch der Auftritt von Hissa Hilal bei diesem Poetry-Wettbewerb gebracht. Da ist sie als einzige Frau bei diesem männlichen Dichterwettstreit vor einem separierten Publikum - also links die Männeraugen, rechts die Stuhlreihen der Frauen – aufgetreten, 75 Millionen Fernsehzuschauer. Da hat sie unendlich Mut gebraucht. Man wusste auch nicht, wie die Reaktion darauf ist: Sie musste auch Todesdrohungen aushalten.

Ja, für Hissa Hilal war das eine große Herausforderung. Und gleichzeitig hat es sie auch gekitzelt als Dichterin diesen Wettbewerb mitzumachen. Und dann natürlich - je weiter sie kam - auch zu gewinnen. Von daher war die Stimmung bei ihr von Angst und riesiger Aufregung und Freude geprägt. Ich glaube, dass sie sich sehr konzentriert hat und dass das auch ihre Chance war, einmal das zu sagen, was sie eigentlich immer sagen wollte.

Das Faszinierende ist ja auch, dass sie dann eben nicht - und sie sagt das ungefähr so -  wie die Männer Banalitäten bedichten wollte,  sondern eben einfach dann doch harte gesellschaftliche Themen aufgriff: Zum Beispiel in ihrem ersten Gedicht, in dem sie mit der Beziehung zwischen Mann und Frau anfängt  – das ist sicherlich im arabischen Raum auch nicht so ganz einfach, offen darüber zu reden - und dann sogar die Fatwa der religiösen Extremisten angriff.

Hissa Hilal - allein unter den männlichen Dichtern auf der Bühne

Ja, sie hat den Mut gehabt, politisch zu reden, statt über Pferde oder die Wüsten und die Schönheit der Landschaft, was die anderen Dichter eben gerne tun, was so in der Tradition liegt. Das war ungewöhnlich für eine Frau und auch für Dichter allgemein. Das hat aber natürlich die Leute angesprochen, weil das alles Tabuthemen sind, über die keiner spricht, die aber natürlich hinter den Türen diskutiert werden. Und jetzt ist Hissa Hilal mit Niqab auf der Bühne aufgetreten und hat das angesprochen;  das ist auch das, was mich an ihr so fasziniert hat.

Das war ja auch fast humoristisch, dass man am Anfang gesehen hat, dass sie ja nicht nur Niqab und Abaya hat, also vollständig verhüllt war, sondern dass sie dann sogar noch einen Schleier über die Augen getan hat. Aber dann hat sie den Ausgang gar nicht mehr gefunden und irrte über diese weite Bühne. Ich fand, das war ein unglaubliches Sinnbild für die Entmündigung der Frauen in dieser Gesellschaft.

Ja, das war eben von ihrer Familie so gefordert, dass sie wirklich unerkennbar ist; dass man sie auch nicht durch ihre Augen irgendwie erkennen kann, wenn sie da im Fernsehen auftritt.  Weil eigentlich wird es nicht akzeptiert bei Frauen, die ihren Hintergrund haben, dass sie in den Medien öffentlich auftreten, dass sie das durfte, war schon eine große Ausnahme. Die Bedingung war aber, dass sie sich eben voll verschleiert,  das heißt, auch die Augen verdeckt. Es war aber absolut lächerlich, weil sie natürlich noch nicht mal lesen konnte. Also nicht nur, dass sie fast gestolpert ist - vor allem konnte sie ihre eigenen Worte nicht mehr lesen, und das geht natürlich nicht, wenn sie auftritt.

Sie hat sich dann ja von diesem nochmal 'Drüber-Schleier' getrennt, so hat man zumindest ihre Augen gesehen. Was ich filmisch auch bei Ihrem Interview so hoch interessant fand war, dass Hissa Hilal eigentlich direkt mit Ihnen beziehungsweise durch die Kamera auch mit uns Zuschauern spricht. Und man sieht dann eben nur dieses Augenpaar im Bildschirm-ausfüllenden, schwarzen Rahmen der Verschleierung. Und was sie sagt, das könnte eigentlich aus dem Mund von westlichen Analysten stammen oder? Das ist ganz glasklar.

Ja, sie hat ein sehr gutes Verständnis von der saudischen Geschichte, von ihrer Kultur, von den Dingen, wie sie in ihrem Land stattgefunden haben; das versteht sie sehr gut  - mit viel Herz und mit viel islamischem Wissen. Deswegen kann sie das so klar erklären, was da passiert ist. Sie ist natürlich einfach eine intelligente Frau, die versteht, warum die Sachen so schief laufen; warum sie heute zum Beispiel weniger Rechte hat als vor 50 Jahren.

Sie sagte auch, dass der Extremismus eine Gesellschaft zerstört, und dass es keine religiösen Motive sind, sondern ein ideologischer Missbrauch einer Gesellschaft durch religiöse Vorschriften ist oder durch Regeln, die dann plötzlich andere zu Feinden erklären."

Sie erläutert ja auch im Film, wie das zustande kam: durch die politische Situation Saudi Arabiens in den 40er- und 50er-Jahren nach der Entdeckung des Öls - durch diesen sehr schnellen Wandel zum Reichtum und zum Luxus hin; und da gab es dann dieses Attentat in Mekka von diesem ersten Terroristen, was ja auch live im Fernsehen übertragen wurde, 1978. Und die politische Situation danach, die führte eben zu einer Verstärkung des religiösen Extremismus. Das alles leitet sie sehr klar her.

Sie schneiden da ja Schwarzweißfotografien aus dem Familienalbum dazwischen, wo sich das exemplarisch zeigt:  Also Hissa Hilal  entstammt einer Beduinenfamilie - sie lebte noch bis sie sieben war in der Wüste; die Großmutter war eine stolze, schöne, gleichberechtigte Frau. Und man sieht Bilder voller Lebensfreude.

Ja, das Leben in der Wüste war ganz anders: Es war sehr hart, weil man natürlich absolut keinen Luxus hatte. Das Leben fand im Zelt statt, man musste Wasser und Nahrung suchen - und so sind die Beduinen eben in der Wüste herumgereist mit ihren Kamelen; das war der einzige Besitz, den sie hatten. So sind letztlich auch die Vorfahren von Hissa Hilal aufgewachsen. Und wenn man sich anguckt, wie Saudi Arabien heute dasteht, dann sieht man Millionenstädte mit Autos und Hochhäusern und sehr viel Geld. Diesen Wandel hat Saudi Arabien einfach nicht gepackt; daher kommt auch dieser Extremismus, sagt sie.

Diesen terroristischen Anschlag, den Sie vorhin erwähnten, den hat man eigentlich überhaupt nicht mehr im Gedächtnis. Da wurden über Wochen Menschen als Geiseln genommen und es gab mehrere hundert Tote; es gab dann später auch die Massenexekutionen der Täter - eigentlich war das ja die Geburt des islamistischen Terrors – 1979.

In Saudi Arabien hat das jeder mitbekommen. Jedes Kind hat das im Fernsehen verfolgt. Das ist ein großes Ereignis gewesen und ein politisches Mahnmal. Aber im Ausland weiß darüber kaum jemand etwas, das stimmt.

"The Poetess" - der Dokumentarfilm von Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff läuft diese Woche bei uns im Kino an.