Kultur

Filmdoku "Playing God" Wie man den Wert eines Menschen berechnet

"Was ist ein Mensch wert?" Diese Frage muss Ken Feinberg regelmäßig beantworten, Entschädigungsspezialist der US-Regierung, der u.a. bei Tausenden von 9/11-Opfern entschied, was Hinterbliebene bekamen. Regisseurin Karin Jurschick hat ihn porträtiert.

Von: Barbara Knopf

Stand: 08.02.2018

Ein Terroranschlag wie 9/11, eine Ölkatastrophe wie Deep Water Horizon oder auch die Spätfolgen von Agent Orange bei Vietnamveteranen: Wenn ein Mensch in den USA bei einem Unglück umkommt, dann wird im Hintergrund um Entschädigungen verhandelt. Und es gibt einen Mann, der sich seit Jahrzehnten spezialisiert hat, im Auftrag von Regierungen oder Konzernen zu entscheiden, wer wie viel bekommt. Kenneth Feinberg ist der Special-Master für Entschädigungsfälle bei Krisen und Katastrophen in den USA. Die deutsche Filmemacherin Karin Jurschick hat ihn für ihren Dokumentarfilm "Playing God" begleitet, Barbara Knopf hat mir ihr gesprochen.

Barbara Knopf: Frau Jurschick, Ihr Hauptdarsteller ist als Sonderbotschafter sehr nah am Zentrum der Macht – die Kamera gleitet über Fotos, auf denen Kenneth Feinberg neben Clinton oder Obama steht. Als Sonderbeauftragter des 9/11-Entschädigungsfonds etwa hat er über Tausende von Entschädigungsanträgen befunden. Gleich am Anfang des Films stellt sich explizit die Frage: Was ist ein Mensch wert?

Karin Jurschick: Genau das ist die Frage, die er immer wieder zu beantworten hat. In seiner Funktion als Special-Master hat er eine ungeheure Machtfülle, das ist recht einzigartig für einen Anwalt, auch in den USA. Und die Frage, was ein Mensch wert ist, das sagt er ganz klar, beantwortet sich ganz kalt. Nämlich einfach mit den Fragen: Was hat er verdient? Wie lange wird er noch verdienen? Könnte er noch aufsteigen? Hat er noch eine Karriere vor sich? Hat er Kinder? Hat er eine Familie? Danach berechnet sich das Einkommen – und dann ist bei 9/11 eben ein Banker wesentlich mehr wert als ein Feuerwehrmann.

Das heißt: Selbst nach dem Tod wird der Wert eines Lebens – zumindest im amerikanischen System – nach kapitalistischen Leitsätzen verhandelt?

Ganz genau. Für mich war das gerade am Beispiel des Feuerwehrmanns ganz schön zu sehen: Da ist jemand, der in das Gebäude hineinrennt, um diesen Banker vielleicht zu retten, und dabei umkommt. Und trotzdem wird dessen Witwe, werden dessen Angehörigen wesentlich geringer entschädigt. Auch Feinberg würde nicht sagen, dass sich dieser Wert eines Menschen spiegelt im Sinne eines inneren Wertes. Aber so ist das amerikanische System. Und unser System in Deutschland ist so weit davon auch nicht entfernt. Wir zahlen nur nicht so hohe Summen.

Feinberg geht eigentlich sehr pragmatisch vor. Sein Strohhalm ist immer das Gesetz. Darauf beruft er sich. Und, wie Sie gesagt haben, er kennt die ungeschönte Wahrheit, dass Geld das Unrecht zumindest lindern soll. Warum dann trotzdem "Playing God" als Titel? Kann Feinberg "Gott spielen"?

Einerseits wird ihm das wohl von Angehörigen vorgeworfen. Es gibt im Film auch ein Plakat, das Angehörige hochhalten: "Unser Sohn oder Bruder ist bei dem einzigen Gott, den es wirklich gibt! Hören Sie auf, Gott zu spielen!" Auf der anderen Seite sagt er an einer anderen Stelle selbst: Naja, halb göttlich, halb psychologisch ist seine Arbeit schon. Und ich glaube, das hat mit dieser Machtfülle zu tun: Er selbst kann in diesen Fällen entscheiden, wer wie viel bekommt. Andererseits hört er auch unglaublich viele dieser Geschichten, er setzt sich dem aus. Er macht Town-Hall-Meetings, bei denen Opfer oder Angehörige zusammenkommen, und er führt Einzelgespräche. Und das sind Tausende, bei 9/11 war das eine Familie, eine weinende Angehörige nach der anderen. Ich glaube, da kommt manchmal das Gefühl auf: Jetzt kann ich wirklich über Schicksale entscheiden.

Sie zeigen sehr schön gleich am Anfang: So pragmatisch er tagsüber rangeht, nachts kann er nicht schlafen. Man sieht, wie er in seinem opulenten Ledersessel liegt und Wagner, Brahms und Mahler hört. Doch ein Zerrissener?

Zerrissen würde ich nicht sagen. Als Filmemacherin wartet man ja immer darauf, dass man doch irgendwie hinter die Fassade guckt. Ich hatte aber das Gefühl – irgendwann nach anderthalb Jahren – da ist gar nicht viel mehr dahinter. Er ist, was er ist. Man bekommt, was man sieht. Und dieses Opern Hören: Er hat über 6.000 Opern, die er in so einem schalldichten Raum hört – ich nehme an, darüber freut sich die Ehefrau, sonst hätte sie sich schon längst scheiden lassen. Dazu guckt er dann noch Filme, deren Ton er abdreht, manchmal liest er auch noch Zeitung. Das ist, glaube ich, der Weg für ihn, einerseits runterzukommen, dass sein Gehirn abschaltet, und andererseits die großen Emotionen auch mal zuzulassen.

Wer bezaht ihn eigentlich?

Da bleibt ein zwiespältiger Eindruck: Feinberg ist den Mächtigen so nah, man weiß nicht, wer ihn bezahlt, oder man weiß dann, die Regierung bezahlt ihn. Er ist widersprüchlich. Er kommt arrogant rüber, manchmal aber auch sehr herzlich. Und er ist offensichtlich ohne Vorurteile, weil er bei den Entschädigungen von 9/11 zum Beispiel auch Illegalen ohne Papiere geholfen hat. Da war er nüchtern, hat gesagt, dass das das Gesetz ist. Das beziehe sich nicht auf Amerikaner, sondern auf Menschen, die dort sterben. Er ist für mich eine widersprüchliche Figur geblieben, und das wollte ich im Film auch erhalten. Das amerikanische Publikum hat damit immer ein bisschen mehr Schwierigkeiten. Die möchten entweder den Helden oder den bösen Anwalt, irgendetwas dazwischen ist schwierig. Aber die meisten Menschen liegen dazwischen, und Feinberg, finde ich, besonders. Bei so einer Machtfülle auch kein Wunder. Ich fand es toll, dass er seine Grenzen manchmal so weit dehnt – aber eben nur so weit, wie das Gesetz es erlaubt. Weiter würde er nie gehen.

Die Kamera blickt manchmal über öde Landschaften: Sie fahren durchs Land, in dem Häuser-Ruinen stehen. Feinberg ist als Gutachter unterwegs und sagt: "Ich kann die Unterfinanzierungsprobleme dieses Staates nicht lösen." Das heißt für mich, er war auch eine Schlüsselfigur, um die Probleme dieses Landes zumindest angedeutet zu sehen.

Genau, für mich war das auch ein bisschen ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft in all ihren Widersprüchen, also von den Fischerleuten in Louisiana, die nach der Ölkatastrophe alles verloren haben, bis zu den Pensionären, denen Rentenkürzungen drohen, und zwar wirklich gravierend: 50, 60, 70 Prozent. Und Feinberg ist ein bisschen wie ein Feuerwehrmann unterwegs. In dem Fall sollte er prüfen, ob der Antrag des Pensionsfonds zulässig ist, dass diese Pensionen jetzt sofort drastisch gekürzt werden. Er hat das zurückgewiesen, sagt aber selbst: "Naja, die danken mir jetzt alle, aber ich habe das nur aufgeschoben. Das wird in ein paar Jahren passieren." Und ich muss sagen, wenn Trump schon da gewesen wäre, hätte ich ihn auch gefragt, wie das denn dann aussieht. Es hat in der Zeit, als wir gedreht haben, gerade in Washington, noch niemand damit gerechnet, vielleicht auch nicht rechnen können, dass Donald Trump jetzt Präsident der Vereinigten Staaten ist.

Man merkt, dass es vor dem Trump-Wahlkampf gedreht sein muss – die Leute haben noch keinen Schaum vorm Mund...

Die Rentner haben alle Bernie Sanders gewählt. Es gibt also auch Leute, die arm dran sind in Amerika und die nicht auf die rechte Seite gerutscht sind. Es gibt auch andere.