Kultur

Marstalltheater: "Philipp Lahm" in der Uraufführung Als Dramenheld ein Totalausfall

Michel Decar liefert mit „Philipp Lahm“ ein höchst vergnügliches Stück – aber ein bisschen fühlt sich die Aufführung an wie die aktuelle Bundesligasaison: Der große Kick fehlt.

Von: Christoph Leibold

Stand: 17.12.2017

Inszenierung von Theaterstück "Philipp Lahm" | Bild: (c) Residenztheater / Foto: Julian Baumann

Ein 90-Minuten-Theater-Abend. Fußballspiellänge. War ja irgendwie klar. Wobei!? 72 Szenen hat Michel Decars Philipp-Lahm-Drama, das eher einem Drehbuch als einem Theaterskript gleicht. 72 Szenen, in denen oft sehr wenig passiert. Das aber sehr ausführlich. Es hätte also deutlich länger werden können.

Philipp Lahm geht über die Bühne. Damit geht es schon mal los. Kurz danach sieht man Philipp Lahm erst die Tageschau, dann die Tagesthemen, schließlich das Nachtmagazin gucken. Und in Szene 60 hockt er vorm PC bei einem Computerspiel.
Anfangs werden die Regieanweisungen von einer Offstimme eingesprochen. Später übernimmt Gunther Eckes, der den Abend als Philipp Lahm solo auf der Bühne bestreitet, das selber.

Kein Konfliktpotenzial – nirgends!

Michel Decar zeigt Philipp Lahm als gewöhnlichen Menschen, der gewöhnliche Dinge tut. Fernsehen eben. Nägel schneiden. Puzzle spielen. Solche Dinge halt. Würde man das eins zu eins auf die Bühne bringen, man käme, schätzt Decar, auf ein bis zwei Tage Spieldauer.

Keine Affären, keine Skandale, nicht mal die branchenüblichen Extravaganzen wie Tattoos, knallbunte Fußballschuhe oder verrückte Frisuren. Was bitteschön gäbe es gegen so einen grundsoliden, immer höflichen Musterprofi einzuwenden? Außer natürlich, dass er als Dramenheld ein Totalausfall ist. Kein Konfliktpotential nirgends.

Die Karikatur eines Superhelden

Aber genau das hat Michel Decar natürlich interessiert, auch wenn er in einem Autoreneinschub mitten im Stück wortreich darlegt, dass eine derart dramatisch undramatische Figur eigentlich die komplette Theatertradition aushebelt.
In dieser Szene raucht Lahm-Darsteller Gunther Eckes – was er die übrige Zeit als Titelheld in kurzen Hosen selbstredend nicht tut. Zigaretten? Also Bitte, Philipp Lahm doch nicht! Eckes gibt den Fußballstar nicht im Fußballdress. Statt eines Trikots trägt er Hemd und Krawatte, und die Shorts sind eine abgeschnittene Anzughose; das Sakko drüber mit Kissen aufgepolstert. So sieht Eckes aus wie die Karikatur eines Superhelden.

Etwas mehr Mut zur Langeweile wäre spannender gewesen

Michel Decar will das Publikum auf die Probe stellen: Ist so ein fader Held auszuhalten? Und tatsächlich: so in sich ruhend, wie Gunther Eckes als Philipp Lahm die meiste Zeit lächelt, kann man als Zuschauer auf Dauer gar nicht anders, als sein Minenspiel als Maske zu interpretieren, hinter der ein Abgrund lauert. Obwohl der nie aufbricht.
Und natürlich lässt sich diese unbeirrbare Freundlichkeit, auch als Konfliktscheu, als Haltungslosigkeit begreifen. Wenn sich dieser Lahm politisch äußert, dann in Gemeinplätzen: Wählen ist wichtig. Oder: Ich bin für die EU.

Dennoch: insgesamt hätte sich Regisseur Robert Gerloff ruhig noch stärker auf die ausgestellte Belanglosigkeit der Titelfigur einlassen können. Klar, es wäre sicher keine gute Idee, die schmerzhafte Durchschnittlichkeit dieses lahmen Titelhelden quälend breit auszuwalzen. Ein wenig näher an die Grenze des Erträglichen hätte der Abend aber durchaus gehen dürfen. So paradox es klingt: etwas mehr Mut zur Langeweile wäre spannender gewesen. Gerloff jedoch setzt eher auf die Komik, die im Text zweifellos angelegt ist.

Höchst vergnüglich - nur der große Kick, der fehlt

Die Bühne im Münchner Marstall zeigt Lahms Wohnzimmer: aufklappbares Sofa, in dem unzählige Tafeln Nussschokolade lagern, Couchtisch, Flachbildfernseher. Daneben gibt es eine große Videoleinwand, auf die vor allem absurde Bilder projiziert werden: Gunther Eckes auf dem Küchentisch hockend mit dem Kopf im Lampenschirm zum Beispiel. Gerloff lässt Eckes außerdem singen, einen Duschtanz aufführen und mit sich selbst banale Interviews führen.

Höchst vergnüglich das alles. Aber ein bisschen fühlt sich die Aufführung an wie die aktuelle Bundesligasaison, an deren Ende sowieso wieder der FC Bayern Meister wird, auch ohne Philipp Lahm: Der große Kick fehlt.