Kultur

Public Art Munich 2018 "Parade of the W(e/a)k" von Anna McCarthy und Gabi Blum

Public Art Munich findet dieses Jahr zum dritten mal statt. Die zwei Münchner Künstlerinnen Anna McCarthy und Gabi Blum sorgen für einen eindrucksvollen Auftakt. In ihrer Performance "Parade of the W(e/a)k" setzten sie ein Zeichen für mehr Selbstermächtigung und Sichtbarkeit aller Nonkonformisten.

Von: Mariia Fedorova

Stand: 02.05.2018

Parade of the Weak | Bild: Stefan Dorner/ BR

„Wir gehen ins Olympiastadion und bleiben dort für immer“. Der Aufruf kommt von den zwei Münchner Künstlerinnen Anna McCarthy und Gabi Blum. Zusammen leiten sie eine Prozession, die „Parade of the W(e/a)k“, die zum Auftakt der Public Arts Munich zwischen der Ost-West-Friedenskirche und dem Olympiastadion stattfindet. Sie bringt Punk, Performance Kunst und politische Demonstration dahin, wo man sie am wenigsten erwartet: unter die verschwitzten Jogger im Olympiapark. Für die Passanten ist es ein skurriles Bild. Ein Schwarm bunt angezogener, zum Teil maskierter Künstler zieht durch das Olympiagelände, macht Musik, Lärm und ruft Parolen, die sich an die Bewohner der Stadt München richten.

An den Rand gedrängte Menschen werden sichtbar

Ost-West Friedenskirche im Olympiapark

„Jeder soll sich angesprochen fühlen,“ erklärt McCarthy. “Man kann in einer Prozession mehrere Sachen verbinden. Und man kann rausgehen: Aus dem elitären Kunstbetrieb auf die Straße, viele Leute einbinden und ansprechen“. Diese Öffentlichkeit ist ausschlaggebend für ihre Aktionen. Denn hier geht es um die Sichtbarkeit von denjenigen, die in München gerne aus dem Stadtbild heraus retuschiert werden: Outsider, Leute am Rande des Existenzminimums. Einzelne Menschen vs. Kapital, Arm gegen Reich: für McCarthy manifestiert sich dieser Konflikt in München vor allem in einer zugespitzten Wohnsituation und in der fortschreitenden Gentrifizierung.

„München braucht mehr Schwarzbauten“

McCarthy und Blum wollen mit ihrer Prozession eine symbolische Besetzung des Olympiastadions inszenieren und damit die Besetzung des öffentlichen Raums feiern. Daher auch der besondere Ausgangspunkt für die Performance: die Ost-West Friedenskirche im Olympiapark, bekannt als die Kirche von Väterchen Timofej. Sie wurde vom russischen Gläubigen Timofei und seiner Frau Natascha ohne Baugenehmigung direkt neben ihrer ebenfalls selbst errichteten Wohnhütte gebaut. Der Schwarzbau wurde für viele zum Symbol der Aneignung des öffentlichen Raums. Mittlerweile steht die Kirche für die Attitüde, die auch für Punk typisch ist: einfach machen, die Regeln brechen und spontan sein.

"Wir tragen die Kirche aus dem Dorf"- McCarthys & Blums Prozession

McCarthy und Blum drehen hier den Spieß um. „Man sagt: Lass die Kirche im Dorf. Wir sagen: Wir tragen die Kirche aus dem Dorf“ umreisst Blum. Die Prozessions-Teilnehmer tragen Leinwände, die eine Kirche darstellen, ins Olympiastadion, um später daraus Transparente, Schilder für eine Demonstration, zu fertigen. „Die Vorstellung, einfach etwas zu machen ist großartig und das ist unser Ansatzpunkt“ ,sagt Blum. „Wir gehen zum Olympiastadion und besetzten es symbolisch, um zu zeigen, dass es hier nicht mehr möglich ist, so zu agieren, wie Timofej“.

Outsider, die es wagen, die Regeln zu brechen

"Parade of the W(e/a)k"

Die Aktion hat für McCarthy und Blum auch eine persönliche Dimension. Auch sie haben Schwierigkeiten, in München zu überleben, Räume für ihre Kunstproduktion zu finden und ernst genommen zu werden. „Räume sind alles. Egal um welchen Bereich es geht“ sagt McCarthy. Die britische Schriftstellerin Virginia Woolf hat in "A Room of One's Own" darüber geschrieben, wie wichtig es ist, für Künstlerinnen einen eigenen Platz zum Arbeiten zu haben und wie schwierig es ist, solche Räume zu bekommen und zu behalten.

„Sie hat total Recht“ meint McCarthy. „Ich habe Woolf in der Schule gelesen. Wir haben auch James Joyce und andere Autoren aus der Zeit besprochen. Und so kam ich auch zum ersten Mal auf die Technik des stream of consciousness und auf das Improvisierte im Schreiben. Das ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt“. Während der Prozession hält McCarthy spontane Reden, auch die Musik ist improvisiert. Das Spontane ist die Essenz der Arbeiten von McCarthy und Blum. „Die Parade of The W(e/a)k“ ist ganz im Zeichen des künstlerischen Dilettantismus gemacht. Nichts ist wirklich fertig, glatt oder durchgeplant.

„Die Prozession soll auch schwach und arm aussehen“ sagt McCarthy. „Einzelne Elemente sind aus Müll gemacht. Wir wollen alle daran erinnern, dass Dreck auch zum Stadtbild gehört“. In München, der Stadt der leerstehenden Büropaläste, erinnern Anna McCarthy und Gabi Blum vor allem daran, dass es die sogenannten „Schwachen“ sind, die es schlussendlich wagen, die gesellschaftlichen Zwänge im Alltag zu brechen. Das hat einer Stadt schon immer gut getan.