Kultur

NSU Prozess in München Warum die Berichterstattung über den NSU auch nach dem Urteil nicht aufhören darf

Das Urteil ist gefällt: Beate Zschäpe bekommt lebenslange Haft. Die Presse muss jetzt aber weiter über den NSU aufklären, sagt Kerem Schamberger von der LMU München – es gebe so viele Fragezeichen, die der Prozess nicht klären konnte oder wollte.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 10.07.2018

03.07.2018, Bayern, München: Die Angeklagte Beate Zschäpe spricht im Gerichtssaal des Oberlandesgericht mit ihrem Anwalt Hermann Borchert. Im Münchner NSU-Prozess werden Zschäpe und vier mitangeklagte mutmaßliche Helfer des «Nationalsozialistischen Untergrunds» für ihre Schlussworte aufgerufen. Der Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts München würde sich danach zur Beratung zurückziehen und voraussichtlich kommende Woche die Urteile verkünden. Die Hauptverhandlung dauert schon mehr als fünf Jahren. Foto: Peter Kneffel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Peter Kneffel

Fünf Jahre, 437 Verhandlungstage NSU-Prozess am Münchner Oberlandesgericht: Zu Beginn konnte die Pressetribüne gar nicht groß genug sein – es gab heftige Debatten um die begrenzten Plätze. Später wurden die Berichterstatter nach und nach weniger. Trotzdem haben einzelne Medien, darunter der Bayerische Rundfunk, es geschafft, jeden einzelnen Tag dieses historischen Prozesses vor Ort zu sein und die Verhandlung zu dokumentieren. Und doch hätte die Presse einiges besser machen können, sagt Kerem Schamberger – und kann es auch noch in der Zukunft. Judith Heitkamp hat mit dem Leiter des Forschungsprojekts "Öffentlichkeit in Deutschland am Beispiel des NSU-Komplex" des Masterstudiengangs Kommunikationswissenschaft an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität gesprochen.

Judith Heitkamp: Wie sind wir denn informiert worden über dieses Mammutverfahren NSU-Prozess?

Kerem Schamberger: Wenn Medien über einen Gegenstand berichten, dann spiegeln sie nicht die Realität wider, sondern sie konstruieren einen Gegenstand – wir haben uns angeschaut, wie die Medien den NSU-Komplex konstruiert haben. Wir haben vier Grundrichtungen gefunden, vier Öffentlichkeiten, so haben wir es in unserem Forschungsprojekt genannt.

Welche genau?

Studienleiter Kerem Schamberger

Einmal sehen wir eine Öffentlichkeit, die sich vor allem am Narrativ staatlicher Stellen orientiert, also zum Beispiel der Staatsanwaltschaft. Demnach steckte hinter den Morden im Wesentlichen ein Trio, das begrenzte Unterstützung von außen hatte. Wir nennen das die staatsnahe Konstruktion der Realität. Dann eine systemkritische Öffentlichkeit, zum Beispiel der Blog "NSU-Watch", die "Nachdenkseiten" oder auch die NSU-Nebenkläger. Dort wird auf die gesellschaftlichen Voraussetzungen des NSU hingewiesen, auf Rassismus, das Klima gegen Migrantinnen und Migranten, das dazu beitrug, dass der NSU über zehn Jahre nicht aufgeflogen ist. Da wird die Gesellschaft als Ganzes infrage gestellt. Als drittes sehen wir eine pluralistische Öffentlichkeit, in der vor allem auch den Opfern eine Stimme gegeben wird, dazu gehören zum Beispiel die Tageszeitung taz oder auch der Bayerische Rundfunk. Die sind übrigens auch unter den wenigen, die eine eigene Medienkritik betrieben haben, die thematisiert haben, dass vor der Selbstenttarnung des NSU die Sicht der Ermittler einfach unkritisch übernommen worden ist, Stichwort "Döner-Morde". Es gab da einen großen blinden Fleck. Und schließlich haben wir uns auch Medien angeschaut, die eher dem rechten Meinungsspektrum angehören, Kompakt und die Junge Freiheit etwa. Die verfolgen eine völlig alternative Erzählung vom Prozess als einer Inszenierung im Kampf gegen rechts. Für diese Medien ist alles nur Fake.

Die Bild-Zeitung ist mal aufgefallen mit der Schlagzeile "Zschäpe im Sommerlook" - eine Zeile, die später zurückgezogen wurde. Welches Signal geht von solchen Titeln aus?

Für viele Medien stand oft nur die zentrale Person von Beate Zschäpe im Mittelpunkt, bis dahin, dass sogar Wert auf ihr Aussehen gelegt wurde – also Fokussierung auf eine Person statt auf die Grundlagen.

Am Anfang gab es viel Streit darum, dass nicht genügend Platz für all die Journalisten im Gerichtssaal war, die den Prozess verfolgen wollten.

Journalisten einen Tag vor dem Urteilsspruch in München

Ein Ergebnis unserer Studie ist, dass das Bild vom NSU von sehr wenigen, oft sehr engagierten Journalistinnen und Journalisten gezeichnet wird. Diejenigen, die über fünf Jahre an diesem Fall drangeblieben sind, lassen sich eigentlich an zwei Händen abzählen. Das hat natürlich auch strukturelle Gründe. Wie viele Redaktionen können es sich leisten, einen Journalisten, eine Journalistin so lange hauptsächlich an einem Thema arbeiten zu lassen? Überrascht hat uns, wie wenig Öffentlichkeit so ein wichtiges Projekt wie der Blog "NSU-Watch" bekommen hat. Dort haben sich zivilgesellschaftliche, vor allem antifaschistische Initiativen bundesweit zusammengetan, um eine zivilgesellschaftliche Aufarbeitung des ganzen Komplexes zu ermöglichen. Die haben über fünf Jahre eine sehr, sehr harte, detaillierte Arbeit geleistet. Man konnte von fast jedem Prozesstag ein Protokoll finden, Hintergrundinformationen, Recherchen. Es gab schon auch gute Kontakte zu den Journalisten. Aber als Quelle hat "NSU-Watch", zumindest in genannter Form, eigentlich keine Rolle gespielt. Aus normativer Sicht,  wenn ich das so sagen darf, ist das schade.

Können zivilgesellschaftliche Prozessbeobachter mehr leisten als professionelle Journalisten?

Ich würde diese beiden Gruppen nicht in Konkurrenz zueinander setzen. Sie können sich ergänzen. Journalisten müssen der Medienlogik folgen, müssen Schlagzeilen liefern. Zivilgesellschaftliche Beobachter können ohne diesen Druck recherchieren. Eigentlich wäre es schön, wenn sich diese beiden Gruppen gegenseitig befruchten.

Wie wird man diesem Mammut-Verfahren in einem aufklärerischen Sinne am besten gerecht? Es gab ja auch den künstlerischen Ansatz – zahlreiche Theaterinszenierungen, Dramatisierung der Gerichtsprotokolle, das NSU-Tribunal von Aktivisten in Köln, mehrere Spielfilme, die sich mit dem NSU befasst haben, Hörspiele, Romane,...

Wichtig ist, dass nicht am morgigen Mittwoch das Urteil gefällt wird und damit war's das mit der Aufarbeitung. Die Aufarbeitung des gesellschaftlichen Klimas, das diese Morde möglich gemacht hat, muss weitergehen. Deshalb ist die künstlerische Aufarbeitung, wie das NSU-Tribunal vom letzten Jahr, ganz wichtig. Damit werden Dokumente geschaffen, und es wäre schön, wenn diese wieder Eingang in die Medienberichterstattung finden.

Wie wird es weitergehen, was ist Ihre Prognose, nach dem Urteil?

Jedenfalls darf der NSU-Komplex nicht medial in der Versenkung verschwinden und das Thema abgehakt werden. Es gibt so viele Fragezeichen, die der Prozess nicht klären konnte oder wollte, die vor allem durch engagierte Journalistinnen und Journalisten recherchiert und aufgedeckt werden können. Ich hoffe, dass die Berichterstattung mit dem morgigen Urteilsspruch nicht abbricht.

Der NSU-Prozess, Tag für Tag, im Kontext

Alles zum Prozess gegen die Neonazi-Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) mit der Hauptangeklagten Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht (OLG) München: Der Prozess Tag für Tag, die NSU-Protokolle der Reporter von ARD und BR, die wichtigsten Verhandlungstage im Überblick. Und: Hintergrundinfos zu den Opfern, zum braunen Netzwerk hinter dem NSU und zum Staatsversagen.