Kultur

"Die Erfindung der Leistung" Nina Verheyen stellt unser Leistungsethos auf den Prüfstand

Ob es um leistungsfähige Breitbandnetze, Integrationsleistung oder um Leistungen in der Altenpflege geht: Leistung spielt schon im Koalitionsvertrag eine große Rolle. Nina Verheyen untersucht den Leistungsbegriff – und was er (nicht) leistet.

Von: Joana Ortmann

Stand: 02.05.2018

Schon der aktuelle Koalitionsvertrag zeigt, wie wichtig der Begriff der Leistung für die deutsche Gesellschaft ist. Da geht’s nicht nur um leistungsfähige Breitbandnetze und die viel zitierte Integrationsleistung, sondern auch um Leistungen in der Altenpflege oder beim Bauen, um Sozialleistungen und sogar um die Lebensleistung. Die Kölner Historikerin Nina Verheyen untersucht in ihrem Buch "Die Erfindung der Leistung" Leistung als zentrale Ordnungskategorie unseres Lebens. Joana Ortmann hat mit ihr darüber gesprochen.

Joana Ortmann: Frau Verheyen, vielleicht umreißen Sie uns erstmal kurz, wie die Idee von der Leistung in die Welt kam?

Nina Verheyen: Ganz wichtig ist zu betonen, dass sich Leistung überhaupt erst sehr spät als Begriff der politischen sozialen Sprache herausbildet, nämlich erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts. Stark wird er erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts und dann vor allem in den öffentlichen Debatten des 20. Jahrhunderts. Die Frage, warum sich nun Leistung von einem Wort zu einem Begriff der politisch-sozialen Sprache entwickelt, ist schwer zu beantworten. Wichtig ist zunächst einmal, dass dahinter verschiedene Dinge stehen. Nicht nur die ökonomischen Entwicklungen. Ganz wichtig ist mir zu betonen, dass in dieser Zeit die empirischen Wissenschaften eine ganz neue Bedeutung gewinnen an den Universitäten und in den ersten Großforschungszentren. Und diese empirischen Wissenschaften entwickeln dann eine Reihe von Strategien, um menschliche Leistungen analog zu maschineller Leistungen zu vermessen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt um zu verstehen, woher dieser heute noch gängige Leistungsbegriff kommt.

Das fand ich auch eines der spannendsten Kapitel, wie dieser Kult der Effizienz eigentlich entsteht im 19. Jahrhundert und der Mensch als Motor aufgefasst wird. Das ist ein befremdlicher Gedanke, der sich ja fortgesetzt hat in die Gegenwart. Wie wirkt der sich heute aus?

Dieser Gedanke, den Menschen als Motor zu konzipieren, der ist einerseits bis heute virulent und sorgt immer wieder dafür, dass wir relativ vereinfacht davon ausgehen, man könne so etwas wie individuelle Leistung objektiv messen, so wie wir einem Motor eben bestimmte Leistungen zuschreiben. Wobei dann immer unklar ist, ob man damit das meint, was ein Motor sozusagen tut, die Energie, die er umwandelt, oder seine Leistungsfähigkeit, das, was er tun könnte.

Das ist ja diese etwas hilflose Definition: Leistung ist Arbeit pro Zeit, wenn man es auf den Menschen überträgt.

Genau dieser Gedanke schwingt im Prinzip bis heute mit und gleichzeitig haben sich die Arbeitsverhältnisse verändert, unsere heutige Arbeitswelt hat sich davon ganz weit entfernt. Man kann eigentlich das, was Menschen heute in Erwerbsarbeit tun, überhaupt nicht mehr über diese Formel Arbeit pro Zeit evaluieren. Deswegen gibt es einen gewissen Anachronismus, der ganz problematisch ist.

Sie führen das in dem mit „Kollaps“ überschriebenen Kapitel aus: Wenn wir diese Fülle an Selbstoptimierungs- und Karriere-Ratgebern auf der einen Seite haben und auf der anderen Seite die Kritik an der Leistung, die natürlich von den 68ern herkommt, aber auch durchaus seit einigen Jahren auch wieder auf dem Sachbuchmarkt hip ist. Wo ordnen Sie sich denn da mit ihrem Buch, das eindeutig auch zurückschaut, ein?

 Ich versuche zwischen diesen beiden Fronten zu vermitteln, weil ich beide Seiten für sich genommen für zu einseitig halte, und weil es gleichzeitig auch ein interessanter Widerspruch ist, dass wir in der Gegenwart einerseits diese enorme Kritik beobachten können an der Leistungsgesellschaft, am Leistungsdruck, und wir andererseits ganz offenbar immer noch an Leistung glauben - sonst würden diese ganzen Ratgeber zur Leistungssteigerung ja nicht gekauft. Gleichzeitig beziehe ich schon immer wieder sehr klar Position. Unter anderem bin ich der Meinung, dass diese radikalen Versuche der Leistungssteigerung, wie sie eben erst im 20. Jahrhundert aufkommen, für hochgradig problematisch halte. Das Problem ist, dass diese Leistungssteigerung dann kein Ende mehr hat und gewissermaßen direkt in die Erschöpfung führt, wenn man nicht an irgendeinem Punkt sagt: Jetzt ist aber mal stopp!
Die Physiologen des 19. Jahrhunderts, die den Menschen als Motor konzipierten, haben auch schon versucht Leistung zu steigern, aber immer nur in Maßen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Sie gehen davon aus, ein Mensch hat wie ein Motor nur eine bestimmte Kraft und wenn man den zu sehr beansprucht, dann führt das dazu, dass er dauerhaft Energie verliert und dauerhaft weniger leistet.

Da greift natürlich bei uns dieses geschlossene System der prinzipiell unendlichen Leistungsfähigkeit mit einer Fitness-, Wellness-Kultur und sozusagen Selfoptimizing-Kultur, die den Menschen dann wieder fit macht, um Leistung zu bringen. Wie tief dieser Leistungsgedanken dann letztlich doch kulturell in den meisten verankert ist, zeigt sich daran, dass es als Belohnungssystem funktioniert. Und da entlarven Sie, das genau dieses Belohnungssystem dieses gesellschaftliche eigentlich eine Illusion ist. Weil Leistung verspricht gesellschaftlichen Aufstieg, aber Sie zeigen, dem ist eigentlich nicht so.

Ja, der Leistungsgedanke ist sehr stark geworden in Verbindung mit emanzipatorischen Bewegungen und dem Anspruch, dass Leistung sich lohnen soll, dass man durch Leistung die Möglichkeit haben soll, zur Anerkennung zu kommen, auch sozial aufzusteigen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt dieses Leistungsgedankens. Aber soziologische Studien haben leider immer wieder gezeigt, dass selbst in Gesellschaften, die - wie die Bundesrepublik, Frankreich oder die USA – beanspruchen, Status an Leistung zu binden statt an Herkunft oder die Hautfarbe,  dass auch und gerade diese Gesellschaften Strukturen sozialer Ungleichheit immer wieder reproduzieren. Das heißt, dass die Kinder von Eliten tendenziell wieder Elite werden und einen enormen Vorteil haben in diesem vermeintlich fairen Wettbewerb, in dem es darum geht, sich durch Leistungen zu beweisen. Und schlimmer noch: Soziologen haben gezeigt, dass diese Reproduktion von Strukturen sozialer Ungleichheit - diese Reproduktion auch von Eliten - nicht nur gelingt, obwohl diese Gesellschaften beanspruchen, Leistungsgesellschaft zu sein, sondern gerade weil. Weil nämlich die Eliten selber einen Anspruch haben und glauben - und auch von anderen gespiegelt bekommen - sie seien Leistungseliten. Der Leistungsgedanke verschleiert also und legitimiert soziale Ungleichheit. Er legitimiert, dass bestimmte Personen an der Spitze stehen und wenn diese Personen als Leistungselite wahrgenommen werden, dann mag darin niemand mehr ein Unrecht erkennen. Insofern zementiert der Leistungsgedanke sogar soziale Ungleichheit, das ist ein ganz wichtiger Punkt, warum auf Seiten der Linken der Leistungsgedanke letztlich so in die Kritik geraten ist.

Wie könnte man denn diesen Leistungsbegriff wieder rehabilitieren, so dass man wieder zu einem konstruktiveren Leistungsdenken im positiven Sinn zurückkommen kann?

Es ist schon viel gewonnen, wenn man sich klarmacht, dass Leistung ohnehin von vornherein eine Unschärfe-Formel ist. In Theorien sozialer Gerechtigkeit geht es um etwas, das jemand tut oder das jemand durch sein Tun hervorbringt, das anderen etwas nützt,  und deswegen dann belohnt werden soll. Und diese Definition ist inhaltlich völlig unbestimmt: Dieses Tun könnte dann also eine Erwerbsarbeit sein, aber es kann auch darum gehen, sich um seine Nächsten zu kümmern. Worauf ich hinaus will ist, dass Leistung eine unscharfe Formel ist, die uns ermöglicht letztlich auszuhandeln, was uns als Anerkennung für dieses Tun gilt. Und ich glaube darüber sollte ruhig offensiv und immer wieder diskutiert werden, ohne zu versuchen Leistung objektiv zu messen.
Man könnte ja noch stärker darauf hinweisen, dass etwa die Arbeit, die Menschen in den Pflegeberufen leisten, annerkennungswürdiger ist als das, was die Menschen in diesen Pflegeberufen bekommen - etwa im Vergleich zu den berühmten Managern mit ihren exorbitanten Gehältern. Das ist ein Punkt, dass man sich klarmacht, man kann mit dem Begriff Leistung durchaus positiv arbeiten.
Der zweite Punkt, auf den ich hinauswill in meinem Buch, wenn ich auch davon spreche, dass man Leistung stärker sozial denken sollte, ist, dass man sich klarmacht dass es so etwas wie eine rein persönliche eine individuelle Leistung eigentlich eh nicht gibt. Weil hinter allem, was Menschen erreichen - auch hinter den Fähigkeiten, die sie haben, eigentlich nie nur sie alleine stehen, sondern immer ganz viele. Das heißt, das was produziert wird, dass es in einer vernetzten Gesellschaft wie unserer ist ein Ergebnis einer verflochtenen Arbeit, an der ganz viele beteiligt waren. Auch das, was ein Einzelner kann, hängt davon ab, auf welche Schule er gegangen ist, ob das gute Lehrer waren, hängt auch davon ab, ob wir ein gutes staatliches Schulsystem haben und solche Dinge mehr.
Hinter jeder vermeintlichen Leistung sind eigentlich immer viele. Wenn man sich das klarmacht, dann wird auch deutlich, warum radikale Einkommensunterschiede letztlich problematisch sind. Dann wird deutlich, dass man gerade, wenn man sagt, Leistung soll eine Grundlage sein für Einkommen, dass es dann eigentlich nur eine Streuung innerhalb einer bestimmten Bandbreite geben kann und es eigentlich nicht sein kann, dass eine Person kaum genug verdient, um davon leben zu können, und die andere viel mehr hat als sie jemals in ihrem Leben irgendwie sinnvoll einsetzen kann.

Nina Verheyens Buch"Die Erfindung der Leistung" ist bei Hanser Berlin erschienen.