Kultur

"Waldes Dunkel" von Nicole Krauss Mit Kafka in die Wüste

Die Schriftstellerin Nicole Krauss setzt sich immer wieder mit jüdischen Identitäten auseinander. Ihr neuer Roman "Waldes Dunkel" schickt zwei Figuren mit Lebenskrisen nach Israel - und Kafka hat einen Auftritt als Kibbuz-Gärtner.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 08.03.2018

Straße in der Wüste Negev, Israel | Bild: picture-alliance/dpa / NurPhoto

Das Hilton Tel Aviv ist ein monumentaler 60er-Jahre-Bau: Beton im Stile des Brutalismus, ein an den Strand gewuchteter Widerspruch zwischen Natur und Zivilisation. Dorthin schickt Nicole Krauss die Hauptfiguren ihres neuen Romans. Wie die Autorin sind beide New Yorker. Der eine, Jules Epstein, ist ein reicher, alternder Anwalt, der sein Leben hinter sich lassen will, die andere, Nicole, eine Schriftstellerin mit Beziehungskrise und Schreibblockade.

Von Brooklyn nach Israel

Tel Aviv ist für beide die Stadt ihres Ursprungs: Nicole wurde 40 Jahre zuvor dort gezeugt, Epstein kam als Sohn von Holocaust-Überlebenden dort zur Welt: "Hinter ihm lag die Stadt, in der er geboren war. Wie weit sein Leben sich auch von ihr entfernt haben mochte, er kam von hier, diese Sonne und Brise hatten ihn geprägt. Seine Eltern waren von nirgendwo gekommen. Das, wo sie herkamen, hatte aufgehört zu existieren, und so gab es auch keine Rückkehr. Er selbst aber kam von irgendwo."

Das Hilton Tel Aviv

Nicole Krauss schreibt aus zwei Perspektiven: für Epstein in der dritten Person, Nicole tritt als Ich-Erzählerin auf. Natürlich sollte man sie nicht mit der Autorin verwechseln, auch wenn beide mehr gemeinsam haben als den Vornamen: Wie Krauss lebt ihre Heldin als Mutter zweier Söhne in Brooklyn, wie bei Krauss ist ihre Ehe an ein Ende gekommen: Von ihrem Mann, dem Schriftsteller Jonathan Safran Foer, hat sich die Autorin Nicole Krauss vor einiger Zeit getrennt. Es gibt im Buch einen ironischen Hinweis auf ihn, der mit seinem Roman "Alles ist erleuchtet" international bekannt wurde: Vom Mann der Roman-Nicole wird, als er in einer reflektierenden Fahrradweste nach Hause kommt, ernüchtert und lapidar gesagt: "Einen Augenblick lang leuchtete er."

Das Interessante an diesem Spiel mit autobiografischen Verweisen ist jedoch nicht die Frage, wie viel Krauss in der Nicole des Buches steckt. Es gibt ein großes Thema, das die fiktive Schriftstellerin und ihre Erfinderin verbindet: ihr Judentum – und was es heißt, darüber zu schreiben. Nicole Krauss unternimmt in "Waldes Dunkel" nicht zum ersten Mal literarische Tiefenbohrungen in jüdische Identitäten. Ihre Romanfigur hadert damit, als jüdische Stimme vereinnahmt zu werden, zugleich bedient sie die Erwartungen: Ihre Bücher sind, wie es heißt, "unbestreitbar jüdisch, voller jüdischer Figuren und Nachklänge von zweitausend Jahren jüdischer Geschichte."

König David und Franz Kafka

Genau das gilt auch für die zwei Parallelgeschichten im Roman von Nicole Krauss, die sich an keiner Stelle kreuzen: Die beiden Protagonisten des Romans treffen sich nicht. Die Autorin führt sie durch eine Reihe von Begegnungen und Ereignissen, die durch Motive und Analogien verbunden sind.

Die New Yorker Schriftstellerin Nicole Krauss

Und jede bekommt eine Begleitfigur, eine Art Cicerone: Epstein gerät an einen Rabbi, der ihn für einen Nachkommen König Davids hält, im Negev lässt er zum Gedenken an seine Eltern einen Wald pflanzen, hat einen Kurzauftritt als König David in einer Filmproduktion und verschwindet schließlich in der Wüste. Nicoles Begleiter ist ein alter Literaturwissenschaftler, der ihr eine aberwitzige Theorie zu Franz Kafka auftischt: Der sei keineswegs 1924 an Tuberkulose gestorben, sondern nach Palästina ausgewandert und habe dort noch 20 Jahre inkognito  als Gärtner gelebt. Ein Koffer mit Kafka-Papieren spielt eine Rolle, auch Nicole findet sich irgendwann in der Wüste wieder, in einer Hütte, die Kafkas letzter Aufenthaltsort gewesen sein könnte. Dort, "unter freiem Himmel," fühlt sie sich "jener Fülle nahe, die man manchmal unter der Oberfläche von allem und jedem spürt, unsichtbar, wie Kafka einmal schrieb, sehr weit weg, aber dort bereitliegend, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub, und wenn man sie beim richtigen Namen rufe, dann komme sie."

Das Pathos einer Romankonstruktion

Franz Kafka als Gewährsmann dafür, was es heißt, "wenn du als Jude in der Wüste vollkommen aus dir heraustrittst": Das ist eine gewagte, eine seltsame Pointe. Zwar gehören solche hoch pathetischen Passagen zur Figurenperspektive, doch diese ist bei Nicole Krauss eigentümlich durchscheinend. Und dahinter kommt die leicht klappernde Mechanik einer Romankonstruktion zum Vorschein, die ihrerseits genau diesem Pathos zuarbeitet: Der Text selbst lebt von einer allzu schlichten Ortsmagie, für die er seine Sinn- und Selbstsucher auf verschiedenen Umwegen am Ende in biblisches Gelände schickt.

"Waldes Dunkel" von Nicole Krauss

Zwar wird auch das heutige Israel mit Raketenbeschuss, Checkpoints und orientalisch lautem Leben geschildert, jedoch eher als Kulisse und Durchgangsstation. Es soll um mehr gehen, um alles, um die entscheidenden Übergänge und Wandlungen. Dazu gehört hier allerdings leider auch, die Komplexität der Kultur hinter sich zu lassen: Epstein gelangt erst zu den mythischen Wurzeln seiner Existenz, nachdem er sich von seiner außergewöhnlichen Kunstsammlung befreit hat. Und Kafka, die personifizierte Fremdheit nicht nur des deutschen Juden in Prag, sondern des modernen Menschen schlechthin, soll festgestellt haben, "dass er, der in Europa gerade mal oder nicht einmal ein durchschnittlicher Gärtner gewesen war, in Palästina alles, was er berührte, zum Gedeihen zu bringen schien."

"Waldes Dunkel" erzählt keine simplen Erlösungsgeschichten, doch es gibt durchaus eine bedeutungsschwangere Weise, Erlösung zu verweigern. Und die praktiziert Nicole Krauss in ihrem neuen Roman. Wald und Wüste sollen darin als große Chiffren für das Spirituelle, Geheimnisvolle, Existenzielle dienen. Und dagegen ist das Hilton Tel Aviv dann doch kein Ort produktiver Widersprüche mehr, sondern nur das unansehnliche Mahnmal einer überrationalen Moderne.

"Waldes Dunkel" von Nicole Krauss ist in der Übersetzung von Grete Osterwald bei Rowohlt erschienen.