Kultur

Rechtspopulismus in Österreich Deshalb verlässt Nicolaus Schafhausen die Kunsthalle Wien

Der Direktor der Kunsthalle Wien legt sein Amt nieder – wegen der nationalistischen Politik Österreichs. Im Interview verteidigt Nicolaus Schafhausen seinen Schritt und wehrt sich gegen Vorwürfe eines fehlenden Widerstands.

Von: Joana Ortmann

Stand: 26.05.2018

Nicolaus Schafhausen, seit 2012 Direktor der Kunsthalle Wien, legt seinen Posten vorzeitig nieder. | Bild: Sabine Hauswirth/Kunsthalle Wien/dpa

"In der derzeitigen nationalistischen Politik in Österreich und der europäischen Situation sehe ich die Wirkungsmächtigkeit von Kulturinstitutionen wie der Kunsthalle Wien für die Zukunft in Frage gestellt." Mit diesen Worten begründet Nicolaus Schafhausen seinen frühzeitigen Abschied als Direktor der Kunsthalle Wien. Im Gespräch mit Joana Ortmann erklärt er seinen drastischen Schritt.

Joana Ortmann: Herr Schafhausen, vielleicht erklären Sie erst einmal die politische Konstellation in Wien und Österreich und die Folgen für Sie als Kulturschaffenden?

Nicolaus Schafhausen: Die Stadt Wien ist sozialdemokratisch-grün regiert, das Land allgemein schwarz-blau, also ÖVP-FPÖ – und die FPÖ ist eine definitiv rechtsnationale Partei, die eine sehr lange Geschichte hier in Österreich vorzuweisen hat. Die ist nicht gerade vom Himmel gefallen und bestimmt den Ton schon seit längerer Zeit zumindest mit.

Und wenn Sie sich anschauen: In Wien gibt es wie in München oder Berlin verschiedene Institutionen, die vom Bund gefördert sind: Die sehr großen Häuser, die sogenannten Bundesmuseen, Bundestheater etc. Und es gibt viele städtische Einrichtungen, kleinere Organisationen, größere Organisationen. Und solche mittelgroßen Organisationen wie zum Beispiel den neuen Kulturminister, der sagt, dass die zukünftige Förderung der Bundesmuseen, aber auch der freien Projekte ergebnisorientiert gefördert werden.

Das bedeutet, dass man klare Mittel zur Evaluierung heranziehen muss. Das ist in Österreich auch wirklich der Fall – hier wird sehr stark auf Besucherzahlen geschaut. Aber was passiert daneben? Welchen gesellschaftspolitischen Auftrag haben solche Institutionen? Es fehlt mir im größeren Resonanzraum bei vielen Einrichtungen, dass sie sich irgendwie auch gesellschaftspolitisch, jenseits ihrer Programme positionieren.

Sie haben ja, was die Kunsthalle betrifft – immerhin eines der bedeutendsten Ausstellungshäuser in Österreich – in den vergangenen Jahren schon versucht, sich ein Standing zu erarbeiten. Zum Beispiel 2015/2016 mit einer Ausstellung über politischen Populismus. Dann haben Sie die Ausstellung "How To Live Together" ins Leben gerufen, die sich mit Bedingungen des Zusammenlebens beschäftigt. Auf welcher Ebene sehen Sie sich denn jetzt beschnitten in der Wirkungsmächtigkeit des Hauses?

Solche Kultur- oder Kunsteinrichtungen können auch nicht mehr machen als es zu versuchen. Man erreicht ja auch ein bestimmtes Publikum – das ist kein Massenpublikum, aber was uns betrifft, sind wir mit der Publikumszusammenstellung eigentlich sehr zufrieden. Wir haben ja ein Publikum von ungefähr 250 Personen pro Tag, das sich zu großen Teilen auch aus der internationalen Bevölkerung Wiens zusammensetzt, also nicht nur aus Touristen.

Wir kooperieren auch mit anderen Institutionen von Zeit zu Zeit, die beispielsweise vom Bund getragen sind – da gibt es verschiedene Ideen und verschiedene Vorhaben. Und da stellt sich die Frage: Mit wem möchte ich hypothetisch verhandeln und mit wem nicht? Wie lange geht man diplomatisch durchs Leben für eine Institution und setzt sich mit jedem an einen Tisch nur des Geldes wegen? Das kann ich nicht.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erklären, wie schwierig das sein kann, im Hinterzimmer des Kurators?

Nein. Es ist grundsätzlich die Frage: Mit wem möchte ich mich an einen Tisch setzen und wie glaubwürdig könnte ich die Institution vertreten, wenn ich Kompromisse eingehen sollte? Das tue ich ja noch nicht. Aber es könnte durchaus der Fall sein.

Mit wem müssten Sie sich dann an einen Tisch setzen?

Wenn ich Bundesgelder möchte, wäre das natürlich das Kultur-Bundeskanzleramt, was nicht FPÖ-, aber ÖVP-geleitet ist, und die ÖVP will eine Regierung mit der FPÖ. Da ist einfach eine gewisse Grenze überschritten worden. Ich persönlich möchte damit nichts zu tun haben.

In Österreich und in den österreichischen Medien wird ihr Rückzug zwiespältig gesehen, am schärfsten geschrieben hat vielleicht der Standard: "Darf jemand kneifen, der in Wien antrat, um über den intellektuellen und gesellschaftlichen Wert von Kunst zu diskutieren und der angab, im Marxschen Sinn an den gesellschaftlichen Mehrwert von Kunst zu glauben?" Haben die das falsch verstanden oder wie sehen Sie das?

Ich glaube ja wirklich an den gesellschaftlichen Mehrwert von Kunst, deswegen habe ich das gemacht und deswegen renne ich ja auch nicht weg, sondern bleibe noch bis März 2019. Ich habe den Zeitpunkt bewusst gewählt: Heute ist eine neue städtische Regierung angelobt worden, auch mit einem neuen Stadtverordneten für Kultur – eine sehr wichtige Position. Aber es ist klar: Wenn man sich die doch sehr kleine Medienlandschaft anschaut und die Begehrlichkeiten der vielen öffentlichen und privaten Organisationen, die in Zukunft gefördert werden wollen, ist es ohnehin schwer, Fördergelder zu bekommen. Und mit einer neuen Regierung wird natürlich alles wieder auf den Prüfstand gestellt.

Die Medien haben einfach ein Naheverhältnis zur Politik und zur Wirtschaft. Das ist wirklich ein bisschen anders als in Deutschland. Wie kann ich da für ein Programm, das respektiert, aber nicht geliebt wird, neue Finanzverhandlungen führen? Für Ein Programm, was auch von den Medien immer wieder als "zu elitistisch", als "Feinschmecker-Programm" für Wenige, für die Internationalen beschrieben wird? Da sitze ich natürlich am kürzeren Hebel.

Jetzt kann ich für die Institution verhandeln und für die Mitarbeiterschaft, die dieses Programm auch gewährleistet – und nicht für mich persönlich. Ich will mich damit nicht in eine Märtyrer- oder Opferrolle begeben. Ich habe mir bewusst überlegt, wann ich gehe und das ist noch ein knappes Jahr hin. Und in diese Zeit fallen die Budgetverhandlungen. In der Zeit wird aber auch eine neue Leitung gesucht und das wird natürlich spannend.

Aus deutscher Sicht gefragt: Müsste nicht ein Kulturschaffender gerade in so einem Klima bleiben? Wäre in der sich derzeit zuziehenden Lage nicht als allererstes Widerstand gefragt?

Ein Leben im Konjunktiv liegt mir sehr fern. Was wäre wenn? Dafür habe ich in den letzten Jahren zu viele Veränderungen wahrgenommen, nicht nur persönlich, sondern auch beruflich und im Alltag. Zu bleiben wäre durchaus eine Möglichkeit, aber da sehe ich meine persönliche Handlungsmacht als zu eingeschränkt. Der Kontext hat sich hier so stark verändert. Sie können sich selbst und ihre Programme aus einer Situation heraus, die ja keine Politik ist, nur bedingt reformieren. Das Kämpfen um des Kämpfens Willen ist mir doch ein bisschen zu einfach.

Wo wollen Sie denn hin 2019? Bleiben sie in Österreich?

Nein. Aber das hat nichts mit Österreich zu tun. Ich habe auch seit sehr langer Zeit einen Wohnsitz in Berlin. Ich arbeite auch frei an verschiedenen Orten und das sind alles Sachen, die ich natürlich weitermachen werde. Ich habe auch für mich persönlich den Wunsch nach beruflicher Veränderung. Das steht auch in meinem Statement drin, dass ich weiß, was ich tun werde nach März.

Aber Sie sagen es uns noch nicht?

Das ist noch ein bisschen zu früh. Mir war klar, wie breit so etwas diskutiert werden könnte. Aber es geht in erster Linie um die Zukunft der Kunsthalle, nicht um meine. Das soll im Vordergrund stehen.

Ich denke ihre Begründung provoziert das, die hat etwas Paradoxes in sich...

Ich habe das Statement nicht aus Naivität geschrieben. Mir ist sehr wohl bewusst, was das provoziert.

Dient das der Kunsthalle? Diese Form der Provokation?

Den Gedanken kann ich aus einer Sicht von außen nachvollziehen, aber man muss es differenzierter sehen: Es gibt so viele Begehrlichkeiten gegenüber der Kunsthalle von vielen Leuten, die diesen Job irgendwann mal nicht bekommen haben oder mal hatten. Und da geht es ganz klar um eine kulturpolitische Positionierung einer Institution, die weitergeführt wird. Ich habe das sowohl mit meinem Aufsichtsrat, aber auch mit Mitarbeitern der Kunsthalle Wien besprochen. Wir gehen davon aus, dass es der Kunsthalle zu diesem Zeitpunkt alles andere als schadet.

Es hätte ihr jetzt im Moment auch nicht geschadet, wenn ich länger geblieben wäre, aber wenn Sie sich die Situation anschauen in Österreich, aber auch international: Personen wie ich werden sehr gerne gegangen. Aus welchen Gründen auch immer. Und ich habe mir gesagt: Ich möchte einfach nicht in die Defensive geraten, sondern muss das offensiv angehen. Das können Sie mir vorwerfen, aber es ist natürlich auch eine Strategie. Ich hätte auch einen anderen Weg wählen können, aber ich habe diesen Weg – wenn Sie so wollen, den der Provokation – jetzt bewusst gewählt.