Kultur

Neuer Berlinale Chef Carlo Chatrian beerbt Dieter Kosslick als Leiter der Berlinale

Der italienische Journalist und Cineast Carlo Chatrian wird neuer Leiter der Berlinale. Bis jetzt kuratierte er das Filmfest in Locarno. Eine gute Wahl, findet Moritz Holfelder.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 19.06.2018

ARCHIV - 02.08.2017, Schweiz, Locarno: Carlo Chatrian, Künstlerische Leiter des Filmfestivals von Locarno, steht auf der  Piazza Grande zwischen Stuhlreihen. (zu dpa "Locarno-Chef Chatrian soll neuer Berlinale-Direktor werden" vom 19.06.2018) Foto: Urs Flueeler/KEYSTONE/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Urs Flueeler

Nachdem Kulturstaatsministerin Monika Grütters in den letzten Monaten eine eher unglückliche Figur abgab, was die deutsche Filmszene und vor allem die Nachfolge des Berlinale-Leiters Dieter Kosslick betraf, ist ihr jetzt ein Befreiungsschlag gelungen. Carlo Chatrian, zurzeit noch Leiter des Festivals von Locarno, wird neuer Chef in Berlin – ein großer Coup! Der 1971 in Turin geborene Journalist und Autor gilt als leidenschaftlicher Cineast und hat als solcher weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Er wird der erste Chef in der Geschichte der Berlinale sein, der kein Deutsch spricht. In einem Interview mit ZEITOnline hatte er das letztes Jahr selbst noch als Manko formuliert: „Die Berlinale ist ein großartiges Festival mit viel Potenzial“, sagte Chatrian, „aber ich glaube nicht, dass ich dafür geeignet bin, zumal ich ja kein Deutsch spreche."

Der Italiener ist gut vernetzt, und einer, der früher oder später sowieso an der Spitze bei einem der drei großen Filmfestivals erwartet wurde. Nicht unbedingt in Cannes, aber vermutlich irgendwann in Venedig. Klar, er wird jetzt ein paar Deutsch-Kurse belegen, aber – so oder so – es war an der Zeit, der Berlinale einen internationaleren Anstrich zu geben.

Große Erfolge in Locarno

In Locarno begann Chatrian vor sechs Jahren – das Festival, das zu den kleineren der sogenannten A-Festivals zählt und dessen nächste Ausgabe er Anfang August noch leiten wird, hat in seiner Zeit an Bedeutung gewonnen. Chatrian zeigte Mut – und präsentierte auch bei den Freilichtvorführungen auf der Piazza Grande vor 8.000 Zuschauern anspruchsvolles Kunstkino. Unter seiner Leitung lud Locarno als erstes Festival den philippinischen Regisseur Lav Diaz ein, der inzwischen berühmt ist für seine eigenwilligen, unkonventionellen Dramen, die teilweise Laufzeiten von bis zu zehn Stunden haben. 2014 erhielt Diaz den Goldenen Leoparden in Locarno für sein Historiendrama „From What Is Before“. Danach hat der Philippine auch in Berlin einen Silbernen Bären gewonnen.

Carlo Chatrian gilt als einer, der Talente entdeckt und ein Festival erneuern kann. Genau das war das Anforderungsprofil für den zukünftigen Berlinale-Chef. Anders als Dieter Kosslick ist Chatrian keine Frohnatur, sondern gilt als eher ruhiger Charakter. Dem deutschen Kino hat er in Locarno immer umfangreich Platz eingeräumt – insofern wird auch die hiesige Szene mit der Wahl zufrieden sein.

Eine Frau als Geschäftsführerin

Vermutlich wird Carlo Chatrian bereits übermorgen in Berlin offiziell vorgestellt. Eigentlich sollte sein Name erst bei der geplanten Aufsichtsratssitzung am Freitag Nachmittag bekannt gegeben werden, aber es gab wohl eine undichte Stelle in der Findungskommission. Mit Spannung wird noch erwartet, wer an Chatrians Seite berufen wird. Es gilt als sicher, dass neben dem zukünftigen künstlerischen Leiter eine Geschäftsführerin benannt wird. Verschiedene Namen sind im Gespräch – etwa Bettina Reitz von der Münchner HFF, außerdem Kirsten Niehuus vom Medienboard Berlin-Brandenburg sowie Maria Köpf, Geschäftsführerin der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein, die vor vier Wochen bekannt gab, ihren Vertrag dort über den März 2019 hinaus nicht zu verlängern, weil sie aus persönlichen Gründen nach Berlin zurückkehren wolle. Vieles spricht also für sie.