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Neue Serie "Das Verschwinden" Landidylle, Crystal Meth und Lügen ohne Ende

"Das Verschwinden", die erste Serie von Filmregisseur Hans-Christian Schmid, ist finster und abgründig - und eine der besten deutschen Serien des Jahres. Im Gespräch erzählt er von der Lust am seriellen Erzählen.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 20.10.2017

Dreharbeiten "Das Verschwinden" (Elisa Schlott (r.) und Julia Jentsch) | Bild: ARD Degeto 235 Filmproduktion

Bevor Ende 2018 die große Prestigeserie "Babylon Berlin" im Ersten anläuft, kommt jetzt die vielgelobte Krimiserie "Das Verschwinden", für die sich - genau wie bei Babylon Berlin - ein Filmregisseur verantwortlich zeichnet: Hans-Christian Schmid, der schon Filme wie gemacht hat wie "Lichter", "Crazy" und "Requiem" - dringt in seiner ersten Fernseharbeit ganz tief ein in die bayerische Provinz. Im oberpfälzischen Cham an der Grenze zu Tschechien verschwindet eine junge Frau. Die Polizei unternimmt erstmal nichts und so macht sich die Mutter auf die Suche. Und was erst wie ein Krimi daherkommt, wird zu einem Zeitbild und Familienporträt.

Judith Heitkamp: Sie kommen vom Film – warum haben Sie sich gegen die klassische Fernsehfilmlänge von 90 Minuten entschieden und stattdessen eine vierteilige Serie von über sechs Stunden gemacht?

Hans-Christian Schmid: Mein Co-Autor Bernd Lange und ich hatten das Gefühl, dass wir mehr als nur das Verschwinden erzählen wollen: Es geht um eine Kleinstadt an der Grenze, es geht um ein halbes Dutzend Familien in dieser Kleinstadt. Und das Format der Miniserie bietet uns sehr viel Möglichkeiten in die Tiefe zu gehen mit diesen Figuren.

Anfangs glaubt man noch einer sehr zupackenden und von Julia Jentsch ganz toll gespielten Mutter bei der Rettung eines verlorenen Kindes zuzuschauen. Aber nichts ist so wie es scheint - auch in Cham nicht, wo die Serie ja spielt. Ist das der Reiz an seinem Format dass man mehrdeutig sein kann?

Ich glaube schon. Ich hatte die Möglichkeiten Figuren über diese Erzählstrecke hinweg in unterschiedlichem Licht zu zeigen. Ich kann dafür sorgen, dass sie verschiedene Seiten haben. Das finde ich sehr reizvoll, weil ich einfach nicht gezwungen bin, die Figuren klischeehaft oder mit sehr einfachen und wenigen Pinselstrichen zu beschreiben.

In "Das Verschwinden" geht es auch um diese ganzen Elternthemen - Vertrauen, loslassen usw. Alles erst einmal relativ weit weg vom konkreten Plot. Würden Sie sagen, dass Familie ja auch in vielen Ihrer Spielfilme das eigentlich zugrundeliegende Hauptthema ist?

Ich glaube schon. Familie und der Umgang der Generationen miteinander ist das, was uns am meisten interessiert. Das ist so etwas wie ein übergeordnetes Erzählthema für mich. Es geht um Chrystal Meth, es geht um viele unterschiedliche Aspekte in "Das Verschwinden". Und das finde ich, ist auch ein Reiz dieses langen Formats, das man in jeder Hinsicht weiter ausholen kann. Ich hätte keine Chance gesehen all diese Aspekte und Themenfelder in einem 90- oder 120-minütigen Kinofilm unterzubringen.

Sie kommen ja selbst aus einer kleineren Stadt, aus Altötting in Bayern. Haben Sie daran bei den Dreharbeiten auch gedacht und beim Drehbuchschreiben?

Ich glaube die Tatsache, dass ich aus einer kleinen Stadt komme, führt dazu, dass mir Geschichten, die in der Provinz spielen erst mal näher sind. Dass ich das Gefühl habe, die Provinz ist etwas untererzählt. Gleichzeitig hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren viel verändert in der Provinz. Ich denke durch die Globalisierung, durch das Internet, leben die Menschen nicht in der Abgeschiedenheit. Bei uns ist es eine fiktive Kleinstadt, Forstenau, die wir in Cham und Deggendorf gedreht haben.  Das war schon vor Ort deutlich zu spüren, dass die Leute nicht hinterm Mond leben.

Ihre Provinz sieht ziemlich düster aus auf den meisten Bildern.

Ja, das ist düster. Die Geschichte, die wir erzählen, ist auch düster. Ich fand es schon eine richtige Entsprechung, dass man nicht dieses "Hochglanz, helle, freundliche, Fernseh-Land" zeigt,  das man sonst so oft zu sehen bekommt. Das war eine ganz bewusste Entscheidung, die ich mit dem Kameramann zusammen getroffen habe, dass es etwas mehr nach Kino und auch etwas düster aussehen darf.

Serien sind zur Zeit ein großes Thema, die erfolgreichen US-Serien werden von Deutschland aus neidisch beäugt.  Oft heißt es aber auch: Wollen Zuschauer überhaupt so komplizierte Stoffe sehen -also Handlungsbögen, die sich über mehrere Episoden spannen und nicht mit einer Folge abgeschlossen sind? Woher kommt dieser Zwiespalt?

Ich glaube, es gibt Zuschauer, die Lust haben länger einzutauchen, wenn ihnen etwas gefällt. Mir geht es ja genauso, wenn ich einen Roman lese. Der kann gar nicht dick genug sein! Und diese Möglichkeit hat man jetzt zum ersten Mal mit diesem Format. Ich finde es faszinierend, wenn ich selbst so was sehen kann. Ich möchte gerne, dass es immer weitergeht und  nicht nach eineinhalb Stunden zu Ende ist.

Das Verschwinden ist jetzt das eine kleinere Prestigeprojekt für das Erste. Nächstes Jahr wird es ja dann Babylon Berlin in der ARD geben, das Riesenprojekt für das sich die ARD mit dem Bezahlsender SKY zusammen getan hat. Wie sehen Sie das als Macher?

Ich glaube, dass Babylon Berlin - obwohl ich es noch nicht gesehen habe - ganz bestimmt in dieser Liga von internationalen Prestigeserien mitspielen kann. Ich glaube auch, dass es richtig ist, dass man die Kräfte bündelt und dass man versucht auf Augenhöhe mit anderen Produktionen zu arbeiten. Wenn ich für einen Streamingdienst arbeite, oder für weltweit operierende Sender, dann kann ich mir ein sehr spezifisches Publikum suchen und kann auch mehr in der Nische, oder extremer erzählen, als wenn ich fürs Öffentlich-Rechtliche arbeite, wo der Anspruch ja immer noch ist, dass das dem Publikum möglichst auch in seiner ganzen Breite gefällt. Je nachdem was man vorhat, sollte man genau überlegen, ob die Serie eine Nische bedienen soll, die dann aber eben weltweit eine sehr große Nische wird - oder ob man für ein breites Publikum erzählen kann.

Wenn Sie es aussuchen können - ist ihr nächstes Projekt eine Serie oder ein Film?

Das würde ich immer vom Thema und von der Geschichte abhängig machen. Ich gehe auch sehr gern ins Kino und liebe es, dort für ein oder zwei Stunden in diesem dunklen Saal zu sitzen. Deswegen hoffe ich erstmal, dass ich es entscheiden kann - und wenn, dass ich die richtige Entscheidung fälle.

"Das Verschwinden" läuft am 22.10.2017 um21:45 Uhr im Ersten. Die erste Folge ist bereits in der ARD-Mediathek abrufbar.


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