Kultur

Trend Mikroabenteuer Warum Mikroabenteuer immer beliebter werden

Den Alltag vergessen, ganz ohne Weltreise, das versprechen Mikroabenteuer: Kleine Abenteuer nach Feierabend, bei denen man den höchsten Punkt der Umgebung aufsucht oder den Bus bis zur Endstation fährt. Ein Trend, der nicht zufällig in unsere Zeit passt.

Von: Stefanie Spiegel

Stand: 20.07.2018

Bradley Mayhew wandert übers stillgelegte Viadukt der Hunsrück-Eisenbahn.
| Bild: BR/SWR/Bernd Girrbach

Vom Tandem-Fallschirmsprung bis zur dreimonatigen Weltreise: Schon die Vielzahl der Angebote zeigt, wie beliebt Erlebnisreisen und Abenteuer heute sind. Trotz aller Abenteuerlust werden viele Pläne aber nicht in die Tat umgesetzt: Familien-Verpflichtungen, Geburtstage von Freunden – oder die ganz banale Tatsache, dass man morgen wieder pünktlich im Büro sein muss – stehen dem entgegen. Aber was, wenn es eine Möglichkeit gäbe, trotzdem etwas zu erleben? Genau das sollen Mikroabenteuer ermöglichen.

Schnell und einfach etwas erleben

Mikroabenteuer sind die neueste Antwort, um den Abenteuerdurst zu stillen: "kleine Abenteuer" oder auch microadventures – ein Begriff, der schon 2014 vom englischen Abenteurer Alastair Humphrey geprägt wurde. Die Idee: Die Stunden nach Feierabend – manchmal sogar bis Arbeitsbeginn am nächsten Morgen – nutzen, um ein kleines Abenteuer zu erleben. Einzige Einschränkung dabei: Es muss billig und leicht durchführbar sein.

Mikroabenteuer sollen zeigen, dass man auch direkt vor der eigenen Haustür und ohne viel Aufwand etwas erleben kann. Vor allem aber sollen sie sich in der Zeit zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn am nächsten Tag realisieren lassen. Umsetzen kann man das dann ganz verschieden.

Ein Mann genießt den Sonnenuntergang im Freien an einem See.

Eine Mikroabenteurerin aus Zürich hat sich beispielsweise den Bus zum Zoo geschnappt und ist dann durch verschiedene Stadtviertel und Parks nach Hause gelaufen. Unterwegs hat sie ein schönes Café entdeckt und ein paar alte Fachwerkhäuser fotografiert. Andere zieht es eher in die Natur: Da wird schon mal ein See auf direktem Wege durchquert – damit die Rucksäcke nicht komplett nass werden, hat sich eine Familie dafür aus Baumstämmen und Seilen ein Floß gebaut. Wieder andere haben Klappstühle bei einer spontanen Wanderung durch den Wald entdeckt und auf diesen dann den Sonnenuntergang beobachtet.

Mikroabenteuer als Trend auch in Deutschland

Mittlerweile gibt es auch in Deutschland die unterschiedlichsten Ideen für Mikroabenteuer. Auf Facebook oder Instagram haben sich Communities gebildet, die sich gegenseitig von Mikroabenteuern berichten und Ideen teilen: Den höchsten Punkt der Umgebung erkunden, mit einem Bus bis zur Endstation fahren und von dort zu Fuß zurücklaufen. Vielen ist auch eine Übernachtung unter freiem Himmel wichtig, oft verbunden mit einer Wander- oder Radtour. Oder aber man transportiert einen möglichst unhandlichen Gegenstand – ein Sofa oder einen Stuhl – gemeinsam eine bestimmte Strecke.

Aber ist die Idee von Mikroabenteuern tatsächlich so neu? Eigentlich nicht, sagt Christo Foerster, Motivationstrainer und Autor des Buches "Mikroabenteuer: Raus und machen!". Viele nutzen den Abend für ein Picknick im Park oder beobachten den Sonnenuntergang von einem Hügel in der Stadt aus. Trotzdem sei die Idee von Mikroabenteuern gerade in Zeiten von ständig mehr Zeit vor dem Computer "wahrscheinlich so aktuell wie nie", meint Foerster.

Aber braucht es dafür wirklich ein Mikroabenteuer? Was machen die kleinen Abenteuer so besonders? Foerster fasziniert vor allem, "dass es uns die Möglichkeit gibt, unseren Alltag umzugestalten, anstatt ihm immer wieder zu entfliehen". Im Prinzip ginge es vor allem darum, mehr Menschen zu animieren, nach draußen zu gehen und den Abend vor dem Bildschirm gegen eine Erkundungstour in der Natur einzutauschen. Wichtig sei der Gedanke, mehr Zeit draußen zu verbringen – und das am besten mit der Familie oder mit Freunden.

Komfortzonen ausdehnen

Trotzdem bleibt das Konzept des Mikroabenteuers insgesamt etwas schwammig – wo hört ein Spaziergang auf – und wo beginnt ein Abenteuer? Christo Foerster hat für sich drei Regeln aufgestellt, um Mikroabenteuer gegenüber "dem Sonntagsspaziergang oder dem Wochenende im Familienhotel" abzugrenzen. So sollte ein Mikroabenteuer "ein herausforderndes Outdoor-Erlebnis, das zwischen 8 und 72 Stunden dauert" sein, bei dem "weder Auto noch Flugzeug" benutzt werden. Öffentliche Verkehrsmittel sind allerdings erlaubt. Er selbst übernachtet dabei unter freiem Himmel: "Ist eine Nacht dabei, verbringe ich sie draußen ohne Zelt," so Foerster. Das seien aber nur grobe Richtlinien, die jeder für sich selbst festlegen müsse.

Die aktuelle Faszination für Mikroabenteuer schreibt Foerster der Sehnsucht nach Natur und Herausforderungen zu: "Im Alltag vieler Menschen gibt es nun mal immer weniger davon. Mikroabenteuer sind eine fantastische Möglichkeit, die Sehnsucht nach dem Draußen trotz immer kleinerer Zeitfenster zu leben." Ganz ohne Organisation funktioniert es dann – gerade mit Familie – wohl doch nicht. Aber die Spielregeln sind flexibel – und gerade das macht Mikroabenteuer so reizvoll.

Der Gedanke an sich mag nicht unbedingt neu sein, Mikroabenteuer sind eher eine neue Verpackung für einen etwas aufwändigeren Ausflug in die Natur – trotzdem sind Mikroabenteuer an manchen Abenden sicherlich eine schöne Alternative zu Sofa und Fernseher.