Kultur

Mia Couto über seinen Roman "Imani" "Poesie ist eine Art, auf die Welt zu schauen"

Mia Couto ist als Sohn portugiesischer Einwanderer in Mosambik aufgewachsen, sein neuer Roman führt über zwei starke Stimmen in den Kolonialkonflikt. Ein Gespräch über Geschichte, Krieg, Poesie und die Wahrheit der Fiktion.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 19.11.2017

Mia Couto | Bild: Cornelia Zetzsche

Mia Couto erzählt in seinem neuen Roman "Imani" von einem afrikanischen Mädchen in Mosambik, das lesen konnte und Portugiesisch sprach und 1895 zwischen den verfeindeten Parteien - den portugiesischen Kolonialherren und dem großen afrikanischen Herrscher Ngungunyane vermitteln sollte. Der 1955 geborene Schriftsteller wuchs als Kind von Portugiesen in der Hafenstadt Beiro, Mosambik, auf und erlebte die Auseinandersetzungen mit, die schließlich 1975 zur Unabhängigkeitserklärung der Volksrepublik Mosambik führten und dann in einem neuen, 16 Jahre dauernden Bürgerkrieg mündeten. Poetisch und mit der typischen portugiesischen Schwermut erzählt Couto von den Konflikten zwischen Kolonialherren und Kolonisierten, die verschiedene Versionen der Geschichtsschreibung generieren.
Cornelia Zetzsche hat mit dem Schriftsteller gesprochen.

Cornelia Zetzsche: Wie war das, als Kind portugiesischer Eltern in Mosambik aufzuwachsen?

Mia Couto: Ich wuchs in einer neuerfundenen Welt auf. Mein Haus war aus Geschichten gemacht. Unsere Eltern erzählten ständig Geschichten, denn sie vermissten Portugal so sehr. Ich habe meine Großeltern oder meinen Onkel nie kennengelernt, für uns begann die Welt mit unseren Eltern. Sie wussten, wir vermissten die Familie, also erzählten sie immer Geschichten. Portugal war in unserem Haus – mit den Geschichten. Ich war also dazu verdammt, ein Geschichtenerzähler zu werden. Und auf der anderen Seite der Straße lag Afrika. Mit fünf Jahren konnte ich eine Variante von Bantu sprechen, Chissena. Aber auf der anderen Seite der Straße hörte ich andere Geschichten. Ich teilte die zwei Arten zu träumen. Ich fühlte die Grenze und hätte ein Passwort gebraucht.

Sie waren 22, als der Bürgerkrieg begann. Was bedeutete die Kolonialzeit, die Unabhängigkeit, der Bürgerkrieg für Sie persönlich?

Als er begann, dachten wir, das sei leicht zu verstehen. Es galt das politische Klischee, dies sei ein Krieg, der im Ausland geführt würde, dann realisierten wir die inneren Konflikte. Die Gewalt kam aus dem Inneren. Wir dachten, der Krieg dauert drei, vier Jahre, aber es waren 16. Ich konnte nicht darüber schreiben, ich konnte die Erinnerung daran nicht in mir auslöschen. Menschen wurden getötet, Kollegen in der Zeitung, für die ich arbeitete, Freunde. Ich schrieb "Das schlafwandelnde Land", um diese Geister zu vertreiben. Das half, wie ich heute weiss. Aber damals wachte ich nachts auf und wurde heimgesucht von den Stimmen.

Was gibt es heute für Spuren vom Bürgerkrieg, der 1977 begann?

Der Krieg wurde 1992 beendet, aber es gab keine Diskussion darüber. Wir entschieden uns für das Vergessen. Aber in den ländlichen Gebieten gab es eine inoffizielle Lösung. Die Leute, die getötet hatten und in ihre Dörfer zurückkamen, gingen zum Medizinmann. Es gab Reinigungsprozesse. Das funktionierte. Die Leute wurden akzeptiert und wieder integriert, im ganzen Land gab es einen leisen Prozess der Versöhnung. Die Leute gestanden: "Ja, das habe ich getan, aber das war nicht ich", und der Medizinmann nahm den Dämon von ihnen.  

Was brachte Sie zum Schreiben, was gab den Impuls?

Das kommt von zu Hause. Mein Vater war Poet, er veröffentlichte sechs, sieben Bücher und lehrte uns eine poetische Art und Weise zu leben. Poesie bedeutet nicht einfach zu schreiben, es ist eine Art, auf die Welt zu schauen, eine metaphorische Art des Denkens.

Meinen Sie damit auch, Mythen einzubeziehen in das logische Denken, eine Ebene der Transzendenz zu erreichen?

Das gehört dazu. In dem Land, in dem ich lebe, fragt niemand, ist etwas real oder nicht. Ich bin Biologe, ich sollte Wissenschaftler sein, bin es aber nicht so sehr. Wenn ich einen Baum ansehe, versuche ich, die Sprache des Baumes zu verstehen. Ich möchte mit ihm sprechen, ihm zuhören. Das klingt poetisch, ist es aber nicht.  Bäume wollen etwas sagen, sie wollen Beziehungen herstellen, zu anderen Bäumen, Vögeln, Insekten. In Afrika ist ein Baum das Haus von Geistern, ein heiliger Ort. Sie versäumen etwas, wenn Sie denken, der wissenschaftliche Blick könne alles erklären. Tief in meiner Seele bin ich Poet. Ich möchte die Verbindung mit anderen wieder erobern, und die anderen sind nicht nur Menschen, sondern auch Flüsse oder die Erde. In meinen Büchern ist die Erde nicht nur eine Landschaft, sondern eine Figur.

Ihr Roman "Imani" erzählt von einem menschlichen Mythos, einer politisch-historischen Figur, dem Herrscher des Gaza-Reichs, einer Legende.

Ngungunyane war eine reale Person, der letzte Herrscher eines Reiches, das die Hälfte des Gebiets von Mosambik ausmachte. Die Portugiesen akzeptierten das eine Weile, sie hatten eine Art respektvoller Beziehung zu diesem Gaza-Reich.

"Imani" von Mia Couto

Aber dann gab es 1880 die Konferenz in Berlin, die Kongo-Konferenz, auf der die Europäer Afrika in Stücke teilten, und die Engländer stellten den Portugiesen ein Ultimatum: "Entweder Sie schaffen eine Verwaltung und beherrschen Mosambik oder Sie verlieren es." Also beeilten sich die Portugiesen, Truppen zu schicken und  Ngungunyane zu besiegen, und das Reich zerfiel. Im historischen Narrativ gab es eine Doppelkonstruktion, zwei Erfindungen: Die Portugiesen machten Ngungunyane zum großen afrikanischen Herrscher, damit ihr eigener Ruhm größer schien. Und auf mosambikanischer Seite stilisierte man ihn zum antikolonialen Widerstandskämpfer, zum nationalen Helden, der er nicht war. Er kam aus dem Süden Afrikas und überfiel das Land. Man konnte nicht von Böse und Gut sprechen, alles war mit allem vermischt. Ich wählte diese Geschichte auch, weil sie zeigt, was wir zugunsten einer individuellen oder kollektiven Identität vergessen sollten, wir entscheiden uns immer, zu vergessen.

Sie erzählen aus zwei Perspektiven.

Ich habe ein junges Mädchen gewählt, aus einer ethnischen Gruppe, die von Ngungunyane dominiert wurde, die zwei Feinde hatte: die Portugiesen und die afrikanischen Besatzer. Dieses Mädchen ist einzigartig, sie kann schreiben und Portugiesisch sprechen, sie bewegt sich im Grenzbereich, das war für mich der einzige Weg, darüber zu schreiben.

Und Ihre Quellen waren politische, militärische Archive, aber auch viele Gespräche mit Menschen. Was war Ihnen am wichtigsten?

Auf portugiesischer Seite wurde so viel erforscht, das ist sehr wichtig, weil ich verstand, dass es nicht nur eine portugiesische Seite gab. Es gab innerafrikanische Konflikte. Man muss zurück zum Mündlichen. Ich reiste also hin, aber die Menschen wollten nicht reden, sie sagten, die Geister wären immer noch präsent, sie wollten sie nicht aufwecken. Aber ich schilderte ihnen meine Absichten, und sie vertrauten mir.

Warum schrieben Sie einen Roman über historische Fakten? Steckt in der Fiktion mehr Wahrheit?

So etwas wie eine historische Wahrheit gibt es nicht. Alle historischen Diskurse sind zum Teil Fiktion und erfunden. Sie werden von den Siegern erzählt, den herrschenden Interessen jener Zeit. In Mosambik müssen wir uns sehr bewusst sein, dass es nicht nur eine Version der Vergangenheit gibt, das macht uns ärmer. Wir müssen die Vergangenheit im Plural wieder betrachten, um zu akzeptieren, dass wir heute eine plurale Identität haben.

Haben Sie deshalb einmal gesagt: Ich schreibe meine Bücher im Dialog?

Ich lebe, um andere Leben, andere Menschen zu entdecken, die anderen in mir. Das ist für mich die Einladung weiterzuleben.

"Imani" von Mia Couto ist in der Übersetzung von Karin Schweder-Schreiner im Unionsverlag erschienen.