Kultur


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Künstlertum und Sexualität Die Frau als Beifang oder Sexismus leichtgemacht

#metoo: Warum dieser Aufschrei der Frauen jetzt? Haben wir nur vergessen, wie sexy das Spiel mit der Macht ist? Gerade mit Künstlern, wie Thea Dorn kürzlich erinnerte? Aber sind Künstler jenseits von Gut und Böse? Ein Kommentar.

Von: Martin Zeyn

Stand: 24.11.2017

Warum jetzt? Weshalb dieser Aufschrei? Jahrhundertelang wehrte sich die Frau erst, zierte sich ein bisschen, dann gab sie sich dem brünstigen Manne hin. Behaupten die Männer. Jahrzehntelang klagte Alice Schwarzer in Talkshows, das degradiere Frauen zu Sexobjekten. Warum also 2017? Weshalb regen sich jetzt alle über Männer auf, die Sex als Tribut für ihre Großartigkeit einfordern? Weil wir ein Teil der Empörungsgesellschaft geworden sind? Oder weil Frauen geschockt davon sind, dass wir immer noch in einer postfeudalen Gesellschaft leben, in der sich die Mächtigen herausnehmen, das Recht auf eine Nacht zu haben? Oder ist es ganz anders: Sind wir alle wischi-waschi und wissen nicht mehr, wie sexy das Spiel mit der Macht ist?

Im Deutschlandfunk behauptete die Schriftstellerin Thea Dorn lautstark: "Seit wann ist Kunst eine Benimmschule? Wenn wir jetzt anfangen in der Kunst alle die, die, salopp gesagt, Arschlöcher sind, herauszuschneiden, dann fürchte ich, dass es in unseren Bibliotheken, in unseren Museen, in den Kinos wahnsinnig leer wird."

Der geniale Künstler darf alles?

Thea Dorn verdient Lob, weil sie mit dem Vorurteil aufräumt, Frauen seien bloß Opfer männlicher Balzrituale. Das ist nämlich die Rückseite der sexistischen Behauptung: Eigentlich wollen sie es doch auch. Passiv erscheinen sie hier wie dort. Aber wie begründet Thea Dorn das? Indem sie den muffigen Mythos vom Künstler hervorholt, der seit der Romantik einen Sonderstatus in der bürgerlichen Gesellschaft genießt. Ein Künstler darf sich ruinieren, er darf sich verausgaben, er darf, last but not least, seine Sexualität außerhalb jeder Norm ausleben. Aber was heißt das? Kevin Spacey ist ein großartiger Schauspieler – er darf, laut Thea Dorn.

Jenseits von Gut und Böse?

Aber was ist mit Harvey Weinstein? Ist er als Produzent ein Künstler? Durfte er also oder darf er nicht? Und was ist mit den ganzen so genannten Kreativen? Dürfen die? Man sieht: Das schillernde Argument des jenseits aller Moralität agierenden Künstlers funktioniert so gar nicht.

Trotzdem hat Thea Dorn Recht, wenn sie im Deutschlandfunk den Moralisten vorhält, es sich zu leicht zu machen: "Vor 30, 40 Jahren hat man dem Künstler zugestanden, ein halber Outlaw zu sein. Mittlerweile, in unserer – wie ich sagen würde – hysterisch-bigotten, hypermoralisierten Gesellschaft, wo wir angeblich so viel toleranter und libertärer sind, sollen Künstler – deren Antriebskraft natürlich auch das Abgründige sein muss, die Lust daran, massiv über die Stränge zu schlagen – auf einmal alles brave Schwiegersöhne und Benimmlehrer sein?"

Gleitmittel Macht

Klar, Kunst und Kopulieren halten sich nicht immer an die Regeln von Sitte und Anstand. Und ja, Sexualität ist weit mehr als Sex. Was die ganze Sache ziemlich knifflig macht. Ja, es wäre schade, wenn wir alle Bereiche des Flirts, alles, was ambivalent ist, aufgeben müssten.

Doch auch das Gegenteil kennen wir: Sex kann auch eine Angelegenheit sein, die wir lieber nicht wiederholen, ein Vorgang, den wir aus anderen Gründen als Begehren durchziehen: aus Mitleid, aus Gefallsucht, aus: mein Gott, was soll's. Diese Art von Sex bekommt der moderne Feudalherr, wenn er das erprobte Gleitmittel Macht hinzugibt. Ein Job, eine Rolle, ein Aufstieg, wenn sie das fette Walross an sich ranlassen. So präzise hat der alte Max Frisch in "Montauk" seinen Körper beschrieben im Angesicht einer jungen nackten Frau.

Keine Rezepte gegen moderne Feudalherren!

Also was tun gegen diese modernen Feudalherren? Eine Sexpolizei gründen? Doch strengere Sexismus-Gesetze? Nur die Puritaner glaubten, sie könnten Sex unter Kuratel stellen. Die Shaker etwa trennten Mann und Frau in verschiedene Häuser und erlaubten sich Ekstase nur während der Tänze in ihren Gottesdiensten. Die Biologie hat dann dem Bestehen dieser überaus moralischen Sekte ein natürliches Ende gesetzt.

Ein Nachhall dieses rigiden Puritanismus findet sich noch heute an US-amerikanischen Universitäten. Dort lassen viele Dozenten ihre Tür offen während ihrer Gespräche mit Studenten. Das soll verhindern, als Gegenleistung für eine gute Note gleich vor Ort Sex zu verlangen. Aber müssen deswegen jetzt überall die Türen sperrangelweit aufstehen? Müssen wir jede Begegnung unter einen Generalverdacht stellen? Spielen wir das zuende, hieße das, Sex darf nur noch unter Zeugen erfolgen, am besten mit Kamera, die alles aufnimmt, zwecks Videobeweises hinterher in strittigen Fragen.

Normverletzung kein Privileg von großen Geistern

Also hat doch Thea Dorn Recht mit ihrem Verteidigen der Übertretung? Nein. Denn was sie beschreibt, hat wenig mit Künstlertum zu tun. Es gibt unter den guten Künstlerinnen und Künstlern nämlich sehr viele höfliche und korrekte. Was Dorn beschreibt, ist ein männliches Bild von Sexualität, zumindest ein egomanisches. Eines von mächtigen Menschen, die Macht als Freibrief verstehen. Die Frauen als Beute ansehen. Oder zumindest als Beifang. Und die dafür keinen Künstlernimbus brauchen, ja, nicht einmal irgendeine Begabung in irgendeinem Bereich. Und nebenbei, Machotum gibt es auch bei Frauen und Schwulen. Frau Dorn, Sie sind der unterhaltsamste Lieblingsmacho der Medien, aber trotzdem: Normverletzung ist kein Privileg von großen Geistern. Die allermeisten Normverletzungen sind saublöd und so wenig schillernd wie die Holzvertäfelung in Swingerclubs.

Klar, sie erinnern sich gern daran, mit süßen 19 bei einem Opernpraktikum mit einem alten Regisseur "gespielt" zu haben. Als nicht mehr ganz junger Mann würde mir das auch gefallen. Aber dann würde ich denken, sie ist so alt wie meine Tochter, und das wäre es dann gewesen. Es geht also nicht um solche Tändeleien. Es geht um Situationen wie dieses Vorgespräch mit einem Schriftsteller: "Vorher oder hinterher?", so leitete Walter Kempowski einen Interviewtermin mit einer Journalistin ein, die das als Aufforderung zum Sex verstand. So ein Egomane sieht in Frauen nur Groupies, ein williges Modell der Anbetung, kurz eine Matratzenunterlage. Wie oft der Herr damit erfolgreich war, kann ich nicht sagen. Und wenn, dann war dieser Sex sicher kein Spaß.

Klare Räume schaffen!

Was also tun? Klarheit schaffen. Denn es gibt klare Räume. Wer zu einer schwulen Sexparty geht, wo die Männer wenig anhaben, weiß, dass er ungefragt angelangt werden kann. Wer eine öffentliche Sauna betritt, wo die Menschen gar nichts anhaben, kann sicher sein, hier nicht angefasst, ja, nicht einmal genau angeschaut zu werden. Aber nicht alle Räume sind so klar definiert. Der moderne Feudalismus funktioniert, indem er einen Raum des Unausgesprochenen schafft. Und dort tun kann, was er will.

Kein Freibrief macht eine Gesellschaft freier. Kein Mächtiger darf sich das Recht herausnehmen, über den Körper eines anderen zu verfügen. Über alles andere können wir reden. Und ja, Reden kann ein wunderbares Vorspiel sein, zu etwas, das einvernehmlich ist. Und ob es dann passiert, soll jeder und jede für sich selbst entscheiden.


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