Kultur

Buch "Die Welt im Selfie" Wie der Tourismus die Welt zerstört

Ich reise, also bin ich? Der Tourismus ist zur Mega-Industrie geworden, zerstört Landschaften und verdrängt Einheimische, analysiert Marco d'Eramo in "Die Welt im Selfie". Doch der Historiker schreibt auch: Wer deshalb Touristen hasst, macht es sich zu einfach.

Von: Stefan Berkholz

Stand: 27.05.2018

Selfie mit Eiffelturm | Bild: picture-alliance/dpa  Photoshot

Der italienische Journalist und Autor Marco d'Eramo spricht in seinem neuen Buch "Die Welt im Selfie" von unserer Gegenwart als "Zeitalter des Tourismus". Und wie jede Epoche, ob das nun das "Zeitalter des Stahls" oder das "Zeitalter des Imperialismus" war, zeichne sich eine solche Ära durch einen Anfang aus, der sich bestimmen lässt, und auch ein Ende, das kommen wird.

Die größte Industrie der Welt

"Der Tourismus ist die größte Industrie der Welt," erklärt d'Eramo, "er ist die Schnittstelle für viele andere Industrien. Wir würden keine Flugzeuge haben ohne den Tourismus. Wir würden wesentlich weniger Autos haben und keine Kreuzfahrtschiffe. Tourismus bedeutet Schiffe, Flugzeuge, Autos, Gebäude, Straßen und auch Stahl, Eisen, Zement, Strom. All das macht die ökonomische Bedeutung des Tourismus aus."

Großdemonstration gegen Massentourismus in Mallorca

Doch die Proteste von Einheimischen nehmen zu. Ob das in Barcelona ist, in Venedig oder in Berlin, auf Mallorca oder auf den Nordseeinseln: Die Einheimischen wollen es nicht länger hinnehmen, dass ihnen ihre Heimat genommen wird, dass sie die Mieten dort nicht mehr bezahlen können, dass sie zu Fremden im eigenen Land werden. Eine Verödung von Städten und Landschaften ist zu beobachten, sobald der Tourismus zur einzigen Einnahmequelle in der Region wird.

Der Tourist wird zum Sündenbock für die Versäumnisse von Politikern. "Wenn die Leute Touristen beobachten, dann sehen sie mürrische Touristen, die lächerlich wirken in ihrer unmöglichen Kleidung. Sie tragen Bergstiefel in der Stadt. Sie bewegen sich im Bankenviertel in kurzen Hosen. Sie tragen lustige Kappen. Und man vergisst dabei den Gesamtzusammenhang des Tourismus."

Touristen-Bashing als weiche Form des Klassenkampfs

D'Eramo spricht von einer "touristischen Weltrevolution als Phänomen der Nachkriegszeit", eine Epidemie, die zunächst durch die Massenware Auto begünstigt und durch die konservative Wende der westlichen Kultur in den 1970er-Jahren befeuert wurde. Aus industriellen Regionen wurden touristische Ziele.

Die verbreitete Verachtung für Touristen aber bezeichnet der Italiener als weiche Form des Klassenkampfs: "Anfangs verachtete die Aristokratie die gehobene Bourgeoisie, die sich auch aufmachen konnte und in die Ferne schweifen. Dann sahen aber diese Leute, dass mit den Sozialreformen von Bismarck auch die Angestellten und die Beamten reisen konnten. Und schließlich sahen diese, dass selbst die Proletarier reisten. Und nun verachteten alle die Proletarier", so d'Eramo.

Die Politik in der Pflicht

Journalist und Autor Marco D'Eramo

Was aber ist zu tun gegen die Zerstörung von Landschaften, die Verschmutzung und Verödung von Regionen, die Vertreibung von Einheimischen? Regulierung, lautet d'Eramos Antwort, politische Einflussnahme, Bändigung. "Die Auswüchse der Tourismus-Industrie gibt es natürlich. Das bedeutet, dass wir diese Industrie verwalten müssen. Wir brauchen eine Politik des Tourismus. Wir können es nicht jedem überlassen, wie es ihm gefällt. Der Tourismus ist die größte Industrie der Welt. Wir müssen es schaffen, sie zu beherrschen."

Marco d'Eramo hat sich durch eine Fülle von Literatur gewälzt, auch durch theoretische Werke, er befragt Hegel und Montaigne, zitiert Marx und Mark Twain, greift Enzensberger und Foucault auf. Er nimmt die "Welt im Selfie" unter die Lupe, beleuchtet die Täuschung und Selbsttäuschung im Tourismus, gibt einen Überblick über die verschiedenen Arten des Tourismus. Der 71-Jährige Autor hat ein umfangreich recherchiertes, sehr ergiebiges, aber auch widersprüchliches Buch vorgelegt. Eines, das eine Fülle von Material und Anregungen enthält und somit Stoff für Debatten.

"Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters" von Marco d'Eramo ist, übersetzt von Martina Kempter, im Suhrkamp Verlag erschienen.

Die Sendung: Diwan: Die Welt im Selfie

Marco d'Eramo und "Die Welt im Selfie" / Über Rasse, Rassismus und Literatur / Jan Böttcher und sein neuer Roman "Das Kaff" / Eric Vuillards neuer Roman "Die Tagesordnung" / Hans Well und sein Hörspiel "Rotes Bayern" / Die Krimikolumne. Die Sendung gibt's auch als Podcast.