Kultur

Neues Album: "I’m All Ears" Wie das Duo Let’s Eat Grandma den Pop an seine Grenzen bringt

“Schwer zu glauben, dass zwei Mädchen solche Musik schreiben können”. Das Girl-Duo "Let's Eat Grandma" musste nach ihrem Debütalbum misogyne Kommentare im Netz lesen. Warum ihr neues Album die Zweifler verstummen lassen wird.

Von: Matthias Scherer

Stand: 06.07.2018

Let's Eat Grandma Presse Foto | Bild: Charlotte Patmore

Ihren ersten gemeinsamen Song schrieben Rosie Walton und Jenny Hollingworth, als sie zehn Jahre alt waren. Er handelte von einem für Kinder höchst relevanten Thema - der Langeweile - und anstatt Gitarre oder Klavier waren die Hauptinstrumente Maracas und Glöckchen. Als sechs Jahre später ihr Debütalbum erschien, bekamen sie von der Presse wegen ihrer identischen Outfits und ihrer noch sehr folk-lastigen Arrangements das Etikette „Elfen-Zwillinge“ aufgedrückt – obwohl sie nicht einmal verwandt sind. Auf dem Nachfolger „I’m All Ears“ machen sich Let’s Eat Grandma frei von diesen Schubladen und bewegen sich konsequent an den Grenzen dessen, was das Mainstream-Publikum unter “Pop” versteht.

Songs arrangiert am Computer

Dabei sind sie manchmal lärmig, manchmal brachial, aber niemals dissonant oder willkürlich sperrig. Tatsächlich finden sich auf “I’m All Ears” auch mehrere lupenreine Hits, wie z.B. das mit Fingerschnipsen unterlegte “It’s Not Just Me” oder der Song “Falling Into Me”, der im letzten Drittel von melancholischer Ballade zu einem clubtauglichen Stampfer mutiert.

Der fette, vielschichtige Sound auf “I’m All Ears” kommt nicht von ungefähr. 2017 belegten Walton und Hollingworth in ihrer Schule einen Audioproduktions-Kurs, in dem sie lernten, mit Aufnahme-Software umzugehen. Diese neuen Fähigkeiten wandten sie sofort an: Anstatt wie früher mit Gitarre und analogen Perkussionsinstrumenten, arrangierten Let’s Eat Grandma ihre neuen Songs fast ausschließlich am Computer. Hier entsteht ein spannender Widerspruch: Sie nutzen moderne Technologie, um sich kritisch mit ihr auseinanderzusetzen. So wohl sich Walton und Hollingworth mit Audio-Software fühlen, so zuwider ist ihnen die „Always-On“-Kultur von Smartphones und die Oberflächlichkeit von Sozialen Medien wie Instagram. Damit sind sie, zumindest in ihrer Altersgruppe, eine Seltenheit.  

Mut zum Experiment

Die Songs auf dem ersten Let’s Eat Grandma-Album „I, Gemini“ entstanden, als Walton und Hollingworth 14 Jahre alt waren – und klingen dementsprechend unpoliert und manchmal maßlos. Damals schon drang aber ebenfalls ein beeindruckender Mut zum Experiment durch. Diesen Spaß am Ausprobieren haben sich die zwei Musikerinnen beibehalten, und um ein geschärftes Ohr für Songstrukturen und ein gestärktes Selbstbewusstsein erweitert - wenn sie für den Song “Falling Into Me” mehr als ein Dutzend Refrains ausprobieren mussten, dann taten sie das eben.

“I’m All Ears” heißt zu deutsch: “Ich bin ganz Ohr”. Und das sollte man bei Let’s Eat Grandmas zweitem Album unbedingt sein - denn hier wird Popmusik gemacht, die futuristisch, melodisch, progressiv und unterhaltsam gleichzeitig ist. Walton und Hollingworth sind jetzt gerade mal 20 Jahre alt – man darf mehr als gespannt sein, in welche Richtung sich ihr Sound als nächstes entwickeln wird.