Kultur


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Jazz aus Äthiopien "Lala Belu" - das neue Album von Hailu Mergia

Hailu Mergia war Ende der 70er Teil der legendären äthiopischen Funk-Kombo Walias Band. Mit seinem neuen Album "Lala Belu" denkt der mittlerweile in den USA lebende Äthiopier den Ethio-Jazz weiter.

Von: Markus Mayer

Stand: 21.02.2018

Hailu Mergia 2014 in Berlin | Bild: Philipp Jester

Eigentümlich fremdartig und doch vertraut klingt sie, verträumt und verwunschen - die Musik, die zu Beginn der 70er-Jahre in Addis Abeba entwickelt wurde. Ob den wenigen Musikern klar war, was sie da schufen? Dass sie eine neue Kunstform namens "Ethio Jazz" aus der Taufe hoben? Einige Pioniere dieses Stils werden jetzt wiederentdeckt, darunter Mulatu Astatke und der Organist Hailu Mergia, die seit einigen Jahren zu Jazz- und Weltmusikfestivals eingeladen werden. Astatke und Mergia kreierten ein wiedererkennbares Idiom mit Bläsersätzen, die nur aus wenigen blue notes, aus fünf Tönen bestehen.  

Pionier des Ethio-Jazz

Jetzt hat Hailu Mergia ein neues Studio-Album aufgenommen: Auf "Lala Belu" denkt der Äthiopier den Ethio Jazz weiter, auch wenn die Lässigkeit und der Charme früherer Aufnahmen dabei auf der Strecke bleiben. Tastenkünstler Hailu Mergia ist Autodiktat. Das Akkordeonspielen hat er sich als Jugendlicher selbst beigebracht. Mittlerweile lebt Bergia in den Vereinigten Staaten, in Washington, D.C. arbeitet er als Taxifahrer: "Ich hab nie aufgehört, Musik zu machen", so Mergia. "Ein Vorteil beim Taxifahren ist, es gibt immer wieder Atempausen. Ich hab ein Keyboard hinten im Wagen, es wird mittels Batterien betrieben. Wenn ich jemanden abgesetzt habe oder auf neue Kunden warte, hole ich mein Keyboard raus, setz mich hinten rein und übe ein bisschen. Oder ich spiel einfach drauf los. Denn: Wenn ich nicht spiele, geht’s mir nicht gut."

Der Ruhm und das Exil

Während der 60er-Jahre spielte Hailu Mergia in der Armee Akkordeon. Nach seiner Entlassung trat er in kleinen Nachtclubs auf, bis er die Walias Band als Organist gegründet hat. Dieses Oktett spielte in den großen Hotels von Addis Abeba, Äthiopiens Hauptstadt, die Walias-Band errang schnell den Ruf, die beste Gruppe des Landes zu sein. Man trat nicht nur im Radio und bei Fernsehshows auf, die Band begleitete auch Musik-Stars wie Duke Ellington und Maceo Parker bei Gastspielen. Trotz dieses Höhenflugs blieb der Äthiopier Hailu Mergia auf dem Teppich: "Mir war es egal, ob ich berühmt bin oder nicht, über so etwas hab ich gar nicht nachgedacht. Wo immer ich hinging, sagten die Leute: Oh, da kommt Hailu Mergia, aber das war mir egal. Wir haben besser verdient und wurden immer populärer, das wiederum hat uns ermöglicht, unsere eigenen Stücke zu verfolgen." Als die Walias-Band zu einer US-Tournee aufbrach, hatte sich Äthiopien verändert, nun herrschte eine Militärdiktatur. Hailu Mergia ergriff die Möglichkeit beim Schopf und blieb in den Staaten. Von der Musik leben konnte er hier aber nicht.  

Folk-Jazz und Hard-Bop

"Lala Belu" hat Hailu Mergia mit dem australischen Schlagzeuger Tony Buck und dem Kontrabassisten Mike Majkowski eingespielt. Der Ethio-Jazz ist zwar noch allgegenwärtig, aber Mergia streckt die Fühler aus in Richtung Folk-Jazz und kantigem Hard-Bop. Mit den neuen Stücken beweist Hailu Bergia, wie geschmeidig das Idiom nach wie vor ist. Denn die Saat des Ethio Jazz ist ohnehin schon aufgegangen – es gibt mittlerweile längst unzählige afrikanische und nicht-afrikanische Bands, die diesen Stil mit eigenen Stücken pflegen. 


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