Kultur

"Künstlerinnen im Dialog" Die Sammlung Goetz zeigt die dreiteilige Ausstellung "Generations"

Lauter Experimente mit Materialien, mit dem Weib- und Leiblichen: Frauen machen andere Kunst als Männer. Das ist jetzt in dem dreiteiligen Ausstellungszyklus zu sehen, mit dem die Sammlung Goetz ihr 25-jähriges Bestehen feiert.

Von: Christine Hamel

Stand: 20.02.2018

Es gibt immer noch zwei Lager bei der Frage, ob die Rolle der Frau in der Kunst ein Problem für Soziologen ist oder ob sie womöglich auch eine ästhetische Dimension einschließt. Machen Frauen andere Kunst als Männer? Die Sammlerin Ingvild Goetz gehört zu denen, die an einer genuinen weiblichen Ästhetik festhalten. Das 25-jährige Bestehen ihrer Kunstkollektion ist ihr jetzt Anlass für eine dreiteilige Ausstellung mit dem Titel "Generations. Künstlerinnen im Dialog".  Sie verständigen sich über Materialien, Fragen der Selbstreflexion, das Weibliche und das Leibliche.

"Ich habe mir nie Gedanken gemacht, warum ich jetzt gerade diese Arbeit kaufe, aber ich weiß, dass ich sehr emotional sammele, dass ich zwar, wenn mich etwas beschäftigt, noch einmal hinterfrage, aber ich merke, dass mich die weiblichen Künstlerinnen viel stärker ansprechen und viel stärker herausfordern. Es gibt auch Künstler, die diese weiblichen Elemente haben, nehmen wir einfach mal Mike Kelley, auch Matthew Barney und Félix González-Torres. Das sind so Künstler, die sehr stark in ihre eigene Welt eintauchen und Erfahrungen über sich nach außen bringen, aber sonst ist das eher den Frauen vorbehalten", sagt Invild Goetz

Künstlerische Reflexionen über das Ideal der Frau

Künstlerinnen müssen sich oft erst einmal durch jede Menge gesellschaftliche Zuschreibungen durcharbeiten. Die Werbung etwa geht verschwenderisch mit Idealvorstellungen von Weiblichkeit um. "Made for kisses" verheißt etwa eine US-amerikanische Zeitungsanzeige, mit der man die Anpassung schwarzer Frauen an das weiße Schönheitsideal betrieb. Sie ist Teil der Arbeit "De Luxe" der afroamerikanische Künstlerin Ellen Gallagher, die den Zusammenhang zwischen Weiblichkeit und Politik untersucht. Ellen Gallagher bearbeitet collagierend alte amerikanische Werbeanzeigen für Haut und Haare, immer getrieben von der Frage: Was ist ein schwarzer Körper außerhalb des Kommerz? Auch Jenny Holzer greift in ihrer Arbeit "Lustmord" auf ein Medium zurück, das gewöhnlich Werbezwecken dient. In die aalglatte, anonyme Ästhetik elektronischer Leuchtdioden  packt sie erschütternde Erfahrungen von Frauen in Worte, die zu Vergewaltigungsopfern im Bosnienkrieg wurden. Neben politischen Fragestellungen rund um den weiblichen Körper geht es in der Ausstellung auch viel um Mensch und Masche, um vermeintlich weibliche Materialien, wie Wolle, Textilien, flauschige Teppiche, Keramik, Gummihandschuhe oder Blütenessenzen. 

Kunst, dicht an der Erfahrungswelt!

"Das ist zum einen das Material, das sich die Künstlerinnen trauen, für das sie damals in eine bestimmte Ecke geschoben wurden. Künstlerinnen können eigentlich nur Kunstgewerbe machen und sie sind Künstlerinnen, die wirklich auch mit gewebten Sachen, mit einfach gespannten Fäden, mit genähten Sachen arbeiten. Künstlerinnen, die sich diese ganzen Bereiche zunutze machen oder auch Papier einfärben, also sehr handwerkliche Dinge miteinbringen in die Kunst. Das ist die eine Seite, die ich spannend finde. Das andere ist eben, dass die Künstlerinnen sich trauen, ihr Innerstes nach außen zu kehren. Sie benutzen ihre Biographie, um das künstlerisch umzusetzen, sie benutzen die Politik, die sie auf ihre Weise umsetzen, die viel drastischer, aber versteckter umgesetzt wird, und eine ganz eigene Gestalt annimmt", sagt Invild Goetz.

Frauen arbeiten dicht an ihrer eigenen Erfahrungswelt, keineswegs immer sinnlich, oft auch brutal. Der französische Philosoph Jean Francois Lyotard schrieb einmal:

"Die Männer – zumindest im Abendland – lieben nicht die Liebe, sondern den Sieg. Unter ihnen herrscht eine ironische Verachtung des Körpers und der Sinne, der Gerüche, der Berührungen … diejenigen unter ihnen, die sich dem überlassen, nennen sie Künstler. Aber die Künstler sind weiblich."

Jean Francois Lyotard

Das Innere nach Außen gekehrt

"Louise Bourgeois geht ja sehr direkt mit ihrem Leben um. Bringt auch ihre Ängste, die sie als Kind gehabt hat, ein und setzt das sehr interessant natürlich in einer abstrakten Weise um, man spürt dahinter eine unglaubliche Intensität, selbst wenn das vordergründig gar nicht gezeigt wird, und man weiß, da geht es um ganz persönliche Dinge. Tracy Emin ist zum Teil etwas vordergründiger und die bringt vielleicht ihren Schmerz viel direkter rüber. Aber bei ihr hat das so eine unglaubliche Wahrhaftigkeit und Direktheit und ist auch irgendwie erschütternd", sagt Invild Goetz.

Den größten Raum in der Ausstellung nimmt die japanische Künstlerin Yayoi Kusama ein. Sie ist Jahrgang 1929, studierte traditionelle japanische Malerei, sog aber den Surrealismus in sich auf. Das Ergebnis ist eine höchst hybride Kunst zwischen Dekoration und psychedelisch-feministischer Selbstbefragung. Etwa wenn eine Frau im Kimono unter einem riesigen Blumensonnenschirm durch New York trippelt. Irgendwo zwischen Dressurakt und noblem künstlerischen Eigensinn.