Kultur

Oscarfavorit: "Shape of Water" im Kino "Fantasy ist ein sehr politisches Genre"

Seit er denken könne, hätten ihn Monster fasziniert, sagt der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro. Seine für 13 Oscars nominierte Version von "Die Schöne und das Biest" kommt jetzt in die Kinos.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 13.02.2018

The Shape of Water - Filmszene | Bild: Twentieth Century Fox Germany

In der Filmbranche ist die Revolution ausgebrochen. Plötzlich dreht sich alles um Genderfragen – und zu den Oscars gehören dann bald auch wieder die Debatten um  Diversität. Ein leises Wow geht einem über die Lippen: Endlich findet ein Kulturwandel statt, noch dazu einer, von dem wir vor ein paar Monaten noch nichts ahnen konnten. Ein Hollywoodfilm, der sinnbildlich für all' das steht, ist "Shape of Water": Zwei Frauen, weiß und schwarz, stehen im Mittelpunkt.

Das neue Meisterwerk von Guillermo del Toro ist für 13 Oscars nominiert. Beim Filmfestival in Venedig im letzten September erklärte der Mexikaner, dass jeder Geschichtenerzähler versuche, etwas Besonderes zu vermitteln: Bei ihm sei es der Glaube an Monster. Der, so der Regisseur, beseele ihn.

Gemeinsam gegen Sexismus

"Shape of Water" erzählt von Elisa und Octavia, zwei Putzfrauen, die Ende der 1950er-Jahre ein hilfloses Wassermonster aus den Fängen des amerikanischen Militärs befreien. Dabei hilft ihnen ein arbeitsloser schwuler Werbegrafiker. Die drei werden ein starkes Team: Gemeinsam besiegen sie einen sexistischen tyrannischen CIA-Agenten, einen widerlichen "America first"-Typen, der das menschenähnliche Schuppenwesen töten will, weil auch die Russen hinter der Kreatur mit den magischen Kräften her sind. In dieses durchaus sensible Wassergeschöpf verliebt sich die stumme Elisa, die von Sally Hawkins mit einer so fragilen Anmut bei gleichzeitig wilder Entschlossenheit gespielt wird, dass man ihr am liebsten heute schon den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle überreichen will. Wunderbar die Szenen, wenn Elisa mit ihrem Zimmernachbarn alte Hollywood-Filme sieht und die beiden gemeinsam steppen.

Guillermo del Toro hat in seinen bisher zehn Filmen immer wieder bewiesen, dass er Fantasy-Elemente und ein politisiertes Umfeld zu großer Kinokunst verknüpfen kann, so etwa zuvor in "Pans Labyrinth", einem Drama über die Grausamkeiten des spanischen Bürgerkriegs. Wie kein anderer inszeniert er Märchen für Erwachsene, in denen sich Fiktion und reale Gesellschafts-Szenarien mit verblüffender Leichtigkeit verbinden. Del Toro ist ein poetischer Bilder-Entwerfer voller humaner Phantasie, etwa wenn sein Monster in einen alten Lichtspiel-Palast flüchtet und dort einen Bibelfilm sieht.

Eine Abrechnung mit dem Nachkriegs-Amerika

Die Liebe der aquatischen Art nutzt Guillermo del Toro in "Shape of Water" zu einer Abrechnung mit dem Amerika aus dem Kalten Krieg – mit Rassismus, Bigotterie, Frauenverachtung, Machismus und der vor allem weißen Hybris, eine überlegene Nation zu sein. "Für mich ist Fantasy ein sehr politisches Genre", sagt del Toro.

"In unseren Zeiten erscheint es mir zuerst einmal dringend nötig, dem Klima von Furcht und Angst mit Liebe und Verständnis zu begegnen. Der Zynismus diktiert in Amerika gerade das politische Geschehen. Unsere erste Pflicht nach dem morgendlichen Aufstehen ist es also, in Liebe zu leben. So wie das in meinem Film die Schöne und das Biest tun. Elisa ist dabei ein ganz realer Charakter, auch was die Sexualität betrifft. Es gibt ja diese puritanischen Fassungen der Geschichte, wo die beiden nicht miteinander schlafen. Ich wollte den Sex zeigen, aber eben auf eine natürliche, schöne und nie voyeuristische Art und Weise. Und klar haben die beiden Sex miteinander."

Guillermo del Toro

Seine Kino-Traumwelten gestaltet Guillermo del Toro so liebevoll und in allen verrückten Details so überbordend wagemutig, dass man die Schlüsselszenen seiner Filme so schnell nicht mehr vergisst – wie etwa in "Shape of Water" den Liebesakt in einem grün schimmernden, bis zur Decke vollgelaufenen Badezimmer. Wasser ist hier nicht nur ein Lebens-, sondern vor allem ein Liebeselement. Eines, das eine wunderbare Solidargemeinschaft von Außenseitern zusammenbringt. Mit dabei sind – wie gesagt – eine Stumme, eine Schwarze, ein Schwuler und ein Monster, das sich als großer Liebender erweist.