Kultur

Kommentar: Heimat! Oder: Haymat? "Minister Seehofer, mein Bayern und ich"

Wer nichts hat, der hat Heimat": Sammy Khamis, Sohn einer Deutschen und eines Ägypters sieht schwarz angesichts des geplanten Heimatministeriums in Horst Seehofers Händen.

Von: Sammy Khamis

Stand: 15.02.2018

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer  | Bild: BR/BR

Endlich wird er Deutscher! Endlich integriert er sich! Wenn Horst Seehofer in den kommenden Wochen nach Berlin geht, dann darf uns das alle freuen, denn Bayern - das muss man sagen - es hat dem Landesvater nicht gut getan. Berlin hingegen schon. Als Seehofer 2005 Agrarminister wurde, da hat er Menschen ausreden lassen, war nett, höflich, respektvoll im Umgang mit Frauen. Sein Spitzname damals: Everybodys Darling - kurz gesagt: Ihm gelang, was wenige bis dahin schafften: Er war ein Musterbeispiel der Integration von Bayern in die Bundesrepublik Deutschland. Doch dann die Wende.

"Liebe Freunde, wer zu uns kommt, wer das Miteinander und nicht das Gegeneinander möchte, der ist bei uns willkommen. Wogegen wir größte Vorbehalte und Bedenken haben – und da werden wir uns in der Berliner Koalition sträuben bis zur letzten Patrone und niemals nachgeben – dass wir eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bekommen."

Horst Seehofer am Politischen Aschermittwoch 2011

Was sich zwischen 2008 und 2018 vor den Augen der Öffentlichkeit abspielte, das war ein beispielloser Rückfall in Konservatismus, ja Militarismus. Eine Spirale der Radikalisierung.

Sammy in Lederhosen

Zur gleichen Zeit in Oberbayern denkt sich meine Nachbarin: "Endlich wird er Deutscher! Endlich integriert er sich!“ Ich stehe damals als Kind in Lederhosen in ihrem Garten. Der kleine Sammy in Tracht. Heute ist mir das peinlich, damals waren Leute auf einmal stolz auf mich. Komisch, denke ich mir, ich habe doch nichts gemacht - ich habe mich nur verkleidet. Naja, "Wer nichts wird wird Wirt", sagt man doch in Bayern - man kann das abändern in: Wer nichts hat, der hat halt Heimat. Dabei stößt mich bis heute vieles an Heimat ab: Der Mief, der Sound, einfach alles.

Das Foto von mir, Sammy Khamis, dem Sohn einer Deutschen und eines Ägypters, steht bei meinen Eltern auf einer Kommode. Direkt neben einem Foto meiner ägyptischen Großeltern: Elegant gekleidete Damen und Herren aus der oberen Mittelschicht. Gute Anzüge, gute Frisuren, gepflegtes Auftreten. Ich daneben in kurzen Hosen - was ungewöhnlich ist-  und noch dazu in einer Hose, die aus der Haut eines toten Tieres genäht wurde. Elegant geht anders, aber das sagt ja auch etwas über Heimat aus: Sie passt einem, oder sie passt einem eben nicht.

Heimat im Plural leben

Meinem Vater ist Heimat übrigens ähnlich egal wie mir. Denn mein Vater weiß, dass der Duden das Wort "Heimat" auch im Plural kennt: "Heimaten, die" steht da - mein Vater lebt diesen Plural - ich versuche das auch.

Dass Horst Seehofer zum "mia san mia" und "Heimat ist so eindimensional wie die Auftritte von Alexander Dobrindt zurück kehren will, das regt den Beißreflex der besorgten Bürger von Links an. Jetzt regiere "die AfD mit" steht im Tagesspiegel. Dabei ist nichts unangemessener als dieser linke Alarmismus. Denn wenn einer seit einem Jahrzehnt - so lange ist Horst Seehofer Ministerpräsident und ergo Landesvater - dafür kämpft, dass Heimat verschwindet, dann Horst Seehofer.

Unsere Heimat soll hässlich werden!

Denken wir an das Riedberger Horn, denken wir an die Versiegelung von Wiesen und Äckern, denken wir an die Feinstaubbelastung in München. Eine Politik der infrastrukturtrukturellen Extase, vom Alpenrande zum Maine, wie es im Bayernlied heißt, die folgt alleine dem Credo: one man, one Umgehungsstraße. Betongrau, das ist nicht nur das Haupthaar des Landesvaters, sondern auch seine Vorstellung von Heimat. Unser Dorf soll hässlich werden - das ist der Titel einer bitterbösen Abrechnung mit der Modernisierung und strukturellen Neuplanung Bayerns in den 60er-Jahren, gedreht hat sie Dieter Wieland für den BR. Die letzten Jahre mit Seehofer als Ministerpräsident und Söder als Heimatminister folgen dem Credo: Unsere Heimat soll hässlich werden!

Sammy Khamis

Doch zum Schluss mit gebotener Ernsthaftigkeit: Neun mal steht der Begriff Heimat im Koalitionsvertrag. Sieben mal hat er mit der Heimat anderer Menschen zu tun - mit "Heimatländern" von Flüchtlingen. Dass Horst Seehofer nicht nur Heimat- sondern auch Innenminister wird, das macht mir ernsthafte Sorgen, denn wenn es einer schafft die betongraue Heimat Bayern so zu verklären wie Seehofer - was macht der dann aus den Herkunftsländern von Afghanen, Somalis oder Syrern? Macht er daraus sichere Heimatländer? Darüber könnte man sich aufregen.