Kultur

Klostersterben in Bayern Wie Spiritualität sich neue Formen sucht

Das Kloster Reutberg in Sachsenkam wird aufgelöst, es gibt keinen Nachwuchs mehr. Doch man muss das Klostersterben nicht als Verfallsgeschichte sehen - wenn es neue, offene Räume des Innehaltens jenseits des Privaten gibt.

Von: Matthias Morgenroth

Stand: 29.03.2018

Kloster St. Johann im Münstertal / Graubünden | Bild: picture-alliance/dpa / Udo Bernhart

Heute ist Gründonnerstag – und wieder sieht man sich bemüßigt, erklären zu müssen, warum dieser Donnerstag "Grün" heißt, dass "Grün" hier von "Greinen" kommt und der Tag deswegen traurig ist, weil es der Tag des letzten Abendmahls ist. Unsere eigene christliche Überlieferung, das merkt man an solchen Tagen, braucht offenbar eine Anleitung. Ist sie im Absterben? Was auf alle Fälle ausstirbt, sind die Klosterfrauen und die Mönche: Aktuell hat die Erzdiözese München und Freising angekündigt, dass das Kloster Reutberg im oberbayerischen Sachsenkam bald aufgelöst werden wird. Es beherbergt nur noch zwei hochbetagte Franziskanerinnen. Das Klostersterben setzt sich also fort, und das in einer Zeit, in der das angeblich christliche Abendland neu heraufbeschworen wird.

Blütezeiten und Irrtümer

Zunächst, Klostersterben hin, Klostersterben her: Wie "christlich" wir sind, das lässt sich nicht an der Anzahl der noch existierenden Klöster ablesen und auch nicht am Gottesdienstbesuch – es gibt schließlich bekanntermaßen viele verschiedene Möglichkeiten, selig zu werden. Klöster gehören nicht mehr dazu: Wer kann sich auch schon vorstellen, ins Kloster zu gehen? Jede Entwicklung kann entweder als Verfalls- oder Veränderungsgeschichte beschrieben werden – ich tendiere stets dazu, nicht vorschnell zu jammern. Über 1.000 Jahre währte die Blüte der Klöster: Sie waren kulturelle Zentren, Heimat für Millionen, die sonst nirgends untergekommen wären, weil sie der falschen Schicht angehörten oder schlicht und einfach Frauen waren. Heute erscheint es uns das klösterliche Leben mit "ora et labora", Zölibat und Klausur nicht mehr erstrebenswert. Genauso, wie wir vielleicht den einen oder anderen Glaubenssatz der Kirchen nicht mehr so wichtig finden, vielleicht sogar überholt. Oder möglicherweise sogar als Irrtum verabschiedet haben.

Christlichkeit lässt sich nicht an der Zahl der Klöster ablesen

Trotzdem, etwas Wehmut weht durchs Land, wenn wir hören, dass nicht nur Reutberg, sondern auch Klöster mit so klingenden Namen wie Wessobrunn längst aufgegeben sind. Bange Fragen: Wie lange wird sich dann Andechs  noch halten? Oder Münsterschwarzach oder Ettal?

Kloster Reutberg in Sachsenkam

Wird uns wirklich nichts fehlen, wenn die Klöster alle weg sind – auch wenn wir selbst nie vorhatten, dort einzuziehen? Religionssoziologen sprechen von "Hintergrundfunktion", die lebendige Kirchengemeinden erfüllen: Es tut offenbar einer Gesellschaft gut zu wissen, dass es jemanden gibt, der die Glocken läutet, der sonntags Gottesdienst hält. Und zu wissen, dass für den Fall der Fälle jemand da ist oder zumindest ein Raum da ist, in den man gehen kann, wenn man mal gar nichts mehr von dieser Welt hier wissen will oder wenn schon nicht Gott, dann immerhin Trost oder Stille sucht. Wie gesagt, die Christlichkeit eines Landes lässt sich nicht an der Anzahl der existierenden Klöster bemessen: Folgt man der Argumentation der Kirchen hierzulande, dann war Deutschland in der Flüchtlingsfrage eines der allerchristlichsten Länder innerhalb der EU, geschlossene Klöster hin oder her. Wohl aber lässt sich der Sinn fürs Religiöse, für ein Mehr im Leben, daran ablesen, wie viel Raum dem Spirituellen insgesamt in einer Gesellschaft gewidmet ist – und zwar im wortwörtlichen Sinn.

Meditationshäuser, Pilgerwege, Kulturtempel

Es ist eben keine Verfalls- sondern eine Veränderungsgeschichte: Klöster sterben, dafür boomen Meditationshäuser, Pilgerwege und ganzheitlich arbeitende Kliniken. Dazu sind es heute die Kulturtempel, in denen wir über Sinn und Unsinn und ein gutes Leben nachdenken – im Theater oder im Kino, wo, wenn es gelingt, uns auch die Dinge wirklich zu Herzen  gehen. Doch all das, was heute im weitesten Sinne Spiritualität genannt wird, ist eher eine private Angelegenheit. Wie steht es also um diese Hintergrundfunktion, das Gefühl, dass es ausreichend spirituellen Back-Up gibt?

So wie jede Stadt Theater, Kinos oder Bibliotheken braucht, also Räume für die großen Dramen, so braucht es eben auch Räume, die den ganz großen Fragen vorbehalten sind. Wenn heute neue Stadtviertel gebaut werden, wird an neue Kirchen nicht zwingend gedacht. Auch wenn uns vielleicht noch nicht klar ist, wie heilige Räume von morgen aussehen – werden es Häuser der Religionen im Plural, wie das "House of One" in Berlin? Werden es ökumenische Gemeindezentren, in denen sich evangelische, katholische, orthodoxe Kirchen zusammentun? Werden es einfach Räume der Stille und des Innehaltens? – auch wenn uns noch nicht klar ist, wohin die Reise geht: dass es solche Räume braucht, darauf sollten wir uns verständigen. Räume, in denen es nicht ums Geldverdienen geht, auch nicht um Sport oder um gutes Essen oder um gute Geschichten, sondern ums große Ganze.  

Wenn es keine neuen heiligen Bezugspunkte mehr gibt, dann werden wir einst dem Verlust der Klöster nachtrauern – zurecht. Aber vielleicht werden auch die alten Mauern Grundstein für etwas Neues: Die Erzdiözese München und Freising jedenfalls will das Kloster Reutberg erhalten, ohne Klosterschwestern zwar, aber immer noch als spirituelles Zentrum.