Kultur

Für ihr Buch "Liebesroman" Ivana Sajko erhält den Internationalen Literaturpreis

"Liebesroman", so schlicht und ergreifend ist das Buch der kroatischen Autorin Ivana Sajko betitelt, für das sie, gemeinsam mit der Übersetzerin Alida Bremer, jetzt ausgezeichnet wird – gerade weil es darin alles andere als sanft zugeht.

Von: Marie Schoeß

Stand: 12.06.2018

Die kroatische Autorin Ivana Sajko | Bild: dpa - Report

"Worte, Worte, Worte" – mit diesen Wörtern beginnt Ivana Sajkos "Liebesroman", hervorgestoßen von einem Mann, der irgendetwas sagen muss, der den Rede-, oder besser den Schreifluss seiner Frau unterbrechen muss, womit auch immer. "Worte, Worte, Worte" – das ist auch das Versprechen dieses Romans. Denn was folgt, ist ein dichtes Wortgefecht, ausgetragen von einem namenlos bleibenden Paar, das mit und gegeneinander kämpft: In einer Zweizimmerwohnung, die viel zu eng ist, um ein Zuhause für diese Zwei mit ihren Träumen und ihrem kleinen Kind zu werden.

"Er brüllte mit der Kraft eines verletzten Menschen, als hätte sie ihn verbrüht, und sie hatte den Eindruck, dass durch sein Brüllen die Wände einstürzen würden, deshalb krümmte sie sich zusammen, versteckte ihren Kopf in ihren Händen, raufte sich die Haare und kniff ihre Augen so stark zusammen, dass es schmerzte, sie reagierte typisch weiblich, typisch für seine Maßstäbe, das heißt übertrieben, hysterisch und selbstzerstörerisch."

Aus: 'Liebesroman' von Ivana Sajko

Das große Missverstehen

Und wie der Streit nie abbricht, so bricht auch Sajkos Sprachfluss nicht ab: Seitenlang spinnen sich die Sätze fort, in denen sie den Gedanken und Reden ihrer Protagonisten folgt. Das ist kein Stilmittel als Selbstzweck, es zeigt vielmehr den präzisen Umgang mit dem Sprachmaterial. Sajko ist Theaterautorin, führt bei ihren Stücken selbst Regie, und so liest sich der Roman oft wie eine fein ausgearbeitete Performance, die nichts als das gesprochene Wort bräuchte. Wie erdrückend die nicht endenden Missverständnisse sind, wie erlösend eine Pause wäre: All das muss Ivana Sajko deshalb keinen Erzähler sagen lassen, die Sprache selbst verrät es: mit dem Tempo dieses Textes, mit einer unglaublichen Dynamik, die beim Lesen fasziniert und im Leben erschöpft. "Wenn ich mich für ein Wort entscheiden müsste, das diese Beziehung beschreibt: Es wäre Missverstehen, ein konstantes Missverstehen", sagt die Autorin. "Und dieses Missverstehen wirkt wie eine Maschine, die immer neue Streitigkeiten produziert. Aber was ich auch erzähle, immer, in jedem Kapitel: Diese zwei Menschen versuchen wirklich, sich zu lieben, sich zu helfen und sich zu vergeben. Aber jedes Mal, wenn sie es schaffen könnten, passiert etwas, das sie wieder auseinandertreibt."

"Liebesroman" von Ivana Sajko (Voland & Quist)

"Liebesroman", das ist kein ironischer Titel, kein Abgesang auf ein literarisches Genre, das die Liebe gegen alle Hindernisse feierte bis verklärte. Auch dieser "Liebesroman" erzählt von einer Liebe und ihren Hürden. Nur sind die wenig spektakulär: Kein Klassenkampf, keine politischen Umstände, kein attraktiver Dritter trennt das Paar. Ihm kommt schlicht das Leben dazwischen. Die Wirtschaftskrise, die Warteliste beim Arbeitsamt, die schnöde Notwendigkeit, Monat für Monat die Miete zu beschaffen. Und dieser Kampf um die eigene Existenz verlegt die Liebe auf die Vergangenheit oder in den Konjunktiv. Denn, so erfährt der Leser auf einer knappen Seite: Es gab einmal einen Sommer ohne Geldsorgen, es gab den Strand, die Sonne – alles, woraus Liebesgeschichten eben gestrickt sind. Nur jetzt, da das Kind auf der Welt ist und Geld nie vorhanden, wird Zuneigung zu einem fragwürdigen Gedankenspiel.

"Er sah die beiden von hinten an, er stellte sich vor, wie er näher kommt, wie er das Haar des Kindes streichelt, wie er versöhnlich seine Hand auf ihre Schulter legt, während sie ihren Kopf beugt und ihre Wange an seiner Hand reibt, so wie das Katzen tun oder Frauen, die nicht nachtragend sind, und dann stehen sie alle gemeinsam vor dem zugefrorenen Fenster und denken zahme Gedanken über Schnee und Milch."

Aus: 'Liebesroman' von Ivana Sajko

Keine Namen, kein Ort

Sajko gibt ihren Protagonisten keine Namen, auch die Wohnung bleibt ohne Ort. Nur Randbemerkungen verraten etwas: Dass der Mann Schriftsteller ist und sie Schauspielerin wäre, wenn ihre Gelegenheitsjobs nicht für die Miete reichen müssten. Und so wie sich das Bild der beiden skizzenhaft zusammenfügt, verortet sich ihr Schicksal: mit Andeutungen von Demonstrationen gegen Korruption, mit der Erinnerung an einen Krieg, an EU-Beitrittsverhandlungen. In Zagreb könnten sie zu Hause sein, der Heimatstadt der Autorin, die mittlerweile in Berlin lebt, die sich die Probleme ihres Heimatlandes aber weiter zu eigen macht. Und so gelingt es Sajko, die intime Geschichte dieses Paares gleichzeitig zu verorten und ortlos zu lassen: Denn in welchem Land könnte es diese Menschen nicht geben, die hoffnungsvoll ihr Leben begonnen haben und später scheitern – arm, perspektivlos?

Dieser universellen Erfahrung spürt Sajko sehr einfühlsam nach: Sie zeigt die Gebrochenheit dieses Paares, auch seine Frustration. Aber niemals stellt sie die Figuren aus, niemals überzeichnet sie deren Gefühle und gibt sie damit der Lächerlichkeit preis. Im Gegenteil: "Ich hatte großes Mitgefühl mit ihnen," sagt so Sajko selbst. "Ich habe sie auch beide sehr geliebt. Denn: Diese beiden Menschen sind auf eine gewisse Art viele meiner Freunde. Sie sind ihr Leben in der Gewissheit angegangen, dass ihnen die Gesellschaft, in der sie leben, eine Zukunft bietet – wenn sie zum Beispiel studiert haben. Und plötzlich war alles, was sie erwartet haben, alle Sicherheiten, auf die sie gebaut haben, verschwunden. Und dann fanden sie sich in Situationen wieder, mit denen sie nicht fertig wurden – weil sie immer erwarteten, dass sie irgendwer retten würde. Aber das wird nicht passieren, ganz offensichtlich."

Internationaler Literaturpreis vom Haus der Kulturen der Welt

Der Internationale Literaturpreis für übersetzte Gegenwartsliteraturen wird vom Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Stiftung Elementarteilchen vergeben. Er wird seit 2008 vergeben und ist mit insgesamt 35.000 Euro dotiert.

Zur Preisvergabe an Ivana Sajko heißt es in der Jurybegründung: "Ivana Sajkos Liebesroman spricht über eine Welt in Agonie, darüber, wie das politische System auf das Leben übergreift, es unter Druck setzt und das Private schleichend vergiftet. [...] Mit wenigen, gezielten Strichen zeichnet Ivana Sajko ein durch und durch politisches Tableau und holt die Welt in den kammerspielartigen Erzählraum ihres Romans. Was sich in Kroatien abspielt, könnte überall geschehen. Unter der Oberfläche dieses Liebesromans, der auch ein Entliebungsroman ist, geht es um die Macht und Ohnmacht des Individuums in unserer globalisierten Gegenwart. Ivana Sajkos wuchtige Worte erzeugen explosive Helle. Alida Bremer, die wichtige Vermittlerin kroatischer Literatur ins Deutsche, hat für sie eine mitreißende Sprache gefunden."

"Liebesroman" von Ivana Sajko ist in der Übersetzung von Alida Bremer bei Voland & Quist erschienen.