Kultur

Buch "Ich und die Anderen" Warum die Demokratie kreative Antworten auf die Pluralisierung braucht

Was heißt es für die Einzelnen, in einer pluralisierten Gesellschaft zu leben – und was für die Politik? Welche Identitätsangebote und Zugehörigkeiten muss sie anbieten? Die Wiener Philosophin Isolde Charim im Gespräch.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 15.04.2018

Präsident Macron - bei einer Veranstaltung der Bewegung en Marche  | Bild: picture-alliance/dpa

Was macht es mit uns, dass wir in einer pluralisierten Gesellschaft leben, wo verschiedene Kulturen, Religionen und Ethnien nebeneinander existieren? In ihrem neuen Buch "Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert", zeigt die Wiener Philosophin Isolde Charim, dass Vielfalt eine besondere Qualität ist, die gehegt und gepflegt werden will, und keine Frage der Quantität und puren Addition. Charim arbeitet als freie Publizistin und Kolumnistin der "taz" und der "Wiener Zeitung". Beate Meierfrankenfeld hat mit ihr über Plarualisierung, Emmanuel Macron und mögliche Antworten auf die Krise der Demokratie gesprochen.

Beate Meierfrankenfeld: Frau Charim, dass wir in einer pluralistischen Gesellschaft leben, das kommt uns ja fast schon selbstverständlich vor, das ist zu einer Art Alltagserfahrung geworden: Es existieren eben viele verschiedene Lebensentwürfe und Weltanschauungen nebeneinander. Aber ist damit schon beschrieben, was Pluralisierung im vollen Sinne eigentlich bedeutet?

Isolde Charim: Ja und nein. Auf der Anschauungsebene ist es natürlich beschrieben, was aber dieser Beschreibung fehlt, ist der Punkt, dass wir kein Weltbild mehr haben, das wir miteinander teilen. Das heißt, es gibt keinen Punkt, an dem all diese Lebensentwürfe sich kreuzen, zusammenkommen.

Durch dieses Nebeneinander werden aber alle, die daran beteiligt sind, verändert, oder? Man kann sich das also nicht vorstellen als eine bloße Summierung von Verschiedenem?

Die Wiener Philosophin Isolde Charim.

Genau das ist für mich der springende Punkt. Wir haben ja bisher immer die Vorstellung gehabt, das wäre eine Addition: Wir hätten sozusagen eine bestehende Bevölkerung und zu der käme dann je nach Zeitalter ein neuer Bevölkerungsteil, kämen neue Bevölkerungs-Mitglieder hinzu. Die würden sich dann "hinzuaddieren". Diese Idee, der Begriff der Integration, hat einen blinden Fleck. Er wird nämlich dafür ins Treffen geführt, dass man sagt: Wenn die Leute sich nur genügend integrieren, dann könnten wir eigentlich in den Zustand, der davor geherrscht hat, in den Status quo ante, zurückkehren. Das ist eine Illusion. Und die Pluralisierung, das heißt also die Vervielfältigung der Bevölkerung und die Vervielfältigung der Weltbilder, verändert jeden einzelnen von uns und sie erfasst auch jeden einzelnen.

Wenn man von Pluralisierung spricht, wie Sie das tun, impliziert das ja auch, sie von einem vorhergehenden anderen Zustand abzugrenzen. Wäre dieser Zustand eine homogene einheitliche Gesellschaft – und hat es die so jemals überhaupt gegeben? 

Die hat es nicht gegeben als wirklich eine homogene, eine reine, eine nicht-gemischte Gesellschaft gegeben. Aber es hat sie als Fiktion oder als Leitidee gegeben. Wichtig war das Leitmotiv der Nation: Die Nation hat eine Fiktion erstellt, nämlich die, dass alle Teile der Nation dem nationalen Typus entsprechen würden. Und wichtig ist auch, dass das, was wir heute als homogene Gesellschaft retrospektiv wahrnehmen, etwas ist, das durch massive politische Eingriffe auf allen Ebenen – auf der Ebene der Sprache, auf der Ebene der Religionen, auf der Ebene der Geografie – erst hergestellt wurde. Das ist ein künstlich erzeugter Zustand gewesen.

Was bedeutet die Pluralisierung denn politisch? Wie verhalten sich pluralisierte Subjekte mit ihrer offenen und auch "prekären" Identität, wie Sie es nennen, zu den Kollektiven des Politischen?

Treibkraft meines Buches ist, dass gerade die Politik verstehen muss, dass sie es mit einem anderen Subjekt-Typus zu tun hat als Politik bisher. Welche Formen man dafür anbieten kann, welche Formen man dafür finden kann, das ist noch offen. Wir haben erste Schritte gesehen, zum Beispiel in Frankreich bei der Wahl von Emmanuel Macron. Ich fand da so spannend, dass es bei Macron ja nie nur darum ging, dass ein charismatischer Typ die Leute fasziniert, sondern dass er eben im ganzen Land Bürgerversammlungen abhalten ließ. Bürgerversammlungen, in denen genau die pluralisierten Subjekte, die wir sind, mit ihrer eigenen prekären Identität, mit ihrem zutiefst individualistischen Zugang zum Leben zu Wort gekommen sind. Er hat diesen pluralisierten Subjekten eine Bühne geboten und einen Resonanzraum, in dem sie sich überhaupt verständlich machen, zeigen, sichtbar machen konnten. Ich glaube, das war vielleicht schon ein erster kleiner Schritt, in welche Richtung es gehen muss.

Das Phänomen Macron ist aber nun auch eins, das in gewisser Weise eine Krise des Politischen markiert oder markieren könnte, finde ich. Er ist ja angetreten zunächst mit einer Bewegung – ausdrücklich nicht mit einer Partei, inzwischen ist es so ein bisschen dazwischen – und die nennt sich "La République En Marche!". Das suggeriert ja – und das ist ja auch ausdrücklich von ihm so gesagt worden – dass die gewohnten Parteidifferenzen darin überwunden werden sollen. Das heißt aber auch, dass die alten Interessensgegensätze politisch gar nicht so gewichtig sind. Ist das nicht eine grundsätzliche Entpolitisierung und wieder ein neues Versprechen, wenn man so will, auf Homogenität jenseits politischer Differenzen?

Na ja, das ist sozusagen die negative Lesart des Ganzen, ich hab ja gesagt, das ist ein erster zaghafter Versuch. Wir haben ja eine ähnliche oder vergleichbare Entwicklung hier in Österreich, wo die konservative Partei eigentlich geentert wurde von einem jungen Mann, der heute Bundeskanzler ist und der genau versucht hat, so eine Art Zwitterwesen zwischen Partei und Bewegung herzustellen. Es ist nicht so, dass die politischen Differenzen damit abgehakt wären. Es ist eher ein Zurückschrauben der Repräsentations-Verhältnisse. Ich würde nicht sagen, dass es eine Entpolitisierung ist, aber es ist eine Verschiebung der Politisierung weg von den großen kollektiven Einheiten hin zu jenen Formen, in denen der einzelne mehr vorkommt.

Wenn man die Szenerie so beobachtet, gibt es auch neue Formen politischen Engagements, Occupy war ein Beispiel, ist aber nicht das einzige. Engagement auf Zeit, Partizipation ganz direkt: Das ist die Form von Politik, die zum pluralisierten Subjekt passen könnte. Was bedeutet das denn für eine Parteiendemokratie? Wir müssen im Grunde dann ja unser ganzes System von Repräsentation wirklich überdenken, oder?

Ja, ich denke, dass das absolut nötig ist. Man sieht ja auch das Schlingern der ehemaligen Volksparteien überall, also in ganz Europa, das ist ja kein vereinzeltes Phänomen. Wir haben also jetzt nicht nur eine Herausforderung der Gesellschaft, sondern auch eine Herausforderung der Demokratien. Die Demokratie muss kreativ sein, sie muss politische Fantasie haben, um neue Formen der Zugehörigkeit oder der Einbindung zu entwickeln, sonst haben wir es mit sehr unangenehmen, sehr autoritären Momenten zu tun, die übrigens – wie man zur Zeit ja sieht – unglaublich effizient sind in der Abwehr der Pluralisierung.

Das Buch

Isolde Charim "Ich und die Anderen. Wie die neue Pluralisierung uns alle verändert" ist bei Zolnay erschienen.

Für das Buch erhält die Wiener Publizisin den Philosophischen Buchpreis 2018.