Kultur

Ironie im Netz "Ein Störfaktor, der Kommunikation erst interessant macht"

War doch nur ein Witz! Wer ironisch sein will, wird oft falsch verstanden – vor allem im Internet. Sollten wir es Computern überlassen, Ironie zu erkennen? Darüber haben wir mit einem Linguisten gesprochen.

Von: Franziska Timmer

Stand: 11.01.2018

Illustration: Max Headroom weiß nicht, ob er lachen soll | Bild: BR

Seit 1. Januar 2018 ist das Netzwerkdurchsetzungsgesetz in Kraft. Ein paar Tage später wird der Twitter-Account des Satiremagazins Titanic gesperrt. Warum? Ein ironisch gemeinter Kommentar wird vom Twitter-Algorithmus nicht als solcher verstanden. Aber sind Menschen wirklich die Richtigen, um Ironie zu beurteilen - oder könnte der Computer schon bald der bessere Ironie-Detektor sein? Marcus Müller ist Professor für Digitale Linguistik und Germanistik an der TU Darmstadt. Gemeinsam mit Informatikern und Geisteswissenschaftlern erforscht er, wie man schwierige sprachliche Phänomene identifizieren kann.

Woher wissen wir denn, was ironisch gemeint ist?

Marcus Müller: Ironie hat immer etwas mit einer Beziehung zu tun, zwischen dem, was gesagt wird, und einer Situation, in der es gesagt wird. Wenn ich morgens aufwache, meiner Frau tief in die Augen schaue und sage, "ich hasse dich", dann wird sie das, wenn alles gut läuft, ironisch verstehen. Wenn mir meine Frau am nächsten Tag auf den Fuß tritt und ich sage wieder, "ich hasse dich", dann ist es immer noch Ironie, aber eine andere Art davon. Ich meine nämlich nicht mehr genau das Gegenteil, von dem was ich sage. Selbst in einer privaten, intimen Situation ist es nicht einfach, Ironie zu erkennen. 

Wenn Ironie im zwischenmenschlichen Gespräch schon so schwer zu fassen ist, können wir sie dann überhaupt in den sozialen Medien erkennen?

In sozialen Netzwerken schreiben wir etwas in irgendeinen Raum hinein und wissen gar nicht, wie es verstanden wird. Das heißt, die naheliegende Antwort wäre: Es ist unmöglich, Ironie im Netz zu erkennen. Das wäre aber äußerst unbefriedigend. Die Computerlinguistik ist ein sehr dynamisches Feld. In den letzten Monaten sind immer mehr wissenschaftliche Artikel zum Thema Detektion von Ironie erschienen.

Marcus Müller ist Professor für Digitale Linguistik und Germanistik an der TU Darmstadt.

Der ironische Tweet der Titanic wurde vom Twitter-Algorithmus falsch verstanden. Wie könnte man einem Algorithmus beibringen, Ironie zu verstehen?

Ein einfaches Verfahren wäre zu sagen: Alles, was von der Titanic kommt, ist immer ironisch. So würde man aber natürlich nie vorgehen. Wir können ja auch nicht sagen: Alles, was "gut" ist, ist Ironie und alles andere ist schlecht. Ein Rechtsradikaler kann auch eine aus seiner Sicht ironische Äußerung machen. Das heißt aber noch lange nicht, dass die dann in Ordnung ist.

Wäre es nicht am einfachsten, wenn wir auf Ironie im Netz verzichten würden?

Ironie ist doch schön. So ein kleiner Störfaktor, der Kommunikation erst interessant macht. Wir sollten uns die Ironie nicht austreiben lassen aus Angst davor, falsch verstanden zu werden – auch nicht in den sozialen Netzwerken.  

Kann uns künstliche Intelligenz denn überhaupt helfen, Ironie zu erkennen?

Künstliche Intelligenz kann zumindest ein bisschen Ordnung in die Ironie bringen. Computer sind sehr zuverlässig darin, große Datenmengen nach einfachen Vorgaben zu durchsuchen. Gehen wir von der einfachen Ironie aus, die immer das Gegenteil meint. Zum Beispiel ein Tweet, in dem es heißt: "Hier ist es furchtbar kalt". Nun weiß ich über die Geodaten, dass dieser Tweet im August auf Kreta abgesetzt wurde. Ich habe also objektive Messdaten und eine sprachliche Äußerung, die offensichtlich im Gegensatz zueinander stehen. Dann kann ich sagen: Das ist Ironie. Wenn ich ganz viele von diesen Beispielen sammle, kann ich einen Algorithmus füttern und ihn lernen lassen.

Es scheint immer wichtiger zu werden, ironische von nicht-ironischen Kommentaren im Netz unterscheiden zu können. Wer gewinnt? Mensch oder Maschine?

Es wird ein Mischverhältnis geben. Manche ironischen Äußerungen werden von Algorithmen gefunden werden, andere müssen noch einmal einer verantwortlichen Person vorgelegt werden. Aber insgesamt wird sich das Verhältnis langsam zugunsten der Algorithmen verschieben.