Kultur

Kolonialismus-Debatte Was unsere Museen mit dem Erbe der kolonialen Vergangenheit machen

Wie umgehen mit Objekten aus der Kolonialzeit? Das Humboldt Forum bleibt alt bekannten Ausstellungskonzepten verpflichtet - obwohl es herausfordernde Ideen gab. Der Politikwissenschaftler Achille Mbembe verknüpft unterdessen die Raubkunst- mit der Flüchtlingsfrage.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 01.06.2018

Skalpiermesser mit einer halben Bärentatze als Knauf. Scheide dekoriert mit gefärbten Federkielen. | Bild: picture-alliance/dpa  Werner Forman

In den nächsten Tagen und Wochen werden 20.000 Objekte aus dem Ethnologischen Museum in Dahlem sowie aus dem Museum für Asiatische Kunst in das Humboldt Forum im neuen, alten Berliner Schloss einziehen. Das Irritierende daran: Es können ab September nächsten Jahres dann nur zwei Prozent dessen, was man insgesamt hat, in der Dauerausstellung des Humboldt Forums gezeigt werden. Der Rest bleibt in den Depots – rund eine halbe Million Objekte.

Appell zur Aufarbeitung verhallte

Viola König, die letztes Jahr in den Ruhestand verabschiedete, langjährige Leiterin des Ethnologischen Museums, propagiert vor dem Hintergrund aktueller Kolonialismus-Aufarbeitungs-Debatten eine ganz andere Vorgehensweise. Sie fordert: Zeigt endlich alles! Sie plädiert für einen ethnologischen Dschungel, in dem die Objekte ungefiltert und direkt auf die Besucher einwirken und sie mental, fast physisch ergreifen können. Allein die schiere Menge sei geeignet, etwas zu bewegen, sagt sie: "Die naiven Besucher hören die ganze Zeit, da gibt es ein Problem – ein Problem mit der angeblichen Nichtaufarbeitung der Kolonialzeit. Sie können aber gar nicht sehen, was da alles ist, das ist eben in Dahlem im Depot. Wir werden jetzt nicht eine halbe Million Objekte ins Schloss bekommen, aber sehr viel mehr, als mit den bisher geplanten Ausstellungen vorgesehen ist."

Darüber allerdings wurde in der Gründungsintendanz des Humboldt Forums nie offen und konstruktiv gestritten. Der konservative Brite Neil MacGregor sorgte als Hauptmann des Dreigestirns aus Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp, dafür, dass ab dem nächstem Jahr alles eher klassisch präsentiert wird.

Ein Ausstellungskonzept betagter, weißer Männer

Erstaunlich eigentlich, dass die Posten alle mit weißen Männern zwischen 55 und 70 besetzt wurden – keine Frau dabei und niemand, der einen außereuropäischen Hintergrund hat. Das ursprüngliche, sehr viel herausfordernde Konzept von Viola König mit seinen multi-perspektivischen Details verwarf MacGregor. Den Vertrag mit der ihm wohl unangenehmen Ethnologin verlängerte er nicht.

Eine mexikanische Skulptur einer Adlerschlange (Aztekisch, 1325-1521 n. Chr.) steht vor einer Pharao-Figur des Königs Amenemhet III

Obwohl das Sinn gemacht hätte, denn die international respektierte Wissenschaftlerin arbeitete schon seit über zehn Jahren daran, was in welcher Form zukünftig im Schloss gezeigt werden soll. König hatte Ausstellungsmodule zum menschlichen Körper, zu unterschiedlichen Schönheitsvorstellungen oder auch zum Klimawandel geplant – inzwischen alles Makulatur. Ihre Idee war es auch, in die Präsentation der völkerkundlichen Objekte aus der Südsee, aus Kamerun oder Tansania, aus Südamerika und Alaska die lokalen Nachfahren der ehemaligen Besitzer-Communities mit einzubinden und das alles noch durch Interventionen von zeitgenössischen Künstlern kritisch zu hinterfragen Offen und konstruktiv gestritten – höchst flexibel und temporär. Sie wollte die richtigen Fragen stellen: Warum bloß ist das alles hier? Woher rührte die Sammelwut der Kolonialzeit? Und: Was für einen Sinn hat das alles heute?

Der Druck steigt

Die Folge: Das Humboldt Forum als größtes Kulturprojekt Deutschlands, als eine Art Leit-Institution im ethnologischen Bereich, ist ins Gerede gekommen. Auch deswegen müssen sich seit letztem Jahr alle Völkerkundemuseen Deutschlands erklären: für teils nicht mehr als zeitgemäß empfundene Ausstellungskonzepte in der Darstellung außereuropäischer Kulturen, für den noch lange nicht überwundenen Eurozentrismus und natürlich für diejenigen Gegenstände in ihren Sammlungen, die von zweifelhafter Herkunft sind, also geraubt, unter Wert gekauft oder in kolonialer Abhängigkeit als Geschenk erhalten.

Leopard, westafrikanisch, Nigeria, Ende 16. oder 17. Jahrhundert

Der Druck steigt – und so lud Kulturstaatsministerin Monika Grütters letzte Woche in Berlin recht spontan zu einer Veranstaltung des deutschen Museumsbundes ein. Vorgestellt wurde der "Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten", ein 130-seitiges Kompendium, das das Dilemma aller kursierenden Kolonialismusfragen an deutschen Museen lösen sollte. Eindeutige Antworten gibt das Handbuch allerdings nicht, verfasst von unterschiedlichen, teilweise auch sehr kritischen Autorinnen und Autoren. Der Leitfaden ist eher kontroverse Streitschrift als konkrete Handlungsanweisung. Was per se nicht schlecht ist. Auffällig aber auch hier: Kein einziger der Gastbeiträge stammt von außereuropäischen Fachleuten. Und das, obwohl etwa der aus Kamerun stammende und gerade als neuer Ernst-Bloch-Preisträger ausgerufene Achille Mbembe schon seit Jahren fordert, Afrika und Europa müssten endlich zusammen über Möglichkeiten der Restitution und Reparation nachdenken. Bisher sei das versäumt worden.

Die Frage der Restitution mit der Flüchtlingsfrage verknüpft

Doch plötzlich muss alles schnell gehen, auch weil der französische Präsident Emanuel Macron mit seinem verbalen Fanfarenstoß, alle kolonialen Raubgüter sollten bald zurückgegeben werden, einen flotteren Takt vorgibt. Und so fand vorletzte Woche im Hamburger Völkerkundemuseum die Tagung mit dem etwas umständlichen Titel "Von der Kühlkammer weißer Wissgier zur Entgrenzung von Dingen und Wissen" statt. Internationale Experten diskutierten über den Umgang mit dem kolonialen Erbe und über die Chancen kultureller Zusammenarbeit.

Achille Mbembe

Unter ihnen auch Achille Mbembe. Der an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg lehrende Politikwissenschaftler gilt als wichtigster Theoretiker des Postkolonialismus. Er hielt in Hamburg den einführenden Impulsvortrag und erklärte: "Wir befinden uns mitten im Prozess der Dekolonisierung. Alles muss de-kolonisiert werden. Dabei verhält es sich so: Die multiplen Welten des Sozialen auf unserer Welt erlauben uns, verschiedene Stimmen und Perspektiven wahrzunehmen. So ist es an der Zeit, die Eindeutigkeit durch die Vielstimmigkeit zu ersetzen. Wir dürfen die Tatsache der momentanen Wissen-und-Macht-Asymmetrie zugunsten des Westens nicht weiter hinnehmen, auch im Sinne einer planetarischen Einheit und Zusammengehörigkeit. Das ist eng mit der anstehenden Dekolonisierung verbunden. Dieser Kampf wird uns weiter beschäftigen."

Grenzenlose Zirkulation aller Kunstgegenstände?

Es gab nicht wenige im Publikum, die beim Vortrag Mbembes in eine Art Schockstarre verfielen: Der Politikwissenschaftler rief dazu auf, in Europa befindliche Museums-Objekte aus der Kolonialzeit nicht getrennt von den afrikanischen Flüchtlingen der Gegenwart zu betrachten. Er stellte eine durchaus streitbare Verbindung her zwischen der Restitution von Objekten an die Herkunfts-Communities etwa in Afrika und der Rücksendung von Asylbewerbern in teilweise dieselben Länder. Herausfordernd fragte er: "Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der jeder und alles wieder nach Hause zurück muss?"

Seiner Meinung nach müssten wir an einer Welt arbeiten, in der sich Menschen und Dinge frei bewegen können. Dazu formuliert er die Idee, dass Kunstgegenstände grenzenlos zirkulieren. Und zwar nicht nur die ehedem geraubten Objekte aus afrikanischen und anderen Ländern, sondern das gesamte Erbe der Menschheit. Letzten Endes bedeutet das: Die Mona Lisa, die Nofretete, die französischen Impressionisten und der deutsche Blaue Reiter gehören ab sofort allen Menschen. Mbembe arbeitet gerne mit solchen Provokationen – und er weiß, dass solche Vorschläge nicht durchsetzbar sind. Er will so das immer noch vorhandene, koloniale Denken sichtbar machen und traditionelle Asymmetrien auflösen.

Europa ist verpflichtet, geraubte Gegenstände zu restituieren. Der Meinung ist auch Viola König – ohne Wenn und Aber: "Wir müssen erstmal glaubwürdige Signale und Gesten von uns geben – und die müssen auch wehtun. Und Wehtun heißt für mich eben: Zeigt alles! und habt eine grundsätzliche Bereitschaft, alles zurückzugeben."