Kultur

Präzision und Raffinesse Zum Tod des Modeschöpfers Hubert de Givenchy

Seine Mode huldigte klassischer Eleganz und Weiblichkeit, wie sie Audrey Hepburn und Jacqueline Kennedy verkörperten: Hubert de Givenchy stand für eine Ära, die von Gender-Überschreitungen noch weit entfernt war. Am Samstag ist er gestorben.

Von: Barbara Knopf

Stand: 13.03.2018

Sein Name beschwört einen Mythos herauf, den es schon lange nicht mehr gibt, den Widerhall einer Epoche, in der sich Extravaganz in der Perfektion eines Schneiderhandwerks verbarg. Hubert de Givenchys Entwürfe folgten der Silhouette eines Frauenkörpers wie marmorne, skulpturale Linien. Sie heute zu betrachten ist, wie auf die griechische Antike zurückzuschauen, denn all das Taillierte und Plissierte, Fließende und Formgebende, all der Stil und Chic, ist Lichtjahre entfernt von der heutigen Mode, der fast fashion, der Dekonstruktion, der Provokation, des Experiments mit dem großen Baukasten der Ethno-Stile und der Gender-Überschreitungen.

Die Muse Audrey Hepburn

Innerhalb eines noch sehr einheitlichen Weltbildes von Schönheit huldigte Hubert de Givenchy in vollkommener Harmonie der puren Weiblichkeit. Die inspirierende Muse allerdings, die seine stilistische Phantasie beflügelte, als habe man ein Glas Champagner in eine Achterbahn gesteckt, war weiblich und androgyn, elegant und lustig: Eines Tages stand Audrey Hepburn in Givenchys Ateliertür. Der Rest ist Film- und Modegeschichte: Givenchy entwarf das kleine ärmellose Schwarze für "Frühstück bei Tiffany", perfekter Schnitt, ikonische Erscheinung: die Handschuhe ellbogenlang, der Hut wagenradausladend, die Zigarettenspitze sehr, sehr lang, als käme ihr die Aufgabe zu, für die innerarchitektonische Balance der Kreation zu sorgen.

Audrey Hepburn im "Kleinen Schwarzen" in "Frühstück bei Tiffany"

Gelernt hat Hubert de Givenchy, der Adelsspross, der schon mit Gobelinresten in der großväterlichen Manufaktur spielte, unter anderem bei der Modemacherin Elsa Schiaparelli, sein Vorbild aber war der große spanische Schnittmeister Cristóbal Balenciaga. 1952 eröffnete Givenchy seinen ersten Salon in Paris, 1988 verkaufte er sein Imperium mit Mode-, Parfum- und Ausstattungslinie an den Luxuskonzern LVMH Moët Hennessy Louis Vuitton, 1995 präsentierte er seine letzte Kollektion. Dann zog er sich zurück ins Reich der Rosen und den Potager du Roi, er kultivierte den verwaisten königlichen Gemüsegarten von Louis XIV. in Versailles.

Das Praktische mit Raffinesse behandeln

Ästhetisch gesehen ist das eine ähnliche Herausforderung wie die Kreation des "Kleinen Schwarzen": Die Könnerschaft liegt in der Präzision, darin, das Praktische mit Raffinesse zu behandeln. Schon mit seiner ersten Kollektion "Les Séparables", die miteinander kombinierbare Einzelteile präsentierte, schaffte Givenchy den Durchbruch. Er zeigte, dass auch Leinen oder Baumwolle fließen konnten, schneiderte körpernah und doch bewegungsfrei. Eine selbstverständliche Eleganz: Etuikleider mit ausladendem Trichterkragen oder Abendbustiers mit langem Rock, der schwerglockig fällt wie die Blüte einer tief zu Boden gesunkenen Papageientulpe – Givenchys Entwürfe haben die Klarheit von Schattenrissen. Ein fließendes Statement weiblicher Schönheit – einer unwiderruflich vergangenen Zeit.

Vivienne Westwood oder Rei Kawakubo zum Beispiel haben den weiblichen Modekörper in der Zwischenzeit längst humorvoll, subversiv und schmerzlich hinterfragt. Mode ist heute ein Feld freier Radikaler, Hubert de Givenchy, der am Ende jeder Modenschau im weißen Handwerkerkittel erschien, war ein königlicher Diener. Er konnte sich noch darauf verlassen, dass ein Kleidungsstück seiner Trägerin Halt gab. Heute braucht es oft Haltung, um manchem Stück Form zu verleihen. Die Weltbewältigung ist auch in der Mode eine Herausforderung geworden.

Am Samstag ist Hubert de Givenchy mit 91 Jahren im Schlaf verstorben, wie sein Lebensgefährte am Montag mitteilte.