Kultur

Zehn Jahre Sozusagen! Hans Magnus Enzensberger im Gespräch

Hans Magnus Enzensberger ist auch mit 88 Jahren noch ein graziöser Denker und schöpferischer Sprachkritiker. Zum zehnjährigen Jubiläum von Sozusagen! hat Knut Cordsen ihn in seiner Schwabinger Wohnung zum Gespräch getroffen.

Von: Knut Cordsen

Stand: 19.02.2018

Sockfuß sitzt er da, in seiner Schwabinger Wohnung. Wohlgelaunt. Tänzelt dann los, um dem Gast etwas zu zeigen. Die Reproduktion eines Kupferstichs, die auf seinem Schreibtisch steht: "Patientia" von Hans Sebald Beham. Eine Allegorie aus dem Jahr 1540. Die Geduld, auf ihrem Schoß ein Schaf bergend und Ruhe ausstrahlend, wird bedrängt von einem geifernden teuflischen Fantasie-Wesen. "Dieser Wutnickel da, der die Geduld angeht, das bin ich", sagt Hans Magnus Enzensberger und lacht.           

Das "lyrische Luftwesen" HME

Dieses freundlich-spöttische Enzensberger-Lachen. Es ist Faschingsdienstag, und es kommt einem Peter Rühmkorfs Enzensberger-Porträt aus "TaBu II" in den Kopf, demzufolge HME ein "Faschingsprinz" sei, der "seine zerfetzelten Manifeste u. Glaubensartikel mit graziösen Verabschiedungsgesten hinter sich wirft". Gewisse Dinge müsse man sich beizeiten abgewöhnen, sagt der 88-jährige. Das Fliegen zum Beispiel. Der deutsche Dichter, der nicht nur "Eine Geschichte der Wolken" vorgelegt und sich selbst früh als "Der fliegende Robert" charakterisiert hat, dieses lyrische "Luftwesen" (noch mal Rühmkorf), dieser weitgereiste Flugmeilenkönig unter den deutschen Schriftstellern, fährt mittlerweile lieber Bahn und kehrt damit gewissermaßen zu seinen Anfängen zurück: "Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne: / sie sind genauer", hieß es 1957 in seinem poetischen Debüt "verteidigung der wölfe". "Und außerdem", witzelt Enzensberger jetzt, "habe ich es noch nie erlebt, dass auf einem Flug gefragt wurde: Ist ein Schriftsteller an Bord? Warum eigentlich nicht"?

Ironische Sprachkritik

Sein Brio: ungebrochen. Von Anfang ist der Essayist Enzensberger auch Sprachkritiker gewesen. Er untersuchte die Sprache des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" und schrieb ironisch durchwirkte Polemiken wie "Unsere Landessprache und ihre Leibwächter". 1979 erschien dieser Aufsatz. Darin schreibt Enzensberger:

"Die Sprache ist nämlich immer lebendiger und jünger als ihre arthritischen Leibwächter. Sie pfeift darauf, von ihnen reingehalten und beschützt zu werden, und auf die akademische Wach- und Schließgesellschaft hat sie – sit venia verbo – einfach keinen Bock. Die Rache der Impotenten sind die Vorschriften, mit denen unsere Kinder in der Schule mißhandelt werden. Hinter dem Rücken ihrer Aufseher aber läßt sich die Sprache munter mit den Vandalen ein, vor denen jene sie zu bewahren suchen. Großmütig wie eh und je gibt sie sich hin dem frechen, penetranten, falschen, chaotischen, gepfefferten, gemeinen, obszönen Gequassel der Fußballer, Schüler, Knastbrüder, Börsianer, Soldaten, Zuhälter, Flippies, Penner und Huren. Der reinste Horror-Trip, müßten die Herren vom zuständigen Sprachdezernat da ausrufen, wenn ihnen diese vulgäre Wendung nicht fremd wäre."

Hans Magnus Enzensberger, Unsere Landessprache und ihre Leibwächter

Eigensinnige Schreibweisen und Begriffserfindungen

Enzensberger schreibt – auch das ein Zeichen seines Eigensinns – den "Eigenbrödler" mit d statt t. Und die Zahncrème ganz altmodisch "Zahnkrem". Weit davon entfernt ist er, jenen Satz Percy Bysshe Shelleys zu unterschreiben, der lautet, die Dichter seien die wahren "Gesetzgeber der Sprache". Dennoch prägen sie sie natürlich. So ist Hans Magnus Enzensberger nicht nur der Erfinder des Begriffs "Bewusstseinsindustrie". Schon zwei Jahre vor dem Mauerfall schuf er 1987 im Epilog seines Buchs "Ach Europa!" das Wortpaar "Ossies und Wessies":

"Tatsache ist, daß die Deutschen einander nicht ausstehen können. Ossies und Wessies – das ist wie Hund und Katze."

Hans Magnus Enzensberger

2008 war Hans Magnus Enzensberger schon einmal in "Sozusagen! Bemerkungen zur deutschen Sprache" zu Gast – in einer unserer ersten Sendungen überhaupt. Das Gespräch damals kreiste um das seinerzeit als Taschenbuch erschienene und unter seinem Pseudonym Andreas Thalmayr veröffentlichte Werk  "Heraus mit der Sprache. Ein bisschen Deutsch für Deutsche, Österreicher, Schweizer und andere Aus- und Inländer".

2018 hat er uns erneut ein Interview gegeben, zum zehnjährigen Bestehen von "Sozusagen!" – u.a. über "Mohren-Apotheken" und das Gendern. Der Redaktion wünscht er in einer E-Mail "viel Glück mit dem Fortgang Ihrer Reihe".

Hans Magnus Enzensberger im Gespräch: