Kultur

Google versucht es nochmal Wie Google mit YouTube Music Streamingdienst-Riesen wie Spotify oder Prime-Music stürzen will

YouTube Music soll den Streaming-Markt aufmischen. Google setzt dabei neben der üblichen Musikbibliothek auf weitere Inhalte wie Musikvideos, Live-Mitschnitte und Cover-Versionen und auf ein Feature das sich viele seit langer Zeit wünschen: das Abspielen von Videos im Hintergrund. Doch vor allem die Künstler kommen noch zu kurz.

Von: Jakob Wihgrab

Stand: 19.06.2018

Die "YouTube" App auf einem Smartphone. | Bild: BR/Julia Müller

Seit Montag sind sowohl YouTube Music, als auch YouTube Premium in Deutschland verfügbar, gut einen Monat nach dem US-Start. Es ist nicht Googles erster Versuch, sich am Musik-Streaming-Markt zu etablieren – Google Play Music läuft seit der Einführung 2011 allerdings völlig im Schatten der großen drei: Spotify, Apple Music und Amazon Prime Music. Noch will das Unternehmen Google Play Music nicht aufgeben, im Moment läuft es noch parallel zu YouTube Music, für die Nutzer ändert sich also zunächst einmal nichts.

Was YouTube Music ist

Wie seine Streaming-Vorbilder läuft auch YouTube Music über eine Android oder iOS-App. Die Navigation teilt sich in die altbekannten Genres, Stimmungen oder Vorschläge auf, die durch unser Hörverhalten ermittelt werden. Nichts neues also. Was allerdings neu ist: YouTube Music verfügt über die allumfassende Sammlung an Musikvideos, Live-Mitschnitten oder Cover-Versionen, die sich nun mal auf dem Video-Portal tummeln und auch die lassen sich über die App anschauen. Der Clou: Bezahlt man für YouTube Music, lassen sich Musikvideos ab sofort auch im Hintergrund und Audio-Only-Modus abspielen, ein Traum vieler Nutzer, die seit Jahren ihre Playlisten auf YouTube haben, bisher allerdings nur als Videos konsumieren können und so zum Beispiel deutlich mehr Akku und Daten auf ihrem Smartphone verbrauchen. Jetzt lassen sich die Videos auch im Offline-Modus oder im Hintergrund ansehen bzw. hören. Dafür muss YouTube Music allerdings mit dem YouTube Premium Abo ergänzt werden, das kostet statt 9,99€, 11.99€ im Monat. Dafür verschwindet damit aber auch jegliche Werbung von der Video-Plattform. Auch die sogenannten „YouTube-Originals“ kommen nach Deutschland und sind inklusive. Dabei handelt es sich um von Google eigens produzierte Filme, Serien oder Shows die, ähnlich wie bei Netflix und Co., exklusiv für YouTube produziert werden.

Viele der Funktionen von YouTube Music lassen sich auch kostenlos nutzen, dafür wird zwischen den Songs Werbung gespielt, Offline- und Hintergrundwiedergabe sind dann ebenfalls nicht möglich.

Was die Künstler davon haben

Seit Jahren steckt YouTube in schwerwiegenden Streits mit den großen Plattenfirmen wie Warner, Universal oder Sony Music, denn im Vergleich zahlt YouTube die wenigsten Tantiemen pro Klick, gleichzeitig wird nirgendwo so viel Musik „gestreamt“ wie hier. Pro 1000 Klicks auf ein Video zahlt YouTube ca. einen Dollar an die „Content-Provider“, also die Künstler aus, das ergab eine Erhebung der Recording Industry Association of America, kurz RIAA, aus dem Jahr 2016. Im Vergleich zahlen Spotify und Apple Music zwischen sieben und zwölf Dollar pro 1000 Streams an die Bands und Künstler. Laut Mitch Glazier, Präsident der RIAA, seien kostenlose Streamingangebote das Schlimmste, was der Musikindustrie, seit der illegalen Musik-Piraterie Anfang der 2000er passiert ist. Schaut man genauer hin, machen die Gewinne durch Streaming-Plattformen mittlerweile 39 Prozent des gesamten Umsatzes der großen Plattenfirmen aus, das sind fast 10 Prozent mehr als im letzten Jahr. Trotzdem bleibt es unfair – denn bei dem Tantiemenkrieg zwischen Anbietern und Labels sind vor allem die Künstler die Opfer.

Was gegen den Erfolg spricht

Ja, der Streaming-Markt funktioniert mittlerweile, getragen wird er jedoch von Premium-Kunden, also denjenigen die einen festen monatlichen Betrag bezahlen. Bei Spotify sind das ca. 70 Millionen, bei Apple Music um die 40 Millionen und bei YouTube? Genau hier könnte das Problem liegen: Seit der Gründung 2005 ist YouTube ein kostenloser Dienst und wird auch seither so von seinen Nutzern aufgefasst, die Hürde nun zu einem Bezahlsystem zu wechseln, das lediglich Werbung entfernt und einen Offline und Hintergrundwiedergabe Modus bietet, ist vergleichsweise hoch. Ohne eine wachsende Zahl von Premium-Nutzern wird YouTube wohl weiterhin am wenigsten Tantiemen auszahlen. Die RIAA wirft YouTube darüber hinaus vor, dabei rechtliche Schlupflöcher zu nutzen, um nicht mehr pro Klick zahlen zu müssen. Sobald die Plattenfirmen damit drohen, einen Song von YouTube zu entfernen, argumentiere Google damit, dass im selben Moment mehrere User den Song illegal hochladen würden. Das Video-Portal säße somit am längeren Hebel.

Was passieren muss

In Amerika werden immer mehr Stimmen laut, die Auszahlung per Gesetz fairer zu gestalten, auch in der EU wird schon über eine gesetzliche Anpassung der Tantiemen diskutiert – Streamingdienst übergreifend. In erster Linie muss die Finanzierung der Künstler garantiert sein, denn ohne Inhalte funktioniert die beste Plattform, mit dem schlausten Algorithmus und der intuitivsten Benutzeroberfläche nicht. Wer nun argumentiert, mit einem breiteren Angebot an Anbietern würden sich auch mehr Vermarktungsmöglichkeiten auftun, der irrt, denn die kritischen Klicks verteilen sich so nur auf mehrere Anbieter, die unterschiedlich viel auszahlen, sie werden aber nicht insgesamt mehr. Erst wenn eine gerechte Ausschüttung der generierten Gelder garantiert ist, können auch die Anbieter auf dem Streaming-Markt fair konkurrieren: nämlich durch Benutzerfreundlichkeit und originelle Inhalte – nicht durch das gegenseitige Unterbieten bei den Tantiemen.