Kultur

Preisträger Geschwister-Scholl-Preis 2017 Fünf Fragen an Hisham Matar

Montag erhielt Hisham Matar für sein Buch „Die Rückkehr“ den Geschwister-Scholl-Preis 2017. Der 1970 in New York geborene Autor, der in Tripolis aufwuchs, erzählt darin von der Suche nach seinem Vater, der 1990 von Gaddafis Schergen verschleppt wurde.

Stand: 21.11.2017

Hisham Matars Vater hatte zunächst in Libyen eine Partisanengruppe gegen den Diktator geleitet und schließlich von Kairo aus den Widerstand gegen Muammar al-Gaddafi  organisiert.  Seine Suche nach dem 1990 spurlos verschwundenen Vater führte Hisham Matar zurück in seine libysche Heimat und nach Abu Salim,  das berüchtigte Foltergefängnis in Tripolis. Sein Buch "Die Rückkehr" ist eine literarische Suche nach dem Vater und dreht sich im Kern um die universelle Beziehung von Vätern und Söhnen – stets in lebendiger Zwiesprache mit den berühmten Vätern und Söhnen der Literaturgeschichte.
Marie Schoeß hat mit Hisham Matar gesprochen.

Marie Schoeß: Sie nennen Ihr Buch „Die Rückkehr“, was mich zuerst an die mögliche Rückkehr des Vaters hat denken lassen. Die tritt aber nie ein. Welche Bedeutungen verbinden Sie mit diesem Titel?

Hisham Matar: Der Titel hat verschiedenen Bedeutungen. Eine, die am Anfang für mich ganz nahelag, war die von meiner buchstäblichen Rückkehr nach Libyen nach 33 Jahren, in denen ich nicht dorthin reisen konnte. Der Titel spielt nicht nur auf eine mögliche Rückkehr meines Vaters an, sondern auch auf meine Rückkehr zu bestimmten Themen, die mich beschäftigt hatten, bestimmte Gemütszustände. Es geht also auch um die Dinge, die zu mir zurückkehren und um mich, der zu ihnen zurückkehrt. Und dann passierte noch etwas anderes, etwas Überraschendes. Das Buch wurde auch eine Rückkehr zu dem Menschen, der ich in den Jahren geworden war, in denen ich weg war. Eine Möglichkeit, auf diesen Menschen zu blicken, auf die Distanz, die ich überwunden hatte, und auf die Gegenwart. Der Titel, das Wort „Rückkehr“ wurde zu einem Spiegel, bei dem man nicht genau weiß, was er eigentlich spiegelt.

Sie haben nur wenige Jahre in Libyen, ihrem Heimatland, verbracht, trotzdem hat es Sie sehr geprägt. Können Sie beschreiben, mit welchen Erwartungen Sie zurückgekehrt sind?

Ich weiß nicht, ob ich feste Erwartungen hatte. Natürlich hoffte ich, Menschen wieder zu sehen, mit denen ich aufgewachsen bin und die ich vermisste, und ich wollte die Orte wieder sehen - unser Zuhause, das Meer. Als ich in Libyen ankam, merkte ich, dass ich unbewusst gewartet habe oder etwas erwartet habe. Wie eine Art Ausguck mitten im Meer, von dem aus man auf eine Insel schaut und hofft, dass sich alle existenziellen Probleme auflösen, wenn man auf der Insel ankäme. Das war so die Fantasie. Als ich dann in Libyen ankam, war das natürlich überhaupt nicht so. Einiges hat sich gelöst, aber anderes wurde noch komplizierter.

Der Vergleich mit anderen Söhnen aus der Literaturgeschichte ist unterschwellig immer präsent.  Hamlet und Telemach sind nur zwei Beispiele. Mein Eindruck war, dass der Bezug zu Telemach sehr entscheidend ist.

Ich wollte immer sichergehen, dass meine literarischen Bezüge natürlich sind und nicht erzwungen sind. Ich mag keine Bücher, in denen die Leute ihre Belesenheit vorführen, so wollte ich nie sein. Ich liebe Bücher, sie spielen eine so große Rolle in meinem Leben, aber Literatur besteht nicht aus Büchern. Bücher sind nur das Medium. Literatur setzt sich fest: Da gibt es dann diese Zeilen von Homer oder Shakespeare oder Jean Rhys oder so vielen anderen Autoren. Zeilen, die ich mit mir trage, die bei mir bleiben für eine sehr lange Zeit. Diese Zeilen aus der "Odyssee", wenn Telemach in etwa sagt: "Ich wünschte, ich hätte einfach einen glücklichen Mann als Vater, der zuhause alt werden kann, aber das Schicksal meines Vaters ist nur Tod und Schweigen" – diese Zeilen sind irgendwie sehr lange bei mir geblieben.
Als ich diese Zeilen des Telemach zum ersten Mal las, hatten sie für mich folgende Bedeutung: Das war der ehrliche Wunsch eines treuen Sohnes, sein Vater möge in Würde und zuhause altern können. Wer will das nicht. Aber über die Jahre hat sich dieses Verständnis verändert. Es geht nicht nur um den Vater, sondern auch um den Sohn, der davon erlöst sein will, auf den Vater warten zu müssen.

Sie beschreiben Ihren Vater, überhaupt Ihre Familie, unglaublich respektvoll und sehr positiv. Gab es Momente, in denen Sie auch über ihn zornig waren – über das politische Engagement des Vaters, die Verantwortung, die er Ihnen übertragen hat?

Ich habe mir gewünscht, ich hätte wütend sein können. Manchmal war ich wütend darüber, dass er einfach nicht diese Art von Mensch war, der seine Sache vergisst und sich stattdessen auf seine Familie konzentriert. Aber irgendwie bin ich auch froh, dass mein Vater sich die Freiheit nahm, sich auf seine Dinge zu konzentrieren. Es fällt mir also schwer, wütend auf meinen Vater zu sein. Weil er es einem sehr einfach gemacht hat, „Sohn“ zu sein. Das mag jetzt komisch klingen, aber in einer Umgebung, in der es sehr einfach war, Fehler zu machen, hat er sie nicht gemacht. Er war mild, freundlich, interessant und liebevoll. Das ist unschätzbar viel wert, das hat mir unglaublich viel gegeben. Ich sage immer zu meinen Freunden, dass Eltern, die aus Liebe zu ängstlich mit ihren Kindern umgehen, dass das zur Last wird für die Kinder. Mein Vater hatte dieses Vertrauen: der Junge, der wird seinen Weg machen. Er hat es nie gesagt, aber er hatte so eine ruhige Sicherheit. Das hat mir Kraft, Stärke und Trost gegeben. Und das sind nur zwei Aspekte von sehr vielen.

Brauchten Sie die Wut nicht auch als Antrieb?

Das Wort Wut umfasst natürlich sehr viele verschiedene Arten des Widerstands. Ich würde nicht sagen, dass ich frei von Widerständen bin, aber Wut? Sie müssen wissen, ich verlor meinen Vater in einem sehr heiklen Moment meines Lebens – natürlich gibt es da nie einen Moment, der nicht heikel wäre –, aber es war ein heikler Moment, weil ich jung war - ich war Anfang 20 und ich war ein Mann. Und Männer in ihren 20ern – das ist jetzt natürlich eine banale Generalisierung – sie betonen Aktion mehr als das Nachdenken. Wenn du 20 bist, dann fällt es dir nicht so leicht, mit Ambivalenzen umzugehen oder mit Ohnmacht. Du bist ohnmächtig, aber Wut und Hass geben dir das Gefühl, du könntest handeln, du bist vital, das Gegenteil von ohnmächtig. Das führt aber nur in Sackgassen, was ich auf einem harten Weg lernen musste. Denn diese Emotionen berauschen sich an ihrer eigenen Dunkelheit. Sie verlangen nicht, dass man etwas aufbaut. Aber ich will etwas aufbauen, ich will etwas schaffen, das mag nicht gut sein oder wertvoll für viele, das ist in Ordnung. Trotzdem interessieren mich die Versuche, etwas so gut ich kann aufzubauen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dann etwas in Bewegung kommt und möglicher erscheint. Man wird besser, nicht nur für sich oder andere, sondern auch für das, was einen umtreibt – in meinem Fall die Suche nach meinem Vater – man wird einfallsreicher und tatkräftiger.

Das Buch


"Die Rückkehr: Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater" von Hisham Matar ist in der Übersetzung von Werner Löcher Lawrence im Luchterhand Literaturverlag erschienen