Kultur

Endspiel der Fußball-WM Die Implosion der WM als politisches Theater

An diese Weltmeisterschaft wird man sich noch lange erinnern – nicht nur aufgrund des frühen Ausscheidens der Nationalmannschaft. Sondern vor allem dank der ausufernden Politisierung des Turniers. Schuld daran ist der Fußball selbst.

Von: Ralph Glander

Stand: 14.07.2018

ARCHIV - 27.06.2018, Russland, Kasan: Fußball: WM, Vorrunde, Gruppe F, 3. Spieltag: Südkorea - Deutschland in der Kasan-Arena. Mesut Özil aus Deutschland steht auf dem Platz. Der Ruf nach radikalen Veränderungen und neuen Namen ist nach dem frühen Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der WM laut. Auch personell soll im Team jetzt einiges passieren. Doch ein radikaler Schnitt ist schwer. Özil wurde sportlich und durch die Erdogan-Affäre zum Symbol für den Absturz der deutschen Mannschaft. Foto: Christian Charisius/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Christian Charisius

"Fußball und Politik sollte man nicht vermischen" – ein Satz, den man immer wieder mantraartig zu hören bekommt – von Fußballspielern selbst, natürlich von Fußball-Funktionären und manchmal auch von Kommentatoren. Umso öfter dieser Satz gesagt werden muss, umso klarer wird: das genaue Gegenteil ist der Fall. Es ist lediglich Wunschdenken, die Sehnsucht nach einer nostalgisch verklärten Unschuld, die der Fußball (vielleicht) einmal hatte. Denn WM-Turniere sind mittlerweile zu einem globalen, politischen Theater geworden – mit Spielern und Funktionären als Darsteller und den ZuschauerInnen und Medien als eine Art griechischen Chors.

Panini XXL - Die Kadervorstellung wird zelebriert.

Das liegt vor allem daran, dass dem Fußball in den letzten Jahren zunehmend ein kultureller Wert zugeschrieben wird, dem das bloße Spiel auf dem Rasen gar nicht mehr gerecht werden kann. Präsentiert etwa der DFB vor dem Turnier seinen Kader, gleicht die Inszenierung vor den versammelten JournalistInnen einer staatlichen Audienz. G7-Gipfel? Klar, auch wichtig. Aber gerade spannender: Wird Manuel Neuer nun doch im Tor der Mannschaft stehen? Wenn ein sportliches Ereignis zu solch einer bizarren Größe anschwillt, dann ist die zwingende Folge irgendwann dessen allumfassende Politisierung. Eine Entwicklung, die nun – vor allem in Deutschland – ihren vorläufigen, absurden Höhepunkt erreicht hat.

Dass sich Fußball und Politik oft vermischen – dafür sorgt schon der Weltfußballverband FIFA mit seinen Mauscheleien, Korruptionsskandalen und Machtspielen. Die Wahl der Austragungsorte tut ihr übriges – aktuell zu beobachten an einem autokratisch regierten Russland, dass sich schamlos im Glanz eines sportlichen Großereignisses sonnen darf.

Gemeinsame Vision für Deutschland

Endlich sind "wir" wieder wer? Deutsche Fans feiern in München und zeigen Flagge.

Spätestens seit der WM 2006 sind Fußball-Großereignisse auch in Deutschland politisch aufgeladene Events: Die Welle der Euphorie, die der Fußball damals hier entfachte und so den Anschein eines weltoffenen und toleranten Deutschlands erweckte, wurde vom DFB dankbar aufgegriffen. Die Deutsche Nationalmannschaft inszenierte man durch ausgeklügeltes, zunehmend überhitztes Hochglanz-Marketing und Werbe-Offensiven zu einer Art gesellschaftlicher Utopie im Fußball-Trikot, zu einer gemeinsame Vision nicht enden wollender, märchenhafter Fußballsommer. Einer Vision, die unter Bundestrainer Joachim Löw stets einen angenehmen Duft irgendwo zwischen Niveacreme und Cappuccino verströmte.

Und das alles stets unter den wohlwollenden Blicken von Kanzlerin Angela Merkel, die regelmäßig in den Stadien auf der Tribüne saß und so auch etwas von der Strahlkraft des Fußballs abbekommen konnte. Der vorläufige Höhepunkt war der Weltmeistertitel 2014. Damals das schmeichelhafte Narrativ: Jogi Löw und Angela Merkel stehen für ein neues Deutschland: erfolgreich, seriös, zurückhaltend und taktisch versiert.

Parallele Krisengipfel

Nun, vier Jahre später gerät das Ausscheiden der Deutschen nicht nur zu einer sportlichen Pleite, sondern wird zu einer Krise von staatstragender Dimension hochstilisiert. Das liegt vor allem an einer perfiden Dramaturgie, die den bloßen Zufall für erstaunlich viele als glasklaren Kausalzusammenhang erscheinen lässt – denn während die deutsche Mannschaft im Turnier unterging, verirrte sich auch die deutsche Politik ins Abseits.

In Russland strauchelten Jogi Löw und Oliver Bierhoff, im Bundestag Horst Seehofer und Angela Merkel – zwei Krisengipfel, die nichts miteinander zu tun hatten und trotzdem zu einem bizarr-stimmigen Narrativ montiert wurden: Deutschland taumelt. Angela Merkels "Wir schaffen das" schafft sich ab: politisch und sportlich. Diese Gleichzeitigkeit kann kein Zufall sein. Der Fußball wird zu einem bizarren Spiegelbild für den Zustand des Landes erklärt. Plötzlich stehen Jogi Löw und Angela Merkel nicht mehr für ein neues Deutschland – sondern für ein auseinanderfallendes.

Ein mittlerweile absurdes Bild: Angela Merkel reicht Mesut Özil in der Kabine die Hand.

Was waren das noch für Zeiten als Mama Merkel die Jungs vom Bundes-Jogi in der Umkleide-Kabine besucht hatte? Als sie dort einem strahlenden Mesut Özil die Hand reichte? Genau dem Spieler, der nun unfreiwillig zum tragischen Hauptprotagonisten für dieses absurd politisierte WM-Turnier wurde. Der mit seinem Teamkollegen Ilkay Gündoğan den Ball dafür ins Rollen brachte, als er sich mitten in der Vorbereitungsphase mit dem türkischen Staatschef Erdoğan traf. Der Aufschrei war groß, der Umgang seitens des DFBs mit so einer heiklen Causa ungenügend bis verheerend. Ein völlig fehlgeleitetes Krisenmanagement, welches zeigt, dass Fußball und Politik dann wohl doch nicht so gut zusammenspielen können. Beziehungsweise der Fußball der Politik verheerende Steilvorlagen geben kann.

Im Kreuzfeuer des Populismus

Die Schleusen von rechts öffneten sich sperrangelweit und spülten eine Flut abstoßend rassistischer Äußerungen über die türkischstämmigen Fußballer hinweg. Jetzt konnte die Rechte plötzlich mit Fußball Politik machen. Unter zahlreichen unerhörten Tweets kam der vielleicht unerträglichste wenig überraschend von AfD-Vize Alice Weidel. Als Mesut Özil beim zweiten Gruppenspiel gegen Schweden auf der Bank Platz nehmen musste, kommentierte sie das mit "AfD wirkt." Die DFB-Mannschaft fand sich im Kreuzfeuer der Polemik und des Populismus wieder. Um Fußball ging es nur noch selten. Das Ausscheiden war plötzlich nur noch am Rande ein sportliches Versagen – es war vor allem die Manifestation einer deutschen Gesellschaft in der Krise.

Eigentlich handelt es sich dabei aber nur um eine völlig haltlose Parallelisierung gänzlich unterschiedlicher Ereignisse, die in fabulierender Raserei banale bis toxische Korrelationen ausfindig macht. Die simplen Emotionen des Fußballs taugen nämlich nicht dazu, politische Stimmungen und Zusammenhänge zu erklären.

Vielleicht ist diese WM ja nun endlich die finale Implosion eines Fußballs, der in seiner von allen Seiten aufgeblasenen Wirkungsmacht schon lange seine eigentliche, intrinsische Aufgabe aus den Augen verloren hat: Ein Spiel zu sein, dass Menschen zusammenbringt und Emotionen weckt, die zuvorderst vom Geschehen auf dem Platz ausgelöst werden. Zumindest kann man das hoffen.