Kultur

Freizeitforschung Wofür wir unsere Freizeit brauchen

Schwimmen, Radeln, Tennisspielen, Freunde treffen, oder aus dem Fenster gucken: Egal, Hauptsache, wir haben freie Zeit! Warum die nötig ist und das Arbeitsvolumen nicht steigen sollte, sagt Freizeitforscher Ulrich Reinhardt im Gespräch.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 29.06.2018

Acht Stunden Freizeit und Erholung, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Arbeit, das war einmal der Schlachtruf der Arbeiterbewegung. Im 19. Jahrhundert revolutionär, heute zumindest theoretisch eine selbstverständliche Errungenschaft – noch? Die schwarz-blaue österreichische Regierung zum Beispiel will den Zwölf-Stunden-Tag einführen. Er wäre dann unter vergleichsweise einfachen Bedingungen ein normaler Arbeitstag, wobei die Arbeitszeit im Schnitt sich nicht erhöhen soll. Aber natürlich stecken viele Teufel im Detail und die Opposition tobt - nächsten Monat soll der Gesetzesentwurf eingebracht werden. Für uns ein Anlass, den Hamburger Freizeitforscher Ulrich Reinhardt über die kulturelle Errungenschaft freier Zeit zu befragen. Das Gespräch führte Judith Heitkamp.  

Judith Heitkamp: Viele Menschen erzählen gerne und stolz, dass sie wieder eine Sechzig-Stunden-Woche hatten - vielleicht wird Freizeit ja überbewertet?

Ulrich Reinhardt: Das glaube ich nicht. Aber es ist in der Tat richtig, dass viele Bürger sich besonders über die Arbeit definieren. Arbeit als Identifikationsmerkmal war historisch gesehen immer wichtig. Aber wenn ich mir die junge Generation anschaue, meine Studierenden zum Beispiel -  für die ist es gar keine Frage, die wollen nicht nur arbeiten, die wollen Familie und Selbstverwirklichung und einen festen Job. Alles.

Dieses alte Drittel-Modell der Arbeiterbewegung, acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Schlaf, es stammt aus dem neunzehnten Jahrhundert, klingt erstaunlich ausgewogen und modern - hat es etwas mit unserer Realität zu tun? Oder glauben wir das nur?

Derzeit schlafen die Bundesbürger etwa 7,15 Stunden, Frauen übrigens etwas länger als Männer, die reine Arbeitszeit macht ungefähr 20 Prozent des Jahres aus und die sogenannte Obligationszeit spielt eine große Rolle: Wege zur Arbeit, Haushalt, essen, einkaufen. All die Dinge, die eigentlich nicht freiwillig passieren.  Was dann übrig bleibt, ist klassische Freizeit, die macht ein Fünftel des Jahres aus, in der ich genau das tue, was ich möchte.

Zwanzig Prozent Arbeit, zwanzig Prozent Freizeit - beides klingt gar nicht besonders viel. Was würde passieren, wenn man den Bereich Arbeit stark ausdehnen würde?

Grundsätzlich ist die Frage, wie man es kompensiert. In Österreich soll es darum gehen, Arbeitszeit teilweise auf zwölf Stunden zu erhöhen, nicht durchgängig. Im Prinzip soll es bei der Vierzig-Stunden-Woche bleiben. Aber zwischenzeitlich möchte man oder muss man deutlich länger arbeiten. Aus meiner Sicht entscheidend ist der Ausgleich, Freizeit hat man ja nicht ohne Grund. Medizinisch gesehen sollte jemand, der zwei Tage am Stück zwölf Stunden arbeitet, danach wenigstens zwei Tage Ruhe haben, um die Batterien aufzuladen.

Haben wir denn Ruhe, wo wir alle so digital eingebunden sind? Wie oft guckt man am Tag aufs Handy?

Zu häufig, muss man ganz klar sagen. Der Bundesbürger schreibt im Schnitt 51 Whatsapp-Nachrichten am Tag. Jeder hat das Gefühl,  er sei nicht ersetzbar und müsse 24 Stunden am Tag online und erreichbar sein. Wenn man sich die Realität anschaut, sind aber über zwei Drittel der Bundesbürger in Berufen tätig, wo man eben nicht rund um die Uhr erreichbar sein muss - Verkäuferinnen im Supermarkt, Arbeiter bei VW oder bei BMW und so weiter. Interessant ist auch, wenn man danach fragt, ob das eigentlich gewünscht ist. In Bezug auf die freie Zeit stellen wir nämlich fest, dass viele Bundesbürger kein Interesse daran haben, noch häufiger aufs Smartphone zu schauen.

Was möchte man in der Freizeit wirklich machen?

Interessanterweise sind in den Befragungen immer zwei Bereiche ganz weit vorne: Regeneration, ausschlafen, faulenzen, nichts tun – und soziale Begegnungen. Je mehr wir online mit anderen zusammen sind, umso mehr steigt das Bedürfnis, sich in der realen Welt zu treffen.

Kultur und Muße haben ja auch sehr viel miteinander zu tun. Das wird immer erwähnt, wenn es um das Grundeinkommen für alle geht. Wie passt das eigentlich zusammen: Einerseits geht uns die Arbeit aus, wir brauchen ein von Erwerbstätigkeit unabhängiges Grundeinkommen – andererseits wird im Nachbarland politisch um längere Arbeitstage gekämpft?

Wie sich die Arbeitswelt in Zukunft entwickelt, ist wirklich eine spannende Frage. Viele Unternehmer weisen auf den Fachkräftemangel hin, wollen die Leute länger arbeiten lassen, um Produktionsstandorte zu erhalten, gleichzeitig vernichtet die Digitalisierung Arbeitsplätze. Im Moment ist es überhaupt nicht absehbar, wie viel wir in Zukunft arbeiten werden. Die letzten Arbeitszeitverkürzung gab es in den 60er-Jahren, „Vati gehört am Samstag mir“ war ein berühmtes Gewerkschaftsmotto damals.  Ich glaube, wir werden auch in zwanzig Jahren einen ähnlichen Arbeitsaufwand haben wie heute. Danach könnte es dann abnehmen, was aber wieder ausgeglichen wird durch eine abnehmende Bevölkerung. Dass wir in Zukunft deutlich weniger oder deutlich mehr arbeiten werden,  das halte ich eher für unwahrscheinlich.

In den 50ern soll die dritthäufigste Freizeitbeschäftigung „aus dem Fenster gucken“ gewesen sein.

Das stimmt.  Wobei man sagen könnte, mit dem Aufkommen des Fernsehers hat man einfach Fenster gegen Fernseher ausgetauscht, nicht mehr auf die Straße geschaut, sondern ins Fernsehprogramm, so dass die Aktivität sich gar nicht so stark verändert hat. Heute ist es allerdings fast undenkbar, die Zeit damit zu verbringen, einfach aus dem Fenster zu schauen. Wobei ... wahrscheinlich wäre es ganz gut, einfach mal auf einem Sofa zu liegen,  auf dem Rücken, die Augen zu schließen, in die Luft zu starren. Da kommt man zu sich selbst und kann nachdenken.

Professor Ulrich Reinhardt ist wissenschaftlicher Leiter der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen, einer Initiative der British American Tobacco.