Kultur

Frei.Wild in München Warum Frei.Wild doch eine rechte Band sind

Frei.Wild distanzieren sich stets von Rechtsaußen – wettern aber genau wie AfD und Co. gegen eine "Diktatur des Mainstreams" und gegen alles Fremde. Wie rechts sind Frei.Wild wirklich?

Von: Klaus Walter

Stand: 10.04.2018

Frei.Wild sind eine der populärsten Bands im Deutschland der Zehner Jahre. 2013 sollten die vier Südtiroler zur Verleihung des Musikpreises Echo eingeladen werden. Nach Protesten anderer Künstler wurde die Band wieder ausgeladen. Kritiker halten sie für rechtsradikal: Frei.Wild-Sänger Philipp Burger hat eine Nazi-Vergangenheit als Sänger und Gitarrist der Rechtsrock-Band Kaiserjäger. Jugendsünden, sagt er selbst. Heute liefern Frei.Wild mit ihrem aggressiven Patriotismus den Soundtrack zu neurechten Bewegungen wie den Identitären, die vor einer "Islamisierung" warnen und Politik machen mit der Angst vor den Fremden. Und kommen auch im Mainstream an: Von den letzten sechs Alben landeten vier auf Platz eins der deutschen Album-Charts, zwei auf Platz zwei. 2016 sind Frei.Wild endgültig angekommen in der Mitte der Gesellschaft, sie bekommen jetzt auch den Echo verliehen.

Der Frei.Wild-Song "Wahre Werte" ist die musikalische, politische und moralische Visitenkarte der Band:

"Du kannst dich nicht drücken, auf dein Land zu schauen
Denn deine Kinder werden später darauf bauen
Sprache, Brauchtum, und Glaube sind Werte der Heimat
Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk."

aus dem Frei.Wild-Song 'Wahre Werte'

Mit solchen Werten qualifizieren sich die Südtiroler als Leib- und Magenband der Identitären Bewegung. Wie die Identitären definieren Frei.Wild Identität vor allem über Abgrenzung. Abgrenzung gegen das Andere, das Fremde. Ihre Identität sei stets und ständig bedroht, ohne die Werte der Heimat sterbe unser kleines Volk. Heimat: ein zentraler Begriff in der traditionellen Volksmusik – aber auch im Turbo-Volksrock von Frei.Wild. Allerdings gehen die Südiroler noch einen Schritt weiter, so Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler an der Uni Mainz: "Bei Freiwild – und da wird es schon ein bisschen kritisch – wird das schon auch mit einer gewissen Blut-und-Boden-Ideologie kombiniert."

Keine Nazis im klassischen Sinne

Bei allem Blut-und-Boden sind Frei.Wild keine Nazis im klassischen Sinne. Eher schon: die Pop-Variante der neurechten Ideologie des Ethnopluralismus. Wie die Identitären propagieren Ethnopluralisten das Gebot der ethnischen Reinheit, die es zu verteidigen gelte gegen das gefährlich Fremde. Ethnopluralismus ist also exakt das Gegenteil von kultureller Vielfalt und deswegen attraktiv für Rechte und für Rechtsextreme.

"Leckt uns alle am Arsch – Rock'n Opposition" noch so ein Signatursong, inklusive ausgestrecktem Wutbürger-Mittelfinger, der Deutschrock-Band. Wobei Deutschrock hier weniger für Grönemeyer und Westernhagen steht als für harten, maskulinen, deutschsprachigen Rock. Die Überväter des Genres sind die Böhsen Onkelz aus Hessen, eine Band mit rechter Vergangenheit und Liedern wie "Türken raus". Andere populäre Deutschrock-Bands heißen Ehrentod, Vollblut, Haudegen oder auch Analgewitter. Philipp Burger, Sänger und Anführer von Frei.Wild bezeichnet sich selbst als "konservativen Antifaschist" und erklärt: "Das ist eine konservative Wertehaltung, auf jeden Fall, aber das Problem ist, dass das Wort rechts automatisch übergreift ins Rechtsextreme und davon distanzieren wir uns ganz vehement."

Familie und "wahre Kameradschaft" statt Sex, Drugs & Rock 'n' Roll

Frei.Wild distanzieren sich von Rechtsaußen, Burger selbst distanziert sich von seiner Vergangenheit in der rechten Skinheadband Kaiserjäger. Und die konservativen Werte? Wichtig für Frei.Wild ist der christliche Glaube. Man legt Wert auf „wahre Kameradschaft“, auf Fleiß, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit. Und gibt sich naturverbunden, bodenständig, patriotisch. "Familie ist das wichtigste Gut auf Erden", sagt Philipp Burger in einer Bandbiografie. Frei.Wild sind bekennende Biertrinker, von Sex, Drugs & Rock 'n' Roll hält Burger nichts: "Was bringt dir Sex mit einer 2.000 mal durchgebumsten Nutte?" Eine Musikerin könne er sich bei Frei.Wild nicht vorstellen: "Niemals! Da Regelbeschwerden, da eine Schwangerschaft."

Mit ihrem demonstrativen Maskulinismus machen sich Frei.Wild zum Sprachrohr einer versunsicherten Männlichkeit. Sie sprechen denen aus der Seele, die sich mit AfD und Pegida vor allem als Opfer empfinden: entmündigt von der Diktatur der politisch Korrekten, umstellt von Gutmenschen, enerviert vom Genderwahn, überwacht von der linken Sprachpolizei. Zuflucht verspricht die heimatliche Scholle.

"Wann hört ihr auf, eure Heimat zu hassen/ Wenn ihr euch ihrer schämt, dann könnt ihr sie doch verlassen" singen Frei.Wild in "Wahre Werte". Bei Pegida klingt das so: "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen." Der Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs bezeichnet Frei.Wild auch wegen solcher Zeilen als "rechtsoffen": "Sie arbeiten mit Themen und Sujets, die für extreme Rechte anschlussfähig und zustimmungsfähig sind. Sie sind nicht rechtsradikal, sie sind nicht Grauzone sie sind rechtspopulistisch."

Wenn Rockmusik in Deutschland im Jahr 2018 politisch massenwirksam wird, dann ist sie im Zweifel: eher rechts.