Kultur

"Freddy/Eddy" von Tini Tüllmann Wie man mit wenig Geld einen bayerischen Psychothriller dreht

Ein Maler, ein mysteriöser Doppelgänger und so einige brutale Vorkommnisse: Tini Tüllmann hat mit "Freddy/Eddy" einen bayerischen Psychothriller gedreht, der trotz kleinem Budget überzeugt – nicht nur dank der großen Schauspieler.

Von: Kirsten Martins

Stand: 30.01.2018

Manche brauchen Millionen für einen Film, Tini Tüllmann kommt mit 75.000 Euro aus: Eineinhalb Jahre lang hatte die Regisseurin und Drehbuchautorin versucht, Zuschüsse oder die Zusage eines Verleihs oder Senders für ihren Debüt-Film zu bekommen. Ohne Erfolg, es scheiterte am Genre: bayerischer Psychothriller. "Klappt nicht im Kino", sagte man ihr und legte ihr nahe, lieber eine Komödie oder einen Kinderfilm zu drehen. Statt aufzugeben, räumte Tüllmann ihr Konto leer, lieh sich Geld, gründete ihre eigene Produktionsfirma inklusive Verleih – und drehte schließlich, auch dank der Unterstützung vieler anderer, ihr Herzensprojekt "Freddy/Eddy".

"Das ging ja alles so hoppla hopp", sagt Tüllmann in der Rückschau. "Ich habe Ende September entschieden, dass ich diesen Film jetzt einfach so mache, und wir haben dann Mitte Februar gedreht." Tüllmann hatte ein grandioses Drehbuch, prominente Schauspieler wie Burghart Klaußner, Jessica Schwarz und Robert Stadlober spielten ohne die üblichen hohen Gagen für sie, auch das Team hinter der Kamera war bereit, für wenig Geld mit ihr zu arbeiten.

Der imaginäre Kindheitsgefährte

"Ein Freund hat mir erzählt, dass sein Bruder einen imaginären Freund hatte als Kind, der war an allem schuld, was er so verbrochen hat", erzählt Tini Tüllmann über die Grundidee zum Film. "Ich fand das sehr interessant und habe dann gedacht, wie lustig es wäre, wenn dieser imaginäre Freund mit 40 auf einmal vor der Tür steht. Ich wollte einen kleinen Film machen, so guerillamäßig mit ganz wenig Geld. Und dann habe ich die Geschichte geschrieben – die ich extra klein gehalten habe, weil ich ja wusste, ich habe kein Geld."

Die Story: Freddy ist ein erfolgreicher Maler, dunkle Augen, dunkle Locken. Als er aus heiterem Himmel verdächtigt wird, seine Frau krankenhausreif geschlagen zu haben, beteuert er seine Unschuld. Doch es häufen sich mysteriöse, brutale Ereignisse. Das Sorgerecht für Freddys kleinen Sohn ist in Gefahr, seine Galeristin und seine Freundin distanzieren sich von ihm. Immer wieder erklärt Freddy, nicht er, ein anderer habe die Tat begangen. Einer, der genau so aussehe wie er – vielleicht sein imaginärer Kindheitsgefährte, vielleicht auch ein bisher unbekannter Zwillingsbruder. Doch das glaubt ihm natürlich niemand.

"Ich mag diese Halbwelten", sagt Tini Tüllmann. "Ich komme aus Freising, bin unter einer Käseglocke aufgewachsen, habe eine großartige Familie. Gott sei Dank ist nie etwas ganz Schlimmes passiert. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum mich das so anzieht, diese andere Welt, mit der ich eigentlich so wenig Kontakt habe im echten Leben."

Ich ist vielleicht doch ein anderer

Eines Tages zieht Eddy sogar in das Haus von Freddy, wohnt dort in einem abgedunkelten Zimmer. Niemand sieht ihn, alle sehen nur Freddy. Der ist hilflos gefangen zwischen Ängsten und Wahnsinn. Der andere greift ihn an, schlägt ihn und morgens sieht Freddy im Spiegel ein blutig geschlagenes Gesicht. Immer noch glaubt ihm niemand. Aber Freddy kämpft, und je näher er der Wahrheit kommt, umso gefährlicher wird es für ihn im Haus.

Felix Schäfer und Jessica Schwarz in "Freddy/Eddy"

Tüllmanns Film spielt in der bayerischen Provinz, am Tegernsee. "Meine Mutter kommt aus Tegernsee und mein Opa war dort Maler", erzählt sie. "Deswegen dachte ich: Wie toll, wir haben da noch ein Haus, ich kann da drehen und es kostet nichts! Dass ich natürlich das ganze Team dort unterbringen musste und dass der Tegernsee nicht gerade billig ist, darüber habe ich überhaupt nicht nachgedacht. Dann haben wir zwei Wochen in Berlin alle Innenmotive gedreht und dann noch drei Wochen in Tegernsee. Das war großartig, alle dort haben uns unterstützt, auch die Stadt Tegernsee."

Gekonnte Mischung aus Thriller und Psychodrama

Ständig überrascht dieser spannende, dynamische Film voll kluger Dialoge. Tini Tüllmann und ihre wunderbaren Darsteller halten vieles in der Schwebe. Lange lassen die klaren Bilder den Zuschauer im Unklaren, was wahr ist und was nicht. Bis zur überraschenden Lösung ist man ebenso wie Freddy in einem Netz aus Täuschung, Realität und Ängsten gefangen, weiß nicht wem man trauen, was man glauben kann.

Gekonnt mischt Tüllmann in "Freddy/Eddy" Elemente aus Thriller und Psychodrama, variiert clever das Doppelgängermotiv, setzt einfallsreich Spiegel, reflektierende Glasflächen und Schattenspiele ein. Zeigt einen hilflos wütenden Mann – vielleicht auch zwei – in einer vereisten, verschneiten Landschaft. "Freddy/Eddy" ist mutiges, großes Kino, das völlig zurecht vielfach ausgezeichnet wurde, unter anderem auf den Hofer Filmtagen mit dem Heinz-Badewitz-Preis für die beste Nachwuchsregie eines Erstlingswerks. Nicht verpassen!