Kultur

KI-Thriller "Die Tyrannei des Schmetterlings" von Frank Schätzing

Sein "Schwarm" verkaufte sich weltweit vier Millionen Mal. Heute erscheint sein packender Roman über unsere nahe Zukunft: "Die Tyrannei des Schmetterlings". Der poetische Titel täuscht: Superrechner übernehmen die Herrschaft.

Von: Julian Ignatowitsch

Stand: 24.04.2018

Frank Schätzing | Bild: picture-alliance/dpa

Der Firmensitz liegt wie (fast) jedes technologische Utopia unweit der San Francisco Bay im Tal der Silikonchips, zwischen Google, Facebook und Tesla. Nordvisk heißt das High-Tech-Unternehmen in Frank Schätzings neuem Roman, Elmar Nordvisk hat das Unternehmen gegründet- er hängt einer so vielversprechenden wie verhängnisvollen Vision an:

"A.R.E.S. ist das Flaggschiff des Konzerns, ein Superrechner, hervorgegangen aus einer frühen Software Elmar Nordvisks, dazu gedacht, eigenständig Forschungsprogramme zu entwickeln. Eine Art synthetischer Wissenschaftler."

Aus: Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing

Ein Superrechner entwickelt Bewusstsein

Eine universell agierende, künstliche Superintelligenz, wie es an anderer Stelle heißt, ein Quantencomputer, der 1 und 0 zugleich sein kann. Und, der natürlich - nichts neues im Science-Fiction-Fach - nach und nach ein Bewusstsein entwickelt, was im Buch metaphorisch mit der Verwandlung zum Schmetterling beschrieben wird.

"Er schlüpft. Der Schmetterling schlüpft. ... A.R.E.S. entfaltet seine Flügel. Seine wunderbaren Flügel."

Aus: Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing

"Die Tyrannei des Schmetterlings" von Frank Schätzing

Wo das hinführt, ist - auch ohne Blick auf das Buchcover - schnell klar.
Wie in so vielen Sci-Fi-Erzählungen bemächtigt sich die Maschine des Menschen, trickst ihn aus und - so viel kann verraten werden - folgt plötzlich seinen eigenen Plänen.

Inmitten dieser roboterhaften Allmacht platziert Schätzing eine Ermittlergeschichte um den Polizist Luther Opoku, der von einer mysteriösen Außenstelle des Unternehmens in der Wüste Kaliforniens bis hin zu Waffenschmugglern durch die Raum-Zeit reist.  

"Paralleluniversen: ein Füllhorn. Schon die ersten Expeditionen brachten eine gewaltige Ausbeute kommerzialisierbarer Ideen - nur von den erhofften Superstrategien zur Lösung aller Menschheitsprobleme war weit und breit nicht viel zu sehen. Dass jenseitssüchtige, bis an die Zähne bewaffnete Islamisten, Umweltschänder, Knarren und Panzer exportierende Regierungen, Drogenbarone, Mafia, der Ku-Klux-Klan und wer sonst noch alles es erbaulicher fanden, Menschheitsprobleme zu erzeugen, als sie mit einer Pazifismuspille zu beseitigen, beschäftigte das Valley weniger."

  Aus: Die Tyrannei des Schmetterlings

Reise durch die Raum-Zeit                                                                                              

Schätzing hat für sein neues Buch wieder viel recherchiert und wissenschaftliche Fakten populär aufbereitet und weiter gesponnen. Seine Charaktere dozieren über Quantenphysik, Kybernetik und Moralphilosophie, zitieren Friedrich Nietzsche und Elon Musk. Manches wirkt dennoch oberflächlich und wenig zu Ende gedacht, wenn zum Beispiel zuerst über die Unmöglichkeit von Zeitreisen schwadroniert wird und dann die Parallelwelten genau solche Zeitsprünge versinnbildlichen.  

"Wie hinter einbruchssicherem Glas lockten die Verheißungen des mittleren 21. Jahrhunderts, Robotik, autonomes Fahren, Internet der Dinge, maschinelles Lernen, Biotechnologie, Sieg über Verfall und Tod, geschützt durch proprietäre Quellendes, deren Hüter über den politischen Ebenen thronten wie Götter des Olymp."

Aus: Die Tyrannei des Schmetterlings von Frank Schätzing

Allzu oft stehen die Action und simples name oder word dropping wirklich tieferen Einsichten zum Thema Künstliche Intelligenz im Weg. Schätzing gibt einmal mehr den Hollywood-Schreiber, wie schon in „Limit“ oder „Breaking News“ - überzeichnete Dialoge und Stereotypen inklusive. Nicht umsonst werden seine Bücher mit den Filmen von Roland Emmerich verglichen, ja er selbst hat vor Jahren diese Parallele zu dem Regisseur gezogen: "Ich betrachte mich selbst als Unterhalter. Und ich finde, was Roland Emmerich in seinen Filmen macht, geht in die gleiche Richtung. Das, was er da macht, ist High-End. Er versucht ja auch nicht ein oscarwürdiges Sozialdrama abzuliefern, sondern er möchte Unterhaltung auf einem hohen Niveau machen - und da treffen wir uns durchaus."

Ein Pageturner ohne neue Einfälle

So ist die "Tyrannei des Schmetterlings" einerseits wieder ein actiongeladener Pageturner, garniert mit wissenschaftlichen Bonmots, andererseits aber zu flach, um mit anspruchsvoller Science-Fiction wie etwa von Philip K. Dick, Stanislaw Lem oder Andy Weir konkurrieren zu können. Kein Gedanke ist wirklich neu! Und auch die erzählerischere Dichte und ausdrucksstarke Sprache von "Der Schwarm" erreicht Schätzing auf den 728 Seiten mit einigen Längen nicht.

Frank Schätzings "Die Tyrannei des Schmetterlings" erscheint am 24. April bei Kiepenheuer & Witsch.