Kultur

"Der Tragödie Dritter Teil" Wie Goethes "Faust" politisch vereinnahmt wurde

"Wir sind Faust" suggerierte Walter Ulbricht, der die DDR als Gesamtkunstwerk im Geiste Goethes feierte. Es war nicht der erste Versuch, den Klassiker ideologisch zu vereinnahmen. Doch "Faust" sprengte auch immer wieder seine Instrumentalisierung.

Von: Stephanie Metzger

Stand: 09.03.2018

Faust, Deutschland 1960, Regie: Peter Gorski, Gustaf Gründgens, Dasteller: Will Quadflieg, Gustaf Gründgens
| Bild: United Archives / IFTN/Süddeutsche Zeitung Photo

Walter Ulbricht, Generalsekretär der SED, begriff die von ihm regierte DDR als ein Gesamtkunstwerk, in dem sich die humanistischen Ideale der Klassik realisiert: Goethes Vision vom "freien Volk auf freiem Grund" sah er in der sozialistischen DDR als Gegen-Reich zum "Dritten Reich" und als wahre Fortschreibung des Faust heraufkommen:

Walter Ulbricht

"Erst weit über 100 Jahre nachdem Goethe die Feder für immer aus der Hand legen musste, haben die Arbeiter und Bauern, die Angestellten und Handwerker, die Wissenschaftler und Techniker, haben alle Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik begonnen, diesen Dritten Teil des Faust mit ihrer Arbeit, mit ihrem Kampf für Frieden und Sozialismus zu schreiben."

Walter Ulbricht 1962

Instrumentalisierung des Faust - so alt wie das Deutsche Reich

Die Instrumentalisierung von Faust im Namen der Diktatur des Proletariats war nicht der erste Versuch im Land der Dichter, den Klassiker ideologisch zu vereinnahmen. Eine explizit ideologische Vereinnahmung der "Faust"-Dichtung stand von Beginn an im Dienst deutsch-nationaler Identitätsbildung.

Faust - eine deutsche Volkssage, Deutschland 1926, Regie: Friedrich Wilhelm Murnau

"Mit der Reichsgründung 1870/71 fangen Versuche an, literarisches Erbe und nationalliterarische Werke, in dem Falle auch Goethe und Goethes 'Faust' im Besonderen zu vereinnahmen, zu funktionalisieren. Und im Kaiserreich ist es so, dass z.B. Heinrich von Treitschke, der preußische Historiker, Rezeptionslinien vorgibt, die jahrzehntelang bedeutsam sind. Ganz schlicht und einfach: Das Nationale, das Deutsche schlechthin, das deutsche Wesen," erklärt der Literaturwissenschaftler Wilhelm Heafs. Wobei man wieder unterscheiden müsse zwischen der Faustfigur, die rezipiert und natürlich auch erhöht und letztlich enthistorisiert werde, und dem Begriff des Faustischen. Im 19. Jahrhundert geprägt, bezeichnete er das, was das deutsche Wesen ausmachen solle. Auch die vor allem im Dritten Reich virulent werdenden Rezeptionsmuster gehen auf die frühen Deutungen zurück: etwa die Entdeckung der militärischen Dimension in Faust II, des Eroberer-Typus, des aktivistischen Typus.

"Faust im Braunhemd"

Tatkraft, Dynamik und ein ungebremstes Streben, das bei allen Irrwegen doch zum Ziel kommt, sind zentrale Stereotype dieser deutsch-titanischen Faustdeutung, programmatisch von Kurt Engelbrecht 1933 in seinem Buch "Faust im Braunhemd" auf die Spitze getrieben. Doch so wirkmächtig dieser verkürzende Blick auf Goethes "Faust" im "Dritten Reich" wurde, so deutlich gab es von Anfang an Widerspruch gegen ihn. Und das liegt wohl an dem Stoff der Tragödie "Faust I und II" selbst, der durch und durch komplex, widersprüchlich und latent subversiv ist - solange dieser Dramenstoff nur rezipiert und als nationale Dichtung hochgehalten wird:

"Im Grunde war dieses Hochhalten des Faust und bitte schön auch die Fehlinterpretation insofern ja auch positiv, weil das die Türen auf machte für eine Auseinandersetzung mit diesem ja durch und durch weltpolitischen, kosmopolitischen Geist wie Faust. Mit seinem wirklich humanistischen Menschenbild, mit seiner Toleranz, mit seiner Liberalität, mit seine Fortschrittlichkeit für die Zeit gesehen. Diese Auseinandersetzung fand tatsächlich statt", betont DDR-Historiker Stefan Wolle. So waren Goethe und sein Werk in der DDR Gegenstand von Forschungsprojekten, Ausstellungen und - nicht zuletzt - Stoff für das Theater.

Faust I oder Der Skandal am Deutschen Theater Berlin 1968

Regisseur Adolf Dresen trotzte der ideologischen Instrumentalisierung des Faust und inszenierte 1968 auf der Bühne des Staatstheaters der DDR einen Faust, der die Zuschauer zum Lachen brachte und die Mächtigen protestieren ließ:

Adolf Dresen

"Wir fühlten uns nicht verpflichtet auf das Wort Ulbrichts in der DDR würde der dritte Teil Faust geschrieben, das hielten wir alle für ziemlich albern."

Regisseur Adolf Dresen über seine Faust-Inszenierung 1968 am Deutschen Theater Berlin

Zu sehen waren: ein Faust, der nicht entschlossen und bedeutend war, sondern verzweifelt, listig, manchmal kleinlich. Ein Gott, der tatsächlich auf der Bühne gezeigt wurde, anstatt im atheistischen Land eine Leerstelle zu bleiben. Gretchen, das nicht in Erhabenheit strahlte, sondern sozial determiniert wirkte. Aktuelle kulturpolitische Spitzen im Walpurgisnachttraum. All das war für die Kulturfunktionäre der SED nicht hinnehmbar. Regisseur Adolf Dresen und Intendant Wolfgang Heinz wurden von der Partei gezwungen, Änderungen an ihrer Inszenierung vorzunehmen. Das Stück blieb trotzdem ein Publikumsrenner.

Den Goetheschen "Faust“ hatten Adolf Dresen und sein Team aus dem Kerker und dem Museum der Partei also trotz Änderungen und Zensur ins Leben befreit. Sich selbst nicht. Dresen erlebte die Diskussionen über die Aufführung – unter anderem bei einem Kolloquium des Theaterverbandes – als Hetzjagd, wie er später formulierte. Nach der Biermann-Ausbürgerung ging er in den Westen. Wolfgang Heinz, der Intendant des Deutschen Theaters, musste infolge der Inszenierung zurücktreten.