Kultur

Austelllung "Du bist Faust" Faust in der Kunst – und in uns

Goethes "Faust" ist kein verstaubter Lehrstoff, sondern hat mit uns zu tun: Das will die Ausstellung "Du bist Faust" in der Hypo-Kunsthalle in München zeigen. Irgendwann steht der Besucher deshalb auch selbst auf der Bühne.

Von: Julie Metzdorf

Stand: 23.02.2018

Ein Porträt Goethes von Joseph Stieler, ein Foto von Candida Höfer, das Goethes Haus am Frauenplan in Weimar zeigt, eine alte Puppenfigur Mephistos mit schmutziger Haut, fiesem Grinsen und schlechten Zähnen, eine Figur, wie sie auch dem kleinen Goethe begegnet sein mochte, als er als Kind in Frankfurt das Puppentheater besuchte. Das war es dann auch schon mit der Einstimmung. Hinter einem schweren roten Samtvorhang steigen wir ein in den "Kosmos Faust", und zwar wortwörtlich: Der Prolog im Himmel ist im Weltraum angesiedelt, Planeten und Sterne schweben über die Wände, man horcht Gustav Gründgens als Mephisto und sieht dabei – sich selbst, im Spiegel: "Du bist Faust" hat Kunsthallendirektor Roger Diederen die Schau nicht umsonst genannt.

Die Zerrissenheit des modernen Menschen

"Wir wollten zeigen, dass Faust mit unserem Alltag zu tun hat", so Diederen. "Wir sind alle verführbar, wir schließen tagtäglich einen Pakt mit irgendwelchen Teufeln und wir wollten, dass die Ausstellung mehr ist als nur eine brave Aneinanderreihung von irgendwelchen Kunstwerken." Die Handlung des Dramas bildet Rahmen und Fundament der Schau, und so durchwandelt, ja erlebt man das Drama nicht nur als Zuschauer, sondern vielmehr als persönlich Angesprochener.

Wir begegnen Mephisto in all seinen Facetten vom liebenswürdigen Schelm bis zum fiesen Bösewicht. Als lebensgroße Marmorskulptur des russischen Künstlers Mark Antokolski von 1883 etwa: Mephisto, wie ihn Gott erschuf, nackt, muskulös und mit maliziösem Blick, aber durch und durch menschlich, denn statt verräterischer Hörner hat er nur ein paar minimal auffällige Löckchen. Hundert Jahre später entstand ein Selbstporträt des Fotografen Robert Mapplethorpe mit Hörnern: der Blick ernst und durchdringend, aber keineswegs bösartig, eher wie ein Rockstar.

Schon hier tauchen die ersten spannenden Fragen auf: Ist Mephisto böse, nur weil er beweist, wie verführbar der Mensch ist? Warum zeigen ihn so viele Kunstwerke als netten Schelm, wo er doch andere manipuliert, wie es ihm gefällt? Weiter geht’s zu Faust im Studierzimmer. Die Spiegelwand hier ist zerbrochen, wir sehen Faust als Wissenschaftler, mit Reagenzgläsern in der Hand und Unmengen von Büchern im Rücken, der Blick ernst und melancholisch. Alles andere als ein zufriedener oder gar glücklicher Mensch. Das betont auch Thorsten Valk von der Klassik Stiftung Weimar, die viele der Austellungsstücke bereitgestellt hat: "Faust ist ein scheiternder Wissenschaftler, der sich aus seiner engen Studierstube heraussehnt, das heißt, Faust ist jemand, der an seinem eigenen Dasein leidet und dann mit Hilfe Mephistos ausbricht, der sich berauscht an der Walpurgisnacht."

Umdeutungen des Fauststoffes

Und doch schafften es die Nazis, die Faust-Figur nahezu in ihr Gegenteil zu verdrehen. Sie machten aus ihm einen titanischen Übermenschen, der immer noch weiter nach Höherem strebt. Solche Veränderungen in der Rezeption des Dramas sehen wir immer wieder, zeigt die Ausstellung doch Bilder verschiedener Epochen dicht nebeneinander.

Ary Scheffer, "Faust und Margarete im Garten" (1846)

Da ist etwa Gretchen: Ein ganz in Weiß und Rosa gehaltener Raum ist ihrer Unschuld gewidmet, viele historisierende Bilder des 19. Jahrhunderts zeigen sie mit blondem, geflochtenem Haar als brave Bürgerstochter mit Gebetbuch in der Hand, Dutzende Postkarten aus der Zeit um 1910 zeigen Gretchen mal am Spinnrad, mal in der Kirche. Und dann ist da dieser Anselm Kiefer mit seinem von weißen und grauen Farbflecken übersäten Bild. Quer darüber die Zeile "dein goldenes Haar Margarete". Doch das Zitat stammt gar nicht aus Goethes Faust, sondern aus der Todesfuge von Paul Celan und spielt damit auf die fatale Stilisierung von Gretchen zum deutschen Mädel durch die Nazis an.

Krasse Unterschiede auch in der Darstellung Margaretes nach der Verführung durch Faust. Da ist ein Ölgemälde von Eugene Delacroix, "Margarete in der Kirche", als reumütig Betende, die Pinselstriche fließen nach unten, entsprechen in ihrer ungebremsten Abwärtsbewegung der Szene und dem Gemütszustand des Mädchens. Da ist aber auch ein Bild von Géricault, der Gretchen im Kerker barbusig in zerrissenen Kleidern gemalt hat, während Käthe Kollwitz es schafft, die bei ihr deutlich Schwangere geradezu zu entkörperlichen. Kollwitz benutzt die Farbe Weiß für das aschfahle Gesicht der Gefallenen und nicht für die plastische Ausarbeitung eines Busens.

Bühne für Kunst und Betrachter

Wie eine Klammer um all die so unterschiedlichen Kunstwerke verschiedener Epochen wirkt die spektakuläre Ausstellungsarchitektur. Irgendwann steht man sogar selbst auf der Bühne, sieht man plötzlich Kulissen von hinten und vor sich den Zuschauerraum, das Ganze zu den Klängen von Charles Gounods Faust-Oper. Bühnenbildner Philipp Fürhofer hat ganze Arbeit geleistet und diese Mischung aus Literatur-, Kunst- und kulturhistorischer Ausstellung zu einer lustvollen Angelegenheit gemacht – und zwar ohne dabei die Tiefe des Stoffes in Disneyland-ähnlichen Bildern zu versenken.

Die Ausstellung "Du bist Faust – Goethes Drama in der Kunst" ist bis zum 29. Juli 2018 in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München zu sehen.