Kultur

Eröffnung der Thomas Mann Villa „Man ist nicht deutsch, indem man völkisch ist.“

In Los Angeles hat Frank Walter Steinmeier Thomas Manns Exil-Villa als Unterkunft für Stipendiaten eröffnet. Im Interview: Die Literaturwissenschaftlerin Irmela von der Lühe, die sich ganz genau mit der Familie Mann befasst hat.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 19.06.2018

ARCHIV - HANDOUT - Die Computergrafik zeigt das restaurierte Thomas Mann Haus in Los Angeles. In das ehemalige Exil-Zuhause von Thomas Mann ziehen im Rahmen eines neuen Residenzprogrammes deutsche Stipendiaten ein. (Zu dpa «Unter kalifornischen Palmen: Einzug in die Exil-Villa von Thomas Mann» - Wiederholung am 17.06.2018) Foto: -/rebuild.ing GmbH/H2S Architekten/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk

Der Bundespräsident ist unterwegs auf einer hochsymbolischen Reise in den USA.  Präsident Trump wird er nicht treffen, aber er wird heute eine Rede über Demokratie halten, von der manche sagen,  dass es eine große Rede werden könnte. Für sie hat er sich einladen lassen auf die Konferenz „The Struggle for Democracy“ -  auch ein aussagekräftiger Tagungstitel in Trump-Land ...  und gestern hat Steinmeier das Thomas-Mann-Haus in Pacific Palisades am San Remo Drive als Stätte des transatlantischen Austauschs und als Stipendiaten-Residenz der Bundesrepublik eröffnet. Hier lebte der Nobelpreisträger im Exil mit seiner Familie ab 1942, hier vollendete er die Joseph-Romane, hier entstand der Doktor Faustus,  von hier aus hat er Radio-Ansprachen und Propaganda-Artikel gegen Hitler verfasst. Judith Heitkamp im Gespräch mit der Literaturwissenschaftlerin Irmela von der Lühe, die sich in vielerlei Hinsicht mit der Familie befasst hat.

Judith Heitkamp: Thomas Mann und die Politik – Zitat: „Demokratischer Idealismus - glaube ich daran? Denke ich mich nicht nur hinein, wie in eine Rolle?“ So hat Mann mal in sein Tagebuch notiert. Wie sieht das die Wissenschaftlerin?

Irmela von der Lühe: Die Wissenschaftlerin sieht zunächst: Dafür sind Tagebücher da, dass man ihnen etwas anvertraut, was nicht unbedingt die letzte und ultimative Meinung ist. Was Thomas Manns Verständnis und Haltung zur Demokratie betrifft, so war das ein vergleichsweise langer Weg. Die berühmt-berüchtigten „Betrachtungen eines Unpolitischen“, 1918 erschienen, waren ein Plädoyer gegen die Demokratie, für den Ersten Weltkrieg. Andererseits ist die zeitgleich begonnene Arbeit am „Zauberberg“ ein Dokument dafür, dass er Positionen literarisch erprobt und sich dann auch wieder abgrenzt. Seit mindestens 1921, 1922 ist Thomas Mann auf der Seite der Weimarer Republik. Er nennt sich dann auch später den „Wanderprediger der Demokratie“. Sein Zweifeln an der Tragfähigkeit demokratischer Ideale, wo diktatorische Regime immer stärker wurden und dann kriegstreibend gewesen sind, ist so natürlich wie nur irgendetwas.

Die beiden Kinder Erika und Klaus haben sich ja schon viel früher ganz klar auf die Seite der westlichen Demokratien gestellt. Waren sie nicht eigentlich diejenigen, die die demokratischen Ideen in der Familie verankert haben?

Was den Hass auf den Nationalsozialismus, was die Verachtung gegenüber völkischem Denken betrifft, so gibt es zwischen dem Vater und seinen ältesten Kindern keine Differenz. Das beginnt im Grunde, so zeigen viele Äußerungen, gegen Ende der zwanziger Jahre. Unterschieden haben sich die ältesten Kinder von ihrem Vater hinsichtlich der Frage: Wann seit 1933 schlägt die Stunde, dass der große Nobelpreisträger Thomas Mann seine Abscheu vor Hitler-Deutschland öffentlich artikulieren soll? Damit hat Thomas Mann lange gezögert, bis zum Februar 1936 -  in den Augen und Ohren seiner Kinder, besonders seiner ältesten Tochter Erika, viel zu lange. Das ist ein familieninterner und Exil-typischer Konflikt, der wird dann aber mit einer großen Erklärung 1936 in der Neuen Züricher Zeitung beendet. Und dort wird dieser nun wieder sehr aktuelle Satz von Thomas Mann formuliert, der mir inzwischen fast einer seiner liebsten geworden ist; da sagt er nämlich laut und deutlich: „Man ist nicht deutsch, indem man völkisch ist.“

Thomas Mann kam ja selbst als Flüchtling in die Staaten, wenn auch als flüchtender Nobelpreisträger - welche Erfahrungen hat er im Exil mit der amerikanischen Demokratie gemacht?

Er war ein glühender Anhänger der USA von Präsident Roosevelt. Ein Amerika, das sich in Manns wie in den Augen vieler Emigranten zwar allzu spät in den Krieg gegen den Faschismus begeben hat - aber als Amerika Roosevelts,  als Amerika des New Deal,  als das Amerika, das Thomas Mann 1938 als Emigranten aufgenommen hat, ist es ein Vorbild. Nach 1945 und insbesondere mit dem Kalten Krieg verrät dieses Amerika in den Augen Thomas Manns und seiner Kinder seine Ideale, was sie mit unglaublicher Enttäuschung aufnehmen. Dennoch zeigt beispielsweise der berühmte vierte Band der Joseph-Tetralogie einen Joseph, der deutlich Züge des amerikanischen Präsidenten Roosevelt trägt. Da geht die Identifikation mit Amerika so weit, dass die biblische Figur und der Präsident der Vereinigten Staaten ineinander literarisch verschmelzen.

Heute dagegen sprengt Trump im Grunde genommen gerade genau diesen Westen, der zu Thomas Manns Zeiten von Franklin D. Roosevelt begründet wurde. Bundespräsident Steinmeier hat in seiner Rede versucht,  trotzdem Verbindendes zu betonen, er hat gesagt, das gemeinsame Ringen um die offene Gesellschaft sei etwas transatlantisch Gemeinsames - kann dieses Haus, die Thomas Mann Villa, so etwas wie eine Plattform der Alten Welt und der alten Gemeinschaft werden in den heutigen USA?

Das ist die Hoffnung. Und das ist das Konzept, das entwickelt wurde, als Steinmeier noch als Außenminister die Villa hat erwerben lassen.  Alles wird davon abhängen, wie das Haus tatsächlich bespielt wird. Aber ein Signal ist es. Mit einem Autor wie Thomas Mann, der zwischen 1942 und 1952 dort wichtige Werke der Weltliteratur geschrieben hat, der darüber hinaus als ein deutscher Autor sich sein Deutschtum nicht von den Nazis wegnehmen oder gar aberkennen lassen wollte, in Kalifornien deutlich gegen das nationalsozialistische Deutschland aufgetreten ist - das sind schon Haltungen, auf die wir heute sehr angewiesen sind.

Und die ersten Fellows werden der Germanist und Thomas-Mann-Forscher Heinrich Detering sein, die Soziologin Jutta Allmendinger und der Schauspieler Burghart Klaußner. Eine gute Wahl?

Eine außerordentlich interessante Wahl. Zumal sie ja ein transdisziplinäres Anliegen abbildet, wie wir das heute nennen - das sich in allen Werken Thomas Manns wiederfinden lässt. Denken Sie daran,  wieviel Musik in den Doktor Faustus eingelagert ist, wieviel Theologie in die Joseph-Romane eingelagert ist, wieviel Soziologie in den Buddenbrooks eine Rolle spielt ...  das rechtfertigt also schon vom Werk Thomas Manns her eine solche personelle und disziplinäre Zusammenstellung.