Kultur


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Emmys für Soundtracks Wie klingt eine Szene? Musik in Serien

Am Sonntag wurde der Emmy vergeben, der wichtigste Fernsehpreis der USA. Was eine Serie zum Hit macht, zeigt die kleine aber wichtige Kategorie "Outstanding Musical Supervisor".

Von: Verena Fücker

Stand: 15.09.2017

Big Little Lies | Bild: HBO/Sky Deutschland

Der Soundtrack macht den Unterschied. Von leisen Szenen über Höhepunkte bis zum Abspann – der richtige Ton zur richtigen Szene ist der emotionale Verstärker eines Films. Susan Jacobs weiß das. Sie hat den diesjährigen Emmy in der Kategorie "Outstanding Music Supervision" gewonnen.

Jacobs wird  damit für ihre Musikauswahl in der Fernsehserie "Big Little Lies"  ausgezeichnet. In der hochkarätig besetzten Serie erhält der Zuschauer Einblick in die reiche Kleinstadt Monterey, in der sich auf den zweiten Blick tiefe Abgründe auftun.

Die Kategorie "Outstanding Music Supervision" ist neu. In der Filmbranche ist das Sounddesign längst etabliert. Und seitdem nun auch Fernsehserien immer aufwändiger produziert werden, finden die Musik-Supervisore mehr Beachtung. Auch auf Druck der Guild of Music Supervisors, der amerikanische Gewerkschaft der Musik-Supervisoren, wurde diese Kategorie jetzt endlich bei den Emmys berücksichtigt.

Musik wird immer wichtiger für das Fernsehen

Bis dahin war es ein langer Weg. Denn der Wendepunkt für Seriensoundtracks war bereits zur Jahrtausendwende - mit der Serie "The Sopranos", da ist sich die Branche einig. Statt eigens komponierter Filmmusik nutzten sie Songs exklusiv, stöberten Nachwuchsbands auf. "Das hat die Tür für viele weitere Shows geöffnet", sagte Thomas Golubić in einem Interview. Er war ebenfalls für den Emmy nominiert, für seine Arbeit an "Better Call Saul".

Ein weiterer Meilenstein für Musik-Supervisoren war die Teenieserie "O.C., California" (2003-2007). Selbst Musikgrößen wie Oasis und Leonard Cohen erlaubten, dass Indie-Künstler ihre Klassiker für die Serie covern durften. Durch die Arbeit von Alexandra Patsavas wurde die Musik sogar eine Art "eigenständiger Charakter in der Serie", wie es Serienerfinder Josh Schwartz einmal formulierte. Zahlreiche Indiebands der 2000er hatten dort Liveauftritte. Musikalisch setzte die Serie Maßstäbe und ist bis heute Vorbild für andere Formate.

Ob eigenproduzierte Musik oder Stücke, die bereits bekannt sind – der Supervisor erkennt, welcher Ton welcher Szene die richtige Emotion gibt.

Kalifornien - eingefangen als Musik

Was Susan Jacobs jetzt den Emmy eingebracht hat, ist ihre Begabung, einen unglaublich atmosphärischen Soundtrack zu kreieren und die Charakteristika der einzelnen Figuren mit Musik zu unterstreichen. Die Musik ist eine weitere Kulisse, ein vierter Raum. "Little Big Lies" spielt in Kalifornien und klingt ab der ersten Sekunde nach Surfrock, Blues und Soul. Die Wellen des Pazifiks werden mit Michael Kiwanukas "Cold Little Heart" gesampelt.

Der Soundtrack ist Teil der Handlung. Chloe, die jüngere Tochter von Protagonistin Madeleine (Reese Witherspoon) fungiert als eine Art DJ. Sie wird von ihrer Mutter mehrmals gebeten, ihre Musik leiser zu machen - Musik, von der der Zuschauer zunächst denkt, sie sei einzig zur Untermalung da. In einem Interview sagt Susan Jacobs über diese Szenen: "Die Musik findet ihren Weg durch die Geräte, die Jean-Marc Vallée [der Regisseur, Anm. d. Redaktion] sowieso schon ins Skript geschrieben hat, zum Beispiel Chloes iPod." Musikalische Grenzen habe sie bei "Big Little Lies" nicht gehabt. Da in der Romanvorlage allerdings Elvis Presley und Avenue Q eine große Rolle spielen, hat Jacobs ihre Auswahl darum herum gesponnen und auch einen Song selbst geschrieben. Für jede Figur haben Jacobs und Regisseur Jean-Marc Vallée einen eigenen Sound gefunden, der deren Innenleben offenbart. So steht für Ziggy, Chloes Schulfreund, der Beat von "Papa Was A Rollin' Stone". Die Beziehung von Celeste (Nicole Kidman), und ihrem Ehemann Perry (Alexander Skarsgård) klingt nach Neil Young.

Der Charakter als Mixtape

Susan Jacobs und Thomas Golubić sind in hochkarätiger Gesellschaft. Neben ihnen waren auch Manish Raval, Jonathan Leahy und Tom Wolfe für "Girls", Nora Felder für "Stranger Things" sowie Zach Cowie und Kerri Drootin für "Master Of None" nominiert. Letztere haben mit Mixtapes gearbeitet, um sich der richtigen Musik für "Master of None" anzunähern. Zach Cowie und Kerri Drootin wussten, dass die zweite Staffel in Italien beginnen würde und bevor auch nur ein Wort für das Drehbuch geschrieben wurde, stand eine von Italien inspirierte Playlist.

Bei manchen Serien ist der Soundtrack mittlerweile so beliebt, dass er auf diversen CDs oder als Spotify-Playlists veröffentlicht wird. Trotzdem müssen Musik-Supervisoren keine Platten verkaufen. Stattdessen arbeiten sie direkt mit Drehbuchautoren, Regisseuren und Produzenten zusammen, die bereits von sich aus Musik als wichtigen Bestandteil ihrer Serien sehen. Die individuell zusammengestellten Soundtracks der Musik-Supervisoren haben mittlerweile oftmals eigens komponierter, instrumentaler Filmmusik den Rang abgelaufen. Eine eigene Emmy-Kategorie war da mehr als überfällig.


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