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Sexuelle Übergriffe "Das Schweigen aus Angst war an der Tagesordnung"

Der frühere Rektor der Musikhochschule München steht wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung vor Gericht und eine interne Umfrage der Hochschule zu sexuellen Übergriffen hatte alarmierende Ergebnisse. Professor Moritz Eggert sagt: Täter werden systematisch gedeckt. Nicht nur in München.

Von: Christoph Leibold

Stand: 15.05.2018


An der Münchner Musikhochschule geht die Debatte um ihren ehemaligen Präsidenten Siegfried Mauser weiter, der schon einmal wegen sexueller Nötigung vor Gericht stand - und nun wieder. Diesmal ist der Vorwurf noch drastischer: Unter anderem soll der 63-Jährige eine Bewerberin vergewaltigt haben. Am Mittwoch wird der Prozess am Oberlandesgericht München fortgesetzt. Über sexualisierte Übergriffe an Musikhochschulen, die Aufklärung solcher Fälle und das Phänomen, dass angebliche "Genies" im Kulturbetrieb immer wieder in Schutz genommen werden, darüber sprach kulturWelt-Moderator Christoph Leibold mit Moritz Eggert. Er ist Professor für Komposition an der Münchner Musikhochschule.

Christoph Leibold: Wenn es einen Bereich im Kulturbetrieb gibt, in dem Zuschauer noch einen Hort des Wahren, Schönen und Guten vermuten, dann ist es die klassische Musik, wo Künstlerinnen und Künstler oft gesittet in feiner Abendgarderobe auftreten. Aber das ist wahrscheinlich naiv, die E-Musik mit Anstand zu identifizieren, nur weil sie besonders nach Hochkultur ausschaut.

Moritz Eggert: Na ja, wir müssen aufpassen, dass wir bei all diesen Skandalen, die uns alle aufregen, dass wir jetzt nicht den Eindruck gewinnen, dass es sich bei der klassischen Musik um einen Sündenpfuhl handelt. Das ist es natürlich nicht. Ich würde mal sagen …

… es ist nicht wesentlich besser, aber auch nicht schlechter als in anderen Bereichen.

Ja, genau! Es ist eigentlich genau so wie in den anderen: in Firmen, in Universitäten, in der Filmbranche, in der Theaterbranche, im Fernsehen finden solche Sachen statt. Ich glaube, was die klassische Musik da allerdings ein bisschen unterscheidet ist, dass sie eben genau wie Sie es angesprochen haben, ein bisschen den Nimbus des Unschuldigen und auch des sehr, sehr Gutbürgerlichen und Braven und so was hat; und dass dieser Nimbus natürlich zum Teil schlimmere Sachen ermöglicht als es vielleicht an Orten, wo man ohnehin schon erwartet, dass es nicht so ganz koscher zugeht. Und das macht uns zunehmend Sorgen. "

"Für die Dinge, die er außerhalb der Musik getan hat, muss er sich - wie jeder andere Mensch auch - verantworten"

Vielleicht ist es auch wirklich so, dass Hochkultur ja zunächst einmal bedeutet, dass es Menschen - meist Männer – gibt, die für sich auch in Anspruch nehmen, sozusagen die 'höheren Weihen' zu haben und deshalb meinen sie, eigene Gesetze schaffen zu können. Also ist dieser Genie-Kult Teil des Problems?

Ja, wenn sich diese Menschen verteidigen, die solche Dinge getan haben, kommt in der Argumentationimmer wieder - auch von ihren Fans - das Argument 'Ja, es handelt sich doch um einen großen Künstler'. So als ob man dann jemandem, der ein großer Künstler ist, alles verzeihen müsste. Man sollte einfach nur mal die Situation ein bisschen umdrehen. Einfach mal sagen: Okay, der hätte jetzt einen Autounfall gebaut oder den Wagen eines dieser Menschen, die ihn verteidigen, angefahren, dann hätten die wahrscheinlich auch nicht gesagt: "Na ja, das ist ein großes Genie, der darf das!". Sondern dann hätten sie einfach den Schadensersatz gerne gehabt … und es geht hier ja um Verbrechen. Ich finde, das muss man auch trennen - ich muss jetzt nicht meine James Levine-CDs verbrennen oder zerstören … weil natürlich ist das ein großartiger Dirigent! - aber für mich sind das einfach zwei vollkommen verschiedene Dinge. Und für die Dinge, die er ansonsten außerhalb der Musik getan hat, muss er sich - wie jeder andere Mensch auch - verantworten.

Für sexuelle Nötigung - deshalb ist er an der Met entlassen worden - James Levine. Wir reden über München, aber das ist ja schon so: Kunst braucht andere Freiheiten. Wie muss man Regeln definieren, die diese Freiheiten nicht beschneiden, und trotzdem den Missbrauch verhindern? Also die Rektorenkonferenz der Musikhochschulen versucht ja, glaube ich, gerade genau das.

Ja, das ist ein ganz heißes Thema. Da ist man auch in anderen Ländern zum Teil schon weiter, weil es dort eben auch schon erste Verurteilungen gab; ich nehme jetzt mal Schweden und England als Beispiele. In Amerika ist das ohnehin schon sehr, sehr lange ein viel brisanteres Thema, weil dort die Universitäten ja freie Institutionen sind, die auch von Fördergeldern, und auch von den Geldern ihrer Studenten leben -, und die müssen daher einen gewissen Standard einfach bewahren. Wir haben hier eigentlich ein sehr schönes System, dass quasi das Studium fast umsonst ist für die Studenten. Aber genau das bewirkt natürlich auch, dass es keinerlei Kritik gibt, sondern es läuft einfach immer so weiter. Diese Strukturen funktionieren so. Ich denke mal, dass man im Grunde an dem Unterricht an sich, von dem jetzt immer so ominös gesagt wird 'Ja, das ist immer so eins zu eins und die sind hinter verschlossenen Türen …'. Das ist gar nicht so das Problem, weil das in den meisten Fällen komplett okay abläuft. Ich würde da meine Kollegen mal verteidigen wollen, denn die meisten sind anständig. Nur, wenn einer nicht anständig ist, dann wird er von einem ganz erstaunlichen System gedeckt, das unter anderem auch mit dieser Genie-Argumentation 'Ja, denn lassen wir das mal durchgehen; der darf auch bei sich zu Hause aus unterrichten – das ist kein Problem; ach ja, und der zeigt denen Pornos – ja, geht auch und so … Das ist natürlich eigentlich unmöglich. Da, wo es an der normalen Universität schon längst ein Disziplinarverfahren gegeben hätte, wird hier einfach gar nichts getan. Und das ist eigentlich ein Skandal.

Das mit den 'Studenten-Pornos-zeigen' hat mit einem weiteren Münchner Professor zu tun gegen den sich Vorwürfe richten: Komponist Hans-Jürgen von Bose. Auch da gibt es Vorwürfe der Vergewaltigung, die von Bose aber bestreitet. Und ob es da ein Verfahren geben wird, ist noch offen. Aber man muss ja nicht immer auf die Gerichte warten. Also, was tut denn die Münchner Musikhochschule, um für Aufklärung zu sorgen?

Na ja, als die ersten Mauser-Fälle öffentlich wurden, gab es schon einen Versuch. Es gab eine Sitzung, bei der ich auch dabei war, zu der alle Studenten hingebeten wurden, und es wurde groß verkündet, dass man jetzt etwas dagegen tun würde - und es wurde dann eine Umfrage gemacht, eine anonyme Online-Umfrage, an der man teilnehmen konnte. Da wurden auch ganz gezielt Fragen zu sexueller Belästigung gestellt. Und dann wurden diese Ergebnisse nie veröffentlicht. Und ich habe das schon etwas seltsam gefunden; ich habe dann auch in meinem Blog, dem Bad Blog of Musick, irgendwann mal öffentlich gefragt, was denn jetzt eigentlich wäre mit diesen Ergebnissen. Und daraufhin wurde ich dann in die Hochschule zitiert, und mir wurde mit Kündigung gedroht, wenn ich das nochmal schreiben würde. Ich wurde dann gezwungen tatsächlich, das online zu ändern - in: dass die Studenten jetzt ausreichend über die Frauenbeauftragten informiert seien. Und wenn ich jetzt das im Spiegel lese, wenn das stimmt, dann würde das bedeuten,…

Der Spiegel berichtet in seiner aktuellen Ausgabe über diese ganzen Zusammenhänge …

… Ja, genau. Der Spiegel veröffentlicht ja teilweise eben Ergebnisse aus dieser Umfrage, die ich total schockierend finde. Und wenn das stimmt - und ich gehe mal vom Spiegel aus, dass die nicht so schlecht recherchieren -, dann wäre das wirklich ein Skandal. Dann würde das bedeuten, dass quasi bewusst solche Sachen vertuscht wurden.

"In der klassischen Musik dürfen Frauen als Interpretinnen hübsch aussehen und ein Glitzerkleid haben. Aber wirklich was zu sagen haben nur ganz, ganz wenige."

Das wäre jetzt auch die Frage: Vertuschen ist das eine, vielleicht auch wegschauen. Also klar, jetzt im Zuge von MeToo kommt vieles ans Licht. Vorher war vielleicht auch eine  Scham da; man traute sich nicht das zu sagen. Aber man kann sich gar nicht vorstellen, dass es vorher gar niemand mitbekommen hat. Also hat man auch weggeschaut? Machen Sie sich vielleicht auch selber Vorwürfe, dass man nicht so genau hingeguckt hat?

Ja, um mal so ein Bild zu geben: Ich meine, ich bin ja jetzt nicht nur in München unterwegs als Musiker. Ich könnte an allen Hochschulen in Deutschland solche Vorfälle nennen. Ich kenne solche Geschichten, mit denen wurde unterschiedlich umgegangen. Zum Teil wurden die Leute dann gekündigt oder man hat ihnen die Kündigung nahegelegt. Und so was wurde aber immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit gemacht. Bisher ist noch nie jemand strafrechtlich verfolgt worden. Zum Teil sind viele dieser Professoren, die wegen solcher Delikte eine Hochschule verlassen mussten, an einer anderen Hochschule mit einer besseren Stelle untergekommen. Und das weiß man, also das ist bekannt; und es hat sich einfach nie jemand getraut, etwas zu sagen - und das ist auch die Chance der jetzigen MeToo-Debatte – und das halte ich für ganz, ganz wichtig -, weil es wirklich jetzt die Chance gibt, da wirklich was daraufhin zu ändern. Weil vorher war da das Schweigen aus Angst an der Tagesordnung: aus Angst, weil Karrieren tatsächlich von vielen dieser Professoren gemacht, aber eben auch zerstört werden.

Gestern ging es bei uns in der kulturWelt um den zu geringen Frauenanteil in Führungspositionen im Theater. Ich nehme mal an, in der E-Musik ist das nicht so viel anders? Wenn es diese strukturellen Probleme nicht gäbe, gäb' es wohl auch weniger Probleme der Art, wie wir sie besprochen haben. Oder wie sehen Sie das?

Ich glaube schon, dass das sehr viel verbessern könnte. Zum Beispiel im Bereich Oper können Sie die Intendantinnen oder die Generalmusikdirektorinnen wirklich auch an einer Hand abzählen in Deutschland. Das sind nicht sehr viele. Es ist nach wie vor sehr Männer-dominiert: In der klassischen Musik dürfen Frauen als Interpretinnen hübsch aussehen und irgendwie ein Glitzerkleid haben – das ist auch eine Rolle, unter der die große Callas sehr gelitten hat, wie man weiß. Aber wirklich was zu sagen haben nur ganz, ganz wenige. Es gibt Ausnahmen - und die werden auch immer mehr -, aber das sollte sich auf jeden Fall ändern. Und das ist auch an den Hochschulen nach wie vor ein Problem.

Komponist Moritz Eggert anlässlich der Missbrauchs- und Vergewaltigungsvorwürfe gegen Professoren der Münchner Musikhochschule. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch.


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