Kultur

Nach ECHO für Kollegah und Farid Bang Auch Dirigent Christian Thielemann gibt ECHO zurück

Erst das Notos-Quartett und Klaus Voormann, jetzt Pianist Igor Levit, Marius Müller-Westernhagen und Dirigent Christian Thielemann: Immer mehr Musiker geben aus Protest ihren ECHO zurück. Die Reaktionen im Überblick

Stand: 20.04.2018

Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden. | Bild: BR/Matthias Creutziger

Am 12. April wurden die ECHO-Musikpreise vergeben. Bereits im Vorfeld hatte die Nominierung der Rapper Kollegah und Farid Bang zu einer heftigen Diskussion geführt: Ihren Texten wurde Antisemitismus vorgeworfen - sollten sie dennoch die große Bühne des ECHO bekommen? Nach der Preisverleihung gaben Künstler ihre ECHOs zurück und distanzierten sich, auch aus dem Beirat des Musikpreises gab es kritische Äußerungen. Und es steht die Forderung im Raum, den Vergabemodus des ECHO grundsätzlich zu überarbeiten.

Dirigent Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden geben ECHO zurück

"Ein Preis, der Verkaufszahlen über alles stellt und am Holocaust-Gedenktag einem Live-Auftritt stattgibt, der einer Verhöhnung von Opfern des Dritten Reiches gleichkommt, wird zu einem Symbol eines Zynismus, für den wir nicht stehen. Kunstfreiheit und das künstlerische Mittel der Provokation entbinden zu keiner Zeit von Verantwortung und den Regeln des guten Geschmackes. [...] Die Sächsische Staatskapelle distanziert sich in aller Deutlichkeit von diesem Preis."

Christian Thielemann / Staatskapelle Dresden, 2009 mit dem ECHO ausgezeichnet

Marius Müller-Westernhagen gibt alle seine ECHOs zurück

"Künstler haben eine besondere gesellschaftliche Verantwortung. Sich hinter künstlerischer Freiheit zu verstecken oder kalkulierte Geschmacklosigkeiten als Stilmittel zu verteidigen, ist lächerlich. Provokation um der Provokation willen ist substanzlos und dumm. [...] Ich bin nicht der Meinung, dass die mit dem ECHO ausgezeichneten Rapper Antisemiten sind. Sie sind einfach erschreckend ignorant. Money makes the world go round. Aufgrund seiner inhaltlichen Fehlkonstruktion war der ECHO in der kulturellen Welt nie relevant. Aber hier geht es nicht um das Kalkül der profitmaximierenden Musikindustrie und ihrer Mechanismen. Es geht im Kern um den Zerfall einer kultivierten Gesellschaft, der zunehmend der innere moralische Kompass abhanden kommt, und dem sehen wir schon viel zu lange zu, ohne genügend Widerstand zu bieten. Ich schließe mich meinem geschätzten Freund und Kollegen Klaus Voormann an und werde alle meine ECHOS zurückgeben. Das schafft Platz bei mir zu Hause und in meinem Herzen."

Marius-Müller-Westernhagen

Pianist Igor Levit gibt seinen ECHO zurück

Pianist Igor Levit 2014 bei der ECHO-Verleihung

"Mein bisheriges künstlerisches Leben ist dadurch gekennzeichnet, dass ich meine Arbeit stets im Kontext der gesellschaftlichen Realität, in der ich lebe, verstanden habe. Aus diesem Grund ist die Vergabe des ECHO an Kollegah und Farid Bang ein für mich vollkommen verantwortungsloser, unfassbarer Fehltritt der ECHO-Jury und gleichzeitig auch Ausdruck für den derzeitigen Zustand unserer Gesellschaft. Antisemitischen Parolen eine solche Plattform und Auszeichnung zu geben ist unerträglich. Es ist mir daher ebenfalls unmöglich, den von mir 2014 mit großem Stolz in Empfang genommenen ECHO Klassik zu behalten. Ich habe ihn heute an den BVMI zurückgegeben."

Igor Levit

Auch Dirigent Enoch zu Guttenberg will kein ECHO-Preisträger mehr sein

"Nachdem solch ein Preis nun im Jahr 2018 auch Verfassern von widerwärtigen antisemitischen Schmähtexten verliehen und noch dazu vom 'Ethikrat' Ihres Verbandes bedenkenlos freigegeben wurde, würden wir es als Schande empfinden, weiterhin diesen Preis in unseren Händen zu halten. Das einstige Symbol für gute künstlerische Arbeit hat sich in ein schmutziges Menetekel für eine Entwicklung in unserem Land verwandelt, die uns mit tiefster Sorge erfüllt."

Enoch zu Guttenberg und Andreas Reiner vom Orchester Klangverwaltung in einem offenen Brief an den Bundesverband Musikindustrie

"Die Entscheidung war ein Fehler": Christian Höppner, ECHO-Beirat

"Ihre Musik ist nicht meine und diese Texte finde ich widerlich. Dennoch haben wir uns im ECHO-Beirat in Abwägung zwischen Kunstfreiheit und Nicht-Zulassung zugunsten der Kunstfreiheit durchgerungen. Diese Entscheidung war ein Fehler. Das derzeitige Format des ECHO-Preises aus Verkaufszahlen, Jury-Empfehlung, gegebenenfalls Beiratsanhörung und der letzten Entscheidung des Bundesverbandes der Musikindustrie über Auftritt und Preisvergabe ist so gesellschaftlich nicht mehr tragbar. Ich werde deshalb unter diesen Rahmenbedingungen nicht weiter im Beirat mitarbeiten. Es ist gut, dass der Bundesverband Musikindustrie angekündigt hat, den ECHO Pop grundlegend reformieren zu wollen. Ich werde einen Runden Tisch zu Grenzen der Kunstfreiheit vorschlagen. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens darüber, was geht und was nicht geht in den Künsten – und zwar unterhalb ordnungspolitischer Regelungen."

Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrates und bisher im Beirat des ECHO

Für das Notos-Quartett ist der Preis ein "Symbol der Schande" geworden

Ausgezeichnet 2017 mit dem ECHO als Nachwuchskünstler des Jahres: Das Notos-Quartett

"Bis vor kurzem war der ECHO in unseren Augen der renommierteste und größte Musikpreis Deutschlands. Ein Preis, der schon viele großartige Musiker ausgezeichnet hat und unter dessen gewinner wir uns gerne eingereiht hatten. Die Tatsache, dass nun eben dieser Preis offenen Rassismus toleriert, ihm gar eine Plattform bietet und ihn auszeichnet, ist für uns nicht tragbar. Über die Entscheidung der Verantwortlichen, antisemitisches und menschenverachtendes Gedankengut sowie die Verhöhnung von Opfern des Holocaust mit einem Preis zu würdigen, sind wir zutiefst erschütttert. Daher möchten wir uns von unserer Auszeichnung mit dem ECHO entschieden distanzieren und geben hiermit den Preis zurück. Wir bedauern diese Entscheidung sehr, doch die ECHO-Trophäe, die bis zuletzt noch in unserem Probenstudio in Berlin stand, ist für uns nun nichts mehr als ein Symbol der Schande."

Notos-Quartett

Charlotte Knobloch bringt eine Aberkennung des Preises ins Spiel

"Sie hätten den Preis nie bekommen dürfen. Wenn die ECHO-Verleiher jetzt ihre Verantwortung erkennen, dann gilt lieber spät als nie."

Charlotte Knobloch, frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, gegenüber dem Handelsblatt

Klaus Voormann, Musiker, Grafiker, "fünfter Beatle"

Klaus Voormann beim ECHO 2018

"Ich habe ursprünglich mit Freude den Lebenswerk ECHO angenommen, da man bei mir anscheinend nicht nach Verkaufserfolg und Umsatzzahlen ging, sondern meine künstlerische Leistung würdigen wollte. Was sich für mich als Geschenk anlässlich meines 80. Geburtstags anfühlte, entpuppt sich nun als große Enttäuschung. [...] Was muss passieren, dass ein ECHO-Ethikrat Konsequenzen ergreift und eine Nominierung - trotz Megaumsätze eines Albums - aus ethischen Gründen ablehnt? [...] Provokation ist erlaubt und manchmal sogar notwendig, um Denkanstöße zu geben. Aber es darf nicht die Grenze zu menschenverachtenden, frauenfeindlichen, rassistischen, antisemitischen, gewaltverherrlichenden Äußerungen und Taten überschritten werden. Genau diese Attribute treffen im gegebenen Fall zu, und das hat für mich nichts mehr mit der Kunstform guter Hip-Hop- und Rap-Interpreten zu tun, wie ich es beispielweise von Anfang an bei einem Eminem schätzte."

Musiker und Grafiker Klaus Voormann

Antilopen Gang: Die Debatte wird falsch geführt

"Eine Diskussion über den Antisemitismus von Kollegah, der an Chemtrails und den Pizzagate, aber nicht an die Evolution glaubt, findet in der aktuellen Debatte überhaupt nicht statt. Denn dann würde es nicht immer nur um Kunstfreiheit und diese eine Auschwitzinsassen-Zeile gehen. Diese eine schreckliche, aber vernachlässigenswerte Zeile, die tatsächlich eine Battlerap-Punchline ist, gefällt den wiedergutgewordenen Deutschen nicht, denn sie möchten bekanntlich stolz auf ihre Erinnerungskultur sein. Wollte man aber Kollegahs Antisemitismus thematisieren, müsste man über seinen Israelhass reden. Man müsste über den Wahn einer zionistischen Weltverschwörung reden. Man müsste zur Kenntnis nehmen, dass Kollegah sich genau wie die Nazis von religiöser Judenfeindschaft distanziert und sich unter den eigenen Fans Schutzjuden sucht, die ihn bestätigen und im Gegenzug freien Eintritt bei seinen Konzerten erhalten (ob sie zur Identifizierung einen gelben Stern tragen sollen, ist noch unklar)."

Antilopen Gang, 2017 für den ECHO nominiert, der Preisverleihung aber ferngeblieben

Peter Maffay fordert Konsequenzen

"Zur Tagesordnung jetzt überzugehen, geht nicht. Es muss eine Aufarbeitung geben. [...] Tatsache ist, dass der ECHO zu einem Vermarktungsmodell des Senders VOX verkommen ist. Das Regelwerk – also die Statuten und Auswahlkriterien – wurde diesem Geschäftsmodell angepasst, zum Vorteil der Initiatoren. Denn: es geht um Geld um Marktanteile und um Selbstdarstellung. Die Künstler selbst sind nur noch Statisten. Von 'repräsentativ' keine Spur. Die Folge, wie man inzwischen weiß: der Ethikrat, das Feigenblatt für delikate Fälle, geht auf Tauchstation und der Geschäftsführer des BVMI, Dr. Florian Drücke, erklärt hastig, man werde die Statuten, die den Echo regeln, neu verfassen und überarbeiten. Wir finden das reicht nicht, denn wir alle – auch wir selbst – waren nachlässig. Die Konsequenz aus den Vorfällen sollte sein: Die Verantwortlichen nehmen ihren Hut und an ihre Stelle treten glaubhafte Personen, die für die Zukunft die nötige Transparenz garantieren."

Peter Maffay auf seiner facebook-Seite

Für Campino ist eine Grenze überschritten

"Das einfachste Weg wäre, man entzieht sich der Situation und bleibt zu Hause, da hat man dann mit Sicherheit den geringsten Ärger. Ich persönlich glaube aber: Wer boykottiert, der kann nicht mehr diskutieren, wer nicht diskutiert, überlässt das Feld den anderen und denen, die sich unter Umständen noch als Opfer darstellen, obwohl ihnen keine Opferrolle zusteht. Ich mache mit den Toten Hosen seit über 30 Jahren Musik. Wir haben auch immer mal mit Provokationen und Tabubrüchen gearbeitet und in dieser Hinsicht bin ich ein bisschen vom Fach. [...] Wann ist die moralische Schmerzgrenze erreicht? Diese Debatte, die ist nötig, wichtig, sie betrifft uns alle und sie muss von uns allen geführt werden und die darf auch nicht aufhören. [...] Im Prinzip halte ich Provokation für gut und richtig. Sie kann konstruktiv sein, Denkprozesse auslösen, und aus ihr heraus können verdammt gute Sachen entstehen. Aber man muss unterscheiden zwischen dieser Art als Stilmittel und einer Form von Provokation, die nur dazu da ist, um zu zerstören und andere auszugrenzen. Für mich persönlich ist diese Grenze überschritten, wenn es um frauenverachtende, homophobe, rechtsextreme, antisemitische Beleidigungen geht – und auch um die Diskriminierung jeder anderen Religionsform."

Campino in seinem Statement bei der ECHO-Verleihung

Stellungnahme des ECHO

Und der Echo selbst? Die "Welle der Betroffenheit" im Zusammenhang mit der Preisvergabe an Kollegah & Farid Bang "hat uns sehr bestürzt", ist in einer Erklärgung des ECHOs auf Facebook zu lesen. Die Debatte habe den "Preis überhöht und zugleich überfordert". Dass er ein Publikumspreis sei, gehöre seit seiner Entstehung zur DNA des ECHOs: "Beim ECHO kamen bisher die in den Charts erfolgreichsten Produktionen automatisch auf die Shortlist und wurden dadurch in der jeweiligen Kategorie nominiert. Im nächsten Schritt konnten die Fachjury-Mitglieder aus den Nominierten ihren Favoriten wählen. Chartspositionen und Fachjurystimmen wurden gleichberechtigt addiert und so der Gewinner ermittelt." Nur in Zweifelsfällen wurde der unabhängige ECHO-Beirat eingeschaltet. Diese Grundprinzip werde nun nach den Erfahrungen aus diesem Jahr "in allen Details umfassend analysieren, entsprechende Konsequenzen daraus ziehen und ein neues, solides Fundament schaffen".

Entschuldigung des Bundesverbandes Musikindustrie

Florian Drücke

Am Dienstag dann schrieb der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Musikindustrie, Florian Drücke, in einem Brief an Charlotte Knobloch, die Auszeichnung für Kollegah und Farid Bang sei ein Fehler gewesen: "Wir entschuldigen uns ausdrücklich dafür – bei Ihnen und allen anderen Menschen, deren Gefühle wir verletzt haben." Knobloch hatte die Auszeichnung als "verheerendes Zeichen" bezeichnet, da in Deutschland die "ersehnte Sensibilität für den erstarkten Antisemitismus in unserer Gesellschaft, insbesondere an Schulen," gerade erst entstehe. Diese Kritik sei vollkommen berechtigt, schrieb Florian Drücke nun: "Wir als Vorstand haben das falsch bewertet und wollten uns an der falschen Stelle für die künstlerische Freiheit einsetzen." Das Geschehene sei nicht mehr rückgängig zu machen. "Wir können allerdings vermeiden, dass solche Fehler in Zukunft wieder geschehen."