Kultur

Duden, entspann dich! Wie das Internet vom Rechtschreibzwang befreit

Der Duden-Verlag bringt das kleine Büchlein "Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben" heraus - die Mitschrift einer Podiumsdiskussion zur Lage der Rechtschreibung. Unser Autor ist von so viel Rechtschreib-Pessimismus irritiert.

Von: Christian Alt

Stand: 15.02.2018

Matthias Wermke, der Leiter der Dudenredaktion 1996 in Mainz mit dem Duden zur neuen Rechtschreibung | Bild: dpa - Fotoreport

Früher war auch ich mal ein Rechtschreib-Nerd. Nein, ich war ein richtiger Rechtschreib-Nazi. Falsche Groß- und Kleinschreibung löste bei mir Stresspickel aus, bei Pluralformen wie "Babies" zuckte mein Augenlid vor Verzweiflung und ich schwor mir: Wenn ich noch ein verdammtes Mal "brilliant" statt "brillant" lese, dann verprügel ich jemanden mit dem Duden. Rechtschreib-Nazi sein, das war nicht nur meine zweite Natur, sondern auch mein Beruf: Als Student (Deutsch auf Lehramt, was denn sonst) verdiente ich mein Geld mit dem Korrigieren von Texten. Bei der Arbeit fühlte ich mich wie jemand, der nach einem Bohrunglück süße Robben vom Rohöl befreit. Die Welt war schmutzig, voller Rechtschreibfehler, aber ich hatte den Kärcher dabei.

Korrektes Schreiben bis zum Einkaufszettel

Mein altes Ich hätte sich vermutlich sehr über das neue kleine Büchlein aus dem Duden-Verlag gefreut: "Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben" heißt es, kostet acht Euro und ist mit seinen sechzig Seiten gerade so dick, dass man es genüsslich in einer längeren Badewannen-Session von vorne bis hinten lesen kann. Es ist das Transkript einer Podiumsdiskussion über Rechtschreibung, prominent besetzt mit dem Germanistikprofessor Peter Gallmann, der Pädagogin Ulrike Holzwarth-Raether und dem Schauspieler Burghart Klaußner (ganz wichtig: "t" und "ß").

Klaußner ist derjenige in der Runde, der zuständig ist für Power-Sätze wie "Ohne Rechtschreibung keine Zivilisation, keine Zivilisiertheit, keine Literatur, keine Sprache, nichts, außer Radebrechen und sich irgendwelche Schlagworte um die Ohren hauen." Und damit diese Sätze noch mal doppelt knallen, werden sie in dem kleinen Büchlein ganz fettgedruckt (oder muss es "fett gedruckt" heißen? Ich glaube, ich habe zu heiß gebadet). Die drei Podiumsgäste outen sich recht schnell als Rechtschreib-Nerds – Holzwart-Raether gibt sogar an, beim Einkaufszettel genau auf die Rechtschreibung zu achten und fügt hinzu: "Manchmal werden die Produkte anders geschrieben, als ich sie schreiben würde: Dann halte ich mich an die Schreibweise, wie sie auf den Produkten steht."

Ich kenne das Leben, das die drei Diskutierenden führen. Auch mir ging es einmal so. Ein gnadenloser Rechtschreibzwang. Jahrelang fühlte ich mich so, als würde der große Rechtschreibbruder jedes geschriebene oder getippte Wort peinlich genau überwachen – und Fehlverhalten sofort in sein kleines Notenbüchlein aufschreiben. Wirklich frei wurde ich erst durch das Internet – genauer Online-Chats: WhatsApp, Facebook Messenger, Twitter Direktnachrichten. Stundenlang hänge ich dort mit meinen Freunden ab, tippe während des Fernsehens, während des Zähneputzens, während des Honigbrotschmierens und ja: leider auch während des Autofahrens und des Arbeitens. Sorry, liebe Redaktion. Und damit bin ich nicht allein: Morgens auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn starren wir alle in unsere Smartphones, tippen wie wild rum, organisieren unseren Tag oder unseren Feierabend. Und wenn ich "wir" sage, dann meine ich: Jeder unter 40. Nochmal fettes Sorry, liebe Redaktion.

Der Duden hat digitale Kommunikation nicht verstanden

Denn was in dem kleinen Büchlein vom Duden-Verlag kaum zur Sprache kommt, ist, dass sich schriftliche Kommunikation grundlegend verändert hat. Ja, die drei Rechtschreibprofis erkennen alle an, dass das digitale Schreiben uns vor große Herausforderungen stellt.

"Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben", im Duden-Verlag erschienen

Burghart Klaußner sagt sogar: "Ich werde bis zum Ende meiner Tage dafür kämpfen, dass wir nicht aufgeben, in dieser digitalisierten Welt anständig zu schreiben – und zwar nach der deutschen Rechtschreibung und nicht nach der englischen oder amerikanischen." Wieder einer dieser Power-Sätze. Aber ich bezweifle, dass sie wirklich verstanden haben, wie digitale Kommunikation funktioniert. Es geht uns beim WhatsAppen oder beim Twittern oder beim Facebook-Messengern doch nicht um den Inhalt. Es geht um die Simulation von Nähe, Mündlichkeit und Unverbindlichkeit. Chat-Sprache soll, beziehungsweise muss sich von der Schriftsprache unterscheiden. Sie muss verschliffen sein, unperfekt, manchmal vulgär. Genau darum geht es doch: Dem Gegenüber das Gefühl zu geben, dass man eben mit einem echten Menschen plaudert, statt mit einem Rechtschreib-Roboter, der dreißig Mal im Duden nachschlägt, wie man jetzt "he he was machst du so" richtig schreibt, bevor er auch nur eine WhatsApp verschickt.

Der Online-Knigge, der noch geschrieben werden müsste

Denn wir fleißigen Internetnutzer wissen: Es gibt Rechtschreibregeln, die eben nicht im Duden stehen. Sondern höchstens in einem Online-Knigge, den es noch zu schreiben gälte. Eine dieser ungeschriebenen Regeln: Satzzeichen in Chats machen suspekt. Britische Forscher haben 2015 sogar herausgefunden, dass es beim Empfänger als unhöflich empfunden wird, eine Text-Nachricht mit Punkt zu beenden. Wenn ich meine Freundin frage, ob sie sauer auf mich ist und sie antwortet mit "Nein." statt "nein", dann weiß ich, dass ich besser früher als später einen Entschuldigungs-Blumenstrauß bei Fleurop bestelle.

Natürlich hat der schmale Band aus dem Duden-Verlag aber auch recht: Wir brauchen Rechtschreibung. Wir brauchen sie, um nicht blöd auszusehen, wenn’s drauf ankommt: In der Mail an den Chef, bei einer Bewerbung oder beim Schreiben eines Online-Kommentars. Wir brauchen sie, damit gerade die eine Chance haben, bei denen zu Hause eben nicht Deutsch gesprochen wird.

Rechtschreibung? Nicht in jeder Situation!

Aber vielleicht sollten wir alle mal ein bisschen weniger pessimistisch sein. Meine Generation würde entgegnen: Chillt halt mal, ihr Almans! (Falls man "chillt" überhaupt noch sagt, müsste ich jetzt im "PONS Wörterbuch der Jugendsprache" nachschlagen.) Wir wissen sehr wohl, wie man richtig schreibt. Wir haben nur keinen Bock unsere Rechtschreib-Skills jeden Tag rauszuholen. Nicht jeder Text ist eine Bewerbung, die Karriere hängt nicht von jedem Komma ab, nicht jeder Kopplungsfehler führt zum Ende des ohnehin befristeten Arbeitsvertrags. Und mit meinem Optimismus bin ich nicht allein: Peter Gallmann sagt in dem Büchlein selbst: "Es gibt Untersuchungen dazu, die haben gezeigt, dass die heutigen Schüler fähig sind, Register zu unterscheiden. Das heißt, sie wissen ganz genau: Wenn ich Text x schreibe, dann gelten diese Regeln." Leider kommt diese Analyse sehr kurz, denn danach geht es munter weiter mit Rechtschreib-Pessimismus.

Christian Alt

Da wird sich beim Restaurantbesuch gefragt, ob dort wohl auch so gekocht wird, wie geschrieben und Burghart Klaußner findet die Formulierung "die 1920er-Jahre" einen dieser "Auswüchse, die einen sensiblen Sprachmenschen wahnsinnig machen." Chillt halt mal!
Rechtschreibung ist wie das geschärfte Steakmesser in der Schublade: Man braucht sie, aber eben nicht in jeder Situation. Meistens reicht eben auch das stumpfe Nutella-Messer.