Kultur

Dobrindt & Co. Die konservative Revolution ist das Banner der rechten Eliten

Was verbindet Alexander Dobrindt mit Denkern vom rechten Rand? Der Begriff der „konservativen Revolution“. Was bedeutet er? Und wie wurde er zu einem Kampfbegriff?

Von: Martin Zeyn, Thomas Meyer

Stand: 19.06.2018

12.06.2018, Berlin: Horst Seehofer (CSU), Bundesminister für Inneres, Heimat und Bau, und Alexander Dobrindt (l), CSU-Landesgruppenchef, nimmt an der CDU/CSU-Fraktionssitzung im Bundestag teil. Foto: Kay Nietfeld/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bild: dpa-Bildfunk/Kay Nietfeld

„Die linke Geschichte der Achtundsechziger ist zu Ende erzählt und hat sich überholt. Was wir derzeit erleben, ist eine konservative Revolution der Bürger – gewachsen in der Mitte unserer Gemeinschaft, mit einer Besinnung auf Tradition und Werte. Das Treibhaus dieser Entwicklung sind Globalisierung und Digitalisierung, denn in einer sich immer schneller wandelnden Welt sehnen sich die Menschen stärker nach festem Halt – nach Heimat, Sicherheit und Freiheit.“ Das schrieb Alexander Dobrindt am 1. März 2018 in der Tageszeitung „Die Welt“.

Den Begriff „konservative Revolution“ hat Dobrindt allerdings nicht erfunden. Er taucht im deutschen Sprachraum vielmehr bereits 1927 bei Hugo von Hofmannsthal auf. Die Beschäftigung mit dem Begriff „konservative Revolution“ ist da schon längst ein europaweites Phänomen: Russische Autoren publizieren bereits 1875 eine Schrift mit dem Titel „Konservative Revolution“, die eine lange Debatte nach sich zieht. Auch der rechtsextreme französische Publizist Charles Maurras benutzt den Begriff bereits 1900.

Wie aber kommt es dazu, dass dieser über 100 Jahre alte Terminus jetzt auf einmal wieder so stark diskutiert wird? Das liegt zum einen daran, dass sich unter seinem Banner verschiedene konservative Kräfte sammeln können: nationalkonservative, völkische und revisionistische. Zum anderen daran, dass ihm der Nimbus anhaftet, ein Begriff  rechter Eliten zu sein, die nichts mit den Verbrechen der Nationalsozialisten zu tun haben.

Für den Führer – gegen die Weimarer Demokratie

Die Geschichte aber sieht anders aus: Die deutschen Verfechter einer konservativen Revolution teilen mit den Nationalsozialisten viele Ziele: Herrschaft einer Elite, Schaffung eines starken Deutschlands, Rückbesinnung auf urdeutsche Wurzeln. Allerdings scheitern alle Anstrengungen der Konservativen, die Nationalsozialisten für die eigenen Ziele zu benutzen – oder die NS-Bewegung zu spalten.

Der konservativ-katholische Jurist, Politiker und Publizist Edgar Julius Jung zum Beispiel schreibt in seinem Artikel „Deutschland und die konservative Revolution“ 1932: „Konservative Revolution nennen wir die Wiederinachtsetzung all jener elementaren Gesetze und Werte, ohne welche der Mensch den Zusammenhang mit der Natur und mit Gott verliert und keine wahre Ordnung aufbauen kann. An Stelle der Gleichheit tritt die innere Wertigkeit, an Stelle der sozialen Gesinnung der gerechte Einbau in die gestufte Gesellschaft, an Stelle der mechanischen Wahl das organische Führerwachstum.“

Er spricht sich also gegen die Massengesellschaft aus – und für die Herrschaft eines Führers, dem die rechten Eliten das Feld bereiten. Trotzdem wird Jung 1934 von den Nationalsozialisten ermordet. Andere haben mehr Glück. Sie nutzen die sich bietenden Gelegenheiten während der zwölf Jahre NS-Herrschaft, um für die Zeit danach zu planen. Und so kommen sie denn gleich nach 1945 auch in wichtige Positionen. Das Dritte Reich ist für sie nur ein Fehltritt, allerdings gilt es erst einmal, seine Position verdeckt zu vertreten, um die eigenen Ziele zu erreichen: ein starkes Deutschland, geführt von Männern, die wissen, wie das geht.

Armin Mohler, SS-Freiwilliger und Systematiker der ‚Konservativen Revolution‘

Armin Mohler | Bild: Frank Mächler / dpa

Exemplarisch dafür steht der Schweizer und SS-Freiwillige Armin Mohler. 1949 legt er seine Dissertation „Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932“ vor. Mohler geht es hauptsächlich darum, Deutschland von der Schmach zu befreien, verloren zu haben und als Verbrecher dazustehen. Deshalb stellt er den Nationalsozialismus und den Kalten Krieg als Ereignisfolge dar, als großen „Weltbürgerkrieg“, wie es in den Fünfzigern hieß – eine historische Relativierung, an der sich später der Historikerstreit entzünden wird und die sich bis heute als Denkfigur bei konservativen Historikern findet. Der Nationalsozialismus sei nur die radikale Antwort auf die Eroberungspläne des Kommunismus gewesen. Der Überfall auf Polen die präventive Abwehr einer unheimlichen Aufrüstungspolitik des Nachbarn weiter im Osten. Nicht zufälligerweise kam in dieser Erzählung der Holocaust nur als Kollateralschaden der Kriegshandlungen vor. Direkte antisemitische Ausfälle finden sich nicht, man hält sich bedeckt nach ‘45, aber bei Mohler wie allen seinen Nachfolgern gibt es eine deutliche Weigerung, sich der Schuld, Millionen Menschen aus rassischen Gründen ermordet zu haben, zu stellen.

Mohler scheitert mit seinen akademischen Plänen und wird schließlich Leiter der Münchner Carl Friedrich von Siemens-Stiftung. Zusammen mit Caspar von Schrenck-Notzing gründet er 1970 die Zeitschrift „Criticón“. Sie erreicht zeitweise bis zu 8.000 Stück Auflage und schafft den Nährboden, auf dem die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ im Mai 1986 in Freiburg gegründet wird.

Und wer war dieser von Schrenk-Notzing? Der vermögende Adelige hatte 1965 die Schrift „Charakterwäsche“ vorgelegt, die den Prozess der angeblichen „Manipulation“ des deutschen Volkes mittels „Reeducation“ der Alliierten scharf angriff. Auch das ist typisch für die neu-rechte Verdrängung: Nicht die Shoah war das Problem, sondern deren Thematisierung.

Botho Strauß und das vernebelte Deutsche

Auch heute scheinen sich einige Autoren und Intellektuelle in Deutschland nicht mehr wohl zu fühlen. Botho Strauß etwa schreibt in seinem neuen Buch „Der Fortführer“: „Die Aufgabe ist so leicht zu umreißen, wie sie schwer zu bewältigen ist: die Zeichnung des letzten Deutschen als Phänotyp. Er ist weder Chauvinist noch völkisch gesinnt. Ist hörig allein seiner Muttersprache. […] Heute aber steigt die lingua franca wie alles von unten auf und vernebelt die Gipfel.“

Noch prominenter und deutlicher dürfte Uwe Tellkamp sein. Sie alle beklagen Überfremdung, einige aber auch den Verlust des Heldentums und die Vorherrschaft des Massengeschmacks – allesamt Positionen, mit denen die Rechte seit gut einem Jahrhundert die Demokratie zu diskreditieren versucht. Ein bisschen altdeutsches Raunen, wie bei Strauß, gehört spätestens seit Ernst Jünger dazu. Ein homogener deutscher Volkskörper wird beschworen – ohne Einwanderer, die zuallererst die deutsche Sprache  verderben. Auch das richtet sich gegen die moderne Demokratie, die sich eher der Eingliederung als dem Ausschluss verpflichtet sieht.

„Nationalmasochismus“ – oder wie man sich aus seiner Verantwortung stiehlt

Die konservativen Revolutionäre hingegen wollen die Deutschen wieder stark machen. Dazu müssen sie wieder Herr über die ruhmreiche 1.000jährige Geschichte werden. Der Nationalsozialismus ist dann nur noch ein „Vogelschiss“. Der österreichische Rechtsintellektuelle Martin Lichtmesz beklagt denn auch eine „Art Nürnberg in Permanenz“. Damit meint er den Versuch der Deutschen nach 1945, die „Schuld“ am Zweiten Weltkrieg ausschließlich bei sich zu suchen, bis diese „Schuld“ schließlich zur Grundlage der deutschen Politik wurde. Er will ihren vermeintlich „negativen“ Gründungmythos namens „Auschwitz“ zerstören – und damit die deutsche Nachkriegsgesellschaft insgesamt delegitimieren.

Das Ziel ist jedoch nicht, offen über die deutsche Geschichte zu diskutieren, sondern genau diese Diskussion zu verhindern. Die Konservativen Revolutionäre raunen eben lieber von Patrioten und dem Ruhm von 1.000 Jahren, als sich mündig der eigenen Verantwortung und den Anforderungen der Moderne zu stellen. Ihre Revolution ist eine Mogelpackung.

Die komplette Sendung: Anschwellender Revolutionsgesang - über die alten und neuen Rechten

Der rechte Kampfbegriff der "Konservativen Revolution" erlebt gerade eine Renaissance. Der Philosophie-Historiker Thomas Meyer beleuchtet seine Geschichte. Auch als Podcast verfügbar.