Kultur

DLD18 Digitale Intelligenz – oder digitale Dummheit?

Eine der mächtigsten Erzählungen der Digitalwirtschaft lautet: Mit Künstlicher Intelligenz werden wir Probleme, die ewig als unlösbar galten, endlich bezwingen. Ob und wie das gelingen kann, war das Hauptthema auf der DLD 18.

Von: Martin Zeyn

Stand: 22.01.2018

Ein Roboterarm spielt Brettspiel | Bild: picture-alliance/dpa

Utopia steht vor der Tür. Undenkbares wurde erreicht, ein Großmeister wurde im Brettspiel Go von einem Computer geschlagen, Programme zur Spracherkennung haben ein besseres Leseverständnis als Studenten, die gegen sie antraten. Die lernende Maschine leistet Erstaunliches, wenn das Handy unsere gesprochenen Befehle erkennt.

Soweit die aktuellen Erfolgsmeldungen. Wer sich schon länger mit der Künstlichen Intelligenz (KI) beschäftigt hat, reibt sich die Augen. Es werden enorme Summen investiert, um die Forschung, die jahrzehntelang auf der Stelle trat, nach vorne zu bringen.

Jürgen Schmidhuber bei der DLD-Konferenz

Was wir aber sehen, und was Experten auf der DLD-Konferenz immer wieder bestätigten: Wir haben es noch nicht mit einem maschinellen Bewusstsein oder mit Eigenwahrnehmung zu tun. KI ist im Wesentlichen maschinelles Lernen – ein Programm verfügt über einen möglichst große Datenfundus und versucht, durch einen möglichst großen Fragenkatalog eine Lösung zu finden, die besser ist als die vorherige. Von einer universellen Problemlösungsmaschine seien wir aber weit entfernt, meinte Jürgen Schmidhuber, den die New York Times den Paten der Künstlichen Intelligenz nannte. Allerdings, so setzte er süffisant nach, auch unter Menschen sei diese Fähigkeit nicht sehr verbreitet.

Der digitale Stein der Weisen

Trotzdem wird Künstliche Intelligenz heute verkauft, als wäre sie die Antwort auf all unsere Fragen, quasi als ein Stein der Weisen, der statt Blei in Gold den schwachen menschlichen Geist in ein besseres, höheres, virtuelles Wesen verwandelt – so klangen zumindest einige Wirtschaftsführer. Interessanter waren da schon die Ausführungen von Profis, von Wissenschaftlern, die die Kärrnerarbeit des Programmierens kennen. Noch sei jedes menschliche Hirn der KI überlegen – aber vielleicht nicht mehr auf ewig, meinte Jürgen Schmidhuber.

AfD aus Angst vor Automation?

Was aber außer Frage steht, die Künstliche Welt wird die Welt verändern. Fraglich ist, was mit all den Menschen geschehen soll, deren Fähigkeiten nicht mehr gebraucht werden. Die Angst, von einer Maschine ersetzt zu werden, ist groß und führt schon jetzt zu politischen Verwerfungen. Auf diesen Zusammenhang wies der schwedische Spezialist für Automation Carl Benedikt Frey hin:

"Wenn wir uns anschauen, was den Ausschlag gab für die US-amerikanische Präsidentschaftswahl, dann waren es die drei Staaten Michigan, Wisconsin und Pennsylvania. Was zeichnet diese Bundesstaaten aus? Es gibt dort viele Arbeiter. Was den Ausschlag gab, war – Automation. Wer sich fürchtete, seinen Job wegen eines Roboters zu verlieren, wählte überwiegend Donald Trump."

Carl Benedikt Frey

Schon die letzte Revolution der Arbeitswelt, jene vom agrarischen zum maschinellen Zeitalter, habe viele Verlierer hervorgebracht, so Frey. Bevor es dann zum Anwachsen der Mittelschicht gekommen ist und zur Entstehung einer Facharbeiterschaft, wie sie die moderne Gesellschaft kennzeichnet. Und wie sich für die digitale Revolution wappnen? Frey gab drei Ratschläge: 1) Wohne in einem Zentrum, wo sich die Firmen und Ausbildungszentren befinden. 2) Wachse nicht in einem Alleinerziehenden-Haushalt auf, denn dann hast du kaum eine Chance aufzusteigen. 3) Sei kein Mann, der vor dem Fernseher sitzt und seine Leber malträtiert.

Die Abstiegsangst, so Frey, sei für ihn ein zentraler Grund für die Polarisierung in unserer Gesellschaft und für den Aufstieg der Populisten. An die gesellschaftlichen Auswirkungen, die Verwerfungen gar denken die Jünger der KI zu selten.

KI als open source?

Es wird Verlierer geben bei der digitalen Revolution. Aber vielleicht kommt ja alles anders. Schmidhuber hat die Hoffnung, dass der Quellcode für KI eines Tages nicht mehr als zehn Zeilen umfassen und von jedem Schüler verstanden werden wird. Dieser Gedanke muss nur ein wenig weitergedreht werden, dann wird seine ganze Brisanz deutlich: Als offener Zugang im Netz könnte er ungeahnte Möglichkeiten eröffnen. Noch aber beherrschen wenige Firmen das Feld, weil nur sie die immensen Mittel aufbringen können, die zur Verarbeitung riesiger Datenmengen nötig sind.

Künstliche Intelligenz ist kein Fatum, kein Damoklesschwert, sondern ein Tool, ein Werkzeug wie ein Hammer, der uns in die Lage versetzt, jemanden umzubringen, oder ein Haus damit zu bauen, meinte der Hacker und Unternehmer Pablos Holman. So verstanden, muss niemand sich vor der Künstlichen Intelligenz fürchten.