Kultur

"Die Spur" Kritischer Thriller aus dem postsozialistischen Polen

Ein Wilderer, der Polizist, der Priester und der Bürgermeister eines Dorfes werden tot aufgefunden. Agnieszka Holland deckt in "Die Spur" die ruinöse Wirkung von Angst auf. Ein Thriller in ländlicher Idylle, mutig und spannend.

Von: Kirsten Martins

Stand: 03.01.2018

Die exzentrische Ex-Ingeneurin Duszejko lebt mit ihren Hunden in einem einsamen Haus in den Wäldern nahe der tschechischen Grenze. In einer verschneiten Winternacht entdeckt die Astrologin mit den weißen wirren Haaren den dorfbekannten Wilderer tot in seiner Hütte. Wenig später gibt es im nahen Dorf drei weitere rätselhafte Todesfälle: der Polizist, der Priester und schließlich auch der Bürgemeister werden leblos aufgefunden. Jeder misstraut dem anderem: vielleicht ist ein Serienmörder unter ihnen? Oder rächt sich die Natur an den passionierten Jägern? Spuren weisen daraufhin, dass sie vielleicht von Wildschweinen, Hirschen, Krähen oder sogar von Käfern getötet wurden.

Agniezka Holland, die in den USA Folgen für die TV-Serien "House of Cards" und "Treme" inszenierte, mischt gekonnt und publikumswirksam Genre-Elemente aus Märchen, Western, Komödie und Krimi. Und bewegt sich stilistisch zwischen Naturalismus und Surrealismus. "Wir wollten ein Märchen erzählen - doch vor allem geht es um Angst. Angst spüren die Menschen und die Tiere. Angst ist eine Währung der Politik geworden. Wir sollten es nicht erlauben, dass uns die Angst bestimmt", sagt die Regisseurin.

Humorvoll böse Gesellschaftssatire

Die Regisseurin hat vor nichts Angst, ihr ist auch nichts heilig. In ihrer humorvoll bösen Gesellschaftssatire hält sie wenig von einer vereinfachenden Schwarzweiß-Dramaturgie und Figurenzeichnung. Ebenso wie in dem zugrunde liegenden Roman "Der Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk sind auch in "Die Spur" alle Figuren moralisch ambivalent. Ihre Motive sind egoistisch, sogar die tierliebende Duszejko ist keine hehre, nur altruistisch handelnde Frau.
Immer wieder fallen Schüsse, Tiere und Menschen rennen durch stimmungsvolle Naturbilder. Die Jahreszeiten wechseln, Morgennebel über verschneiten Wäldern, leuchtende Frühlingswiesen, Sommerhimmel mit Wolkenschlieren, dunkle Tannendickichte, in denen irgendwann auch die Leiche eines Mannes gefunden wird, die schon seit dem Sommer verschwunden ist.

Porträt des postsozialistischen Polen

Dieser durchtriebene Krimi weitet sich im Hintergrund zu einer scharfen Zivilisationskritik, bildet in der kleinen Dorfgemeinschaft das große Ganze ab. Porträtiert ein postsozialistisches Polen, in dem die Zeiten von Solidarność vorbei sind. "Wir stecken in einer intellektuellen Krise und totalitäre Bewegungen umgeben uns immer stärker, vor allem in Polen. Der Film möchte die grundlegenden Dinge definieren, die die Demokratie aufrechterhalten. So wird etwa eine Demokratie nie wirklich funktionieren, wenn sie nicht auch an die Schwachen, sogar an die Tiere denkt, und an all die Minderheiten", sagt Agniezka Holland.

Überall haben Grausamkeit, Gier, Korruption, Lügen und reaktionäre Gedanken die Oberhand gewonnen. Die Mächtigen, die Reichen dieses Dorfes, können ohne Widerstand jene ausgrenzen, die nicht passen, die anders als sie denken und handeln. Duszejko jedoch weiß sich selbstbewusst und gewitzt zu wehren. Ein freches, modern erzähltes Kunststück, das mit leichter Hand in die Gegenwart und Vergangenheit Polens blickt und unsere Gegenwart analysiert - amüsante, kluge Unterhaltung.