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Doku "Die grüne Lüge" "Wir retten die Konzerne, nicht die Natur"

Grüne Produkte kaufen und so die Welt retten? Ein Trugschluss: Das zeigt die Doku "Die grüne Lüge". Im Interview erklärt Regisseur Werner Boote, warum bewusster Konsum nur den Konzernen hilft – und was wirklich helfen würde.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 22.03.2018

Drei Menschen stehen auf einer abgerodeten Fläche. Szene aus der Doku "Die grüne Lüge". | Bild: Little Dream Entertainment

Es gibt Feel Good Filme, und es gibt Filme, nach denen man sich nicht mehr so gut fühlt. Die führen aber, manchmal zumindest, zu Veränderungen. Ein solcher Film ist die Doku "Die grüne Lüge", die heute in den Kinos anläuft. Sie zeigt, dass wir uns nicht auf die Versprechungen vermeintlich grüner und fairer Produkte verlassen können. Warum bewusster Konsum die Welt nicht rettet – und was wir stattdessen tun könnten, darüber hat Judith Heitkamp mit Regisseur Werner Boote gesprochen.

Judith Heitkamp: Der Film "Die Grüne Lüge" handelt von Feel Good Produkten, könnte man sagen. Von Produkten mit Ökosiegel von Unternehmen, die sich für die Umwelt engagieren. Von Produkten, die man als mündiger Konsument eigentlich mit gutem Gewissen kauft. Wie wurde das zum Thema für sie?

Werner Boote: Zuerst einmal: Wir haben festgestellt, dass der Film sehr wohl eine Art Feel Good Movie ist, weil die Menschen nach dem Film wahnsinnig motiviert aus dem Kino gehen und sagen: Jetzt wollen wir was tun! Das ist für mich ein Zeichen, dass der Film zwar tief ins Herz geht, weil wir ja auch sehr viel Zerstörung im Film zeigen. Aber wir zeigen auch, dass weltweit sehr viele Menschen daran interessiert sind, etwas zu tun. Und abgesehen davon haben wir auch sehr viele witzige Szenen im Film. Also er kann schon sehr glücklich machen.

Sie haben mit ihrer Co-Autorin Kathrin Hartmann tatsächlich eine Menge Spaß, das sieht man im Film auch. Aber vielleicht erzählen sie nochmal von Anfang an, denn am Anfang sind sie ja derjenige, der sagt: Wieso, ist doch alles okay! Ich kaufe diese guten Produkte, ich bin ein guter Konsument!

Regisseur Werner Boote in "Die grüne Lüge"

Ja, das war auch der Grund, warum ich den Film gemacht habe:  Ich stand immer vor irgendwelchen Supermarktregalen und dachte, welches Produkt ist jetzt besser, was soll ich jetzt tun? Und "Die grüne Lüge" zeigt eben auch, dass es absurd ist, dass wir im Supermarkt dafür verantwortlich gemacht werden, die Welt zu retten. Der Film ist ein Aufruf: Wir müssen darauf bestehen, dass Produkte umweltfreundlich hergestellt werden und so, dass sie nicht auf Kosten der Menschen gehen.

Sie fahren zusammen mit Kathrin Hartmann um die Welt, um zu sehen, wie das mit den guten Gefühlen dann am Produktionsort so aussieht. Ein Beispiel ist Palmöl. Wir haben alle inzwischen gelernt: Palmöl ist so billig, dass es in praktisch allen Fertiggerichten vorkommt und man scheinbar gar nicht darum herum kommt. Aber es führt zur Zerstörung von Regenwald. Sie haben mit beiden Füßen im zerstörten Regenwald gestanden…

Das war eines der wohl schrecklichsten Erlebnisse, die ich während der Dreharbeiten hatte. Man bereitet sich ja immer auf Film-Arbeiten vor. Und ich war darauf eingestellt, dass ich auf einem verbrannten Regenwald stehen werde, auf einem verbrannten Feld. Aber dass das dann so immens groß ist und man bis zum Horizont blickt und nichts anderes als Asche sieht und man über dieses verbrannte Feld stapft und immer wieder einbricht und man nicht weiß, ob unten noch ein Feuer lodert, um einen herum kein Vogelgezwitscher, keine Tiere, kein Blätterrauschen, nicht mal eine Fliege, die dort fliegt – das treibt einem schon die Tränen in die Augen. Weil man sich denkt: Was geht da für eine Brutalität ab von unseren System? Und: Da muss man doch etwas ändern!

Nach diesen Bränden kommen dann Firmen und ihre Palmölplantagen – es gibt aber doch das Siegel "Nachhaltiges Palmöl", das kann doch nicht einfach gelogen sein?

Die Situation war folgende: Die Palmölindustrie hat sich Umweltschutzorganisationen geholt, um sich ein grünes Siegel zu verschaffen. Die Umweltschutzorganisationen haben ihrerseits gemeint, sie könnten Einfluss nehmen, dass es vielleicht einmal in eine bessere Richtung geht. Das ist aber nicht passiert, im Gegenteil: Die Palmöl-Industrie ist nach wie vor extrem intransparent, holzt primären Regenwald ab. Das war einfach schrecklich irreführend über viele Jahre und ich glaube, da muss mal ein Schlussstrich gezogen werden. Palmöl ist einfach für die Zerstörung immenser Regionen verantwortlich. Wir haben "Die grüne Lüge" in Indonesien gedreht und zeigen es dort, aber die Schäden sehen wir in vielen Ländern.

Palmöl ist auch nur ein Beispiel. Sie führen noch viele andere auf und kommen dann irgendwann an den Punkt, wo klar wird: Grüne Gefühle beim Kaufen vermeintlich grüner Produkte sind erstens sehr fragwürdig und vor allem führen sie dazu, dass sich nichts ändert. Ein anderes Beispiel ist Tesla, ein grünes Auto, das ohne Benzin auskommt, das man doch eigentlich kaufen könnte. Aber auch da bleibt es dabei, dass wir Autos kaufen und weiter fahren. Was ist die Alternative?

Was dadurch passiert, ist, dass Politiker und Politikerinnen sich zurücklehnen, dass auch wir Menschen uns zurücklehnen und denken: Der Konzern wird‘s schon retten, der wird‘s schon machen für uns. Wir glauben, dass wir durch aufmerksamen Konsum die Welt oder die Natur retten könnten. Aber das ist ein Trugschluss: Das, was wir retten, sind die Konzerne, aber sicherlich nicht die Natur.

Zum Schluss kommt sogar der berühmte Kapitalismuskritiker Noam Chomsky zu Wort und Sie lassen sich auffordern, diesen Film zu machen.

Das war für mich ein sehr bewegender Moment, weil ich Noam Chomsky sehr, sehr schätze. Das war eine große Ehre, mit ihm darüber zu sprechen. Und das Schöne ist, dass er dann sagt: Im 16. Jahrhundert hätte auch niemand gedacht, dass es einmal parlamentarische Demokratien geben würde, und trotzdem wurde das durchgesetzt. Und deshalb denke ich: Vielleicht haben wir ja doch eine Chance, wenn alle zusammen helfen. Denn es gibt einfach wahnsinnig viele Menschen, die spüren dass es, so wie es jetzt läuft, nicht mehr weitergehen kann.

Viele von diesen Menschen haben Sie auch getroffen und die kommen im Film auch zu Wort. Aber wie ist es dann mit den berühmten vielen, kleinen Schritten und der Verantwortung des Einzelnen? Kann ich mir das in Zukunft sparen, diese wahnsinnig komplizierten Etiketten-Listen zu lesen und zu schauen, ob Palmöl drin ist oder nicht?

Sie sprechen genau das an, was ich in Vielem auch anspreche: Ich hätte gern diese Kaufentscheidung weggenommen. Weil wir einfach begreifen müssen, dass wir nicht mehr diese Konsum-Idioten sind, auf die wir heruntergebrochen wurden über die Jahrzehnte.

"Die Grüne Lüge" (Regie: Werne Boote) ist ab heute im Kino zu sehen.


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